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Im ganzen Land waren Hunderttausende Menschen auf der Strasse
Aus SRF 4 News aktuell vom 22.11.2019.
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Generalstreik als Auftakt? «Kolumbien könnte der nächste Unruheherd werden»

Der Generalstreik in Kolumbien ist am Donnerstag teilweise in Zusammenstösse zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften ausgeartet. Die meisten der rund 200'000 Protestierenden verhielten sich jedoch friedlich. Was der Streiktag bringen kann und ob jetzt Dauerproteste drohen, weiss ARD-Südamerika-Korrespondent Ivo Marusczyk.

Ivo Marusczyk

Ivo Marusczyk

Journalist

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Ivo Marusczyk berichtet für die ARD und den Bayerischen Rundfunk aus Südamerika. Er lebt in Buenos Aires.

SRF News: Wie erfolgreich verlief der Generalstreik, zu dem rund 40 Organisationen aufgerufen hatten?

Ivo Marusczyk: Trotz des Generalstreiks waren viele Läden geöffnet, auch der öffentliche Verkehr kam nicht vollständig zum Erliegen. Die Demonstrationen selber waren allerdings beeindruckend, im ganzen Land waren wohl Hunderttausende auf den Strassen. Allein in Bogotá gab es 26 Kundgebungen.

Die Protestierenden eint die Wut auf Präsident Duque.

Proteste fordern drei Tote

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Bei den landesweiten Protesten gegen die Regierung in Kolumbien sind drei Menschen ums Leben gekommen. Sie seien am Donnerstag bei Zusammenstössen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften im Department Valle de Cauca im Westen des Landes getötet worden, sagte Verteidigungsminister Carlos Holmes Trujillo am Freitag.

Bei Krawallen am Rande der Demonstrationen seien 150 Polizisten und 122 Zivilisten verletzt worden. 98 Menschen wurden demnach festgenommen.

Wer stand hinter dem Streikaufruf?

Es waren verschiedene Gruppen wie Gewerkschaften, Studentengruppen oder Indigenenverbände. Ihre Anliegen sind völlig unterschiedlich – doch sie alle eint die Wut auf die Regierung von Präsident Ivàn Duque.

Ivàn Duque – auf den Spuren Uribes

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Ivàn Duque – auf den Spuren Uribes

Präsident Ivàn Duque ist ein Ziehsohn des früheren Präsidenten Alvaro Uribe. Dieser ging in seiner Amtszeit zwischen 2002 und 2010 hart gegen die Rebellen vor. Uribe war Vorgänger von Juan Manuel Santos, der 2016 mit der Guerilla-Organisation Farc ein Friedensabkommen schloss und dafür den Friedensnobelpreis erhielt.

Wie hat der kritisierte rechtskonservative Präsident reagiert?

Überraschenderweise sagte Duque, dass er einige der Forderungen für berechtigt halte. Kolumbien habe viele uralte Probleme, die noch immer nicht gelöst seien – aber man arbeite daran. Dem Präsidenten scheint also bewusst zu sein, dass in Kolumbien nicht alles zum Besten steht. Allerdings blieb er sehr vage.

Eine Hauptforderung der Demonstranten ist die Umsetzung des Friedensvertrags von 2016. Was sagte Duque dazu?

Nichts. Auf diesem Ohr scheint Duque ziemlich taub zu sein. Er hatte die Wahlen im vergangenen Jahr mit dem Versprechen gewonnen, den in seinen Augen gegenüber der Rebellenorganisation Farc zu nachgiebigen Vertrag so hart wie möglich umsetzen zu wollen.

Die Kritik am Friedensvertrag bleibt Duques erklärte Politik.

Duque warf seinem Vorgänger, dem Friedensnobelpreisträger Manuel Santos, vor, den Rebellen zu viele Zugeständnisse gemacht zu haben. Jetzt versucht Duque, dem Vertrag etwas Kanten zu geben, etwa indem er die Regeln der Sondergerichtsbarkeit zu verschärfen versucht. Allerdings ist ihm das Parlament dabei nicht gefolgt. Trotzdem bleibt die Kritik am Friedensvertrag seine erklärte Politik.

Vermummte werfen Steine.
Legende: In Bogotá kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. imago images

Was bringt der gestrige Generalstreik unter dem Strich?

Ob er überhaupt etwas Konkretes bringt, wird man sehen müssen. Auf jeden Fall werden die Probleme im Land jetzt stärker wahrgenommen. Die Indigenen gehen ja auch deshalb auf die Barrikaden, weil viele ihrer Anführer brutal ermordet werden.

In den letzten Jahren wurden Dutzende indigene Häuptlinge und Dorfvorsteher von Kriminellen ermordet.

So haben in vielen Regionen Kolumbiens, in denen vorher die Rebellen die Kontrolle ausübten, jetzt Verbrecherbanden das Sagen. Wenn ein Dorfvorsteher oder ein Häuptling einer indigenen Gemeinschaft dagegen aufmuckt, ist er in Lebensgefahr. In den letzten Jahren sind Dutzende von ihnen ermordet worden, ohne dass die Regierung in der Lage wäre, etwas dagegen zu unternehmen. Wenn dieses Problem landesweit jetzt stärker wahrgenommen wird, hat der Generalstreik schon etwas gebracht.

Menschen singen und tanzen.
Legende: Die meisten Protestzüge blieben friedlich. Getty Images

Drohen Kolumbien angesichts der vielen Probleme im Land jetzt länger andauernde Proteste?

Es könnte tatsächlich dazu kommen, dass Kolumbien zum nächsten Unruheherd in Südamerika wird. So drohte ein führender Senator der Opposition mit andauernden Protesten im Land, falls Duque nichts ändern sollte.

Das Gespräch führte Jonathan Fisch.

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1 Kommentar

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  • Kommentar von Klaus KREUTER  (SWISSKK)
    Wenn der Unterschied zwischen Oben und Unten immer grösser wird, wenn ein schmaler Mittelstand immer weiter verkleinert wird, dann muss sich niemand wundern wenn dies zur Explosion führt. Ludwig Erhard hatte die Soziale Marktwirtschaft begründet und das war richtig und gut so. Wenn das aber im Turbokapitalismus endet, dann müssen die da OBEN schon aufpassen was dann kommt. So ist es gerade in Kolumbien zu sehen.
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