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Gesetz gegen häusliche Gewalt «Israel hinkt eindeutig hinterher»

Legende: Audio Nach Protesten: Israel plant Gesetz gegen häusliche Gewalt abspielen. Laufzeit 05:02 Minuten.
05:02 min, aus SRF 4 News aktuell vom 06.12.2018.

In Tel Aviv und anderen Städten haben diese Woche mehrere 10'000 Menschen für den Schutz von Frauen vor häuslicher Gewalt demonstriert. Denn in Israel sind dieses Jahr bereits 24 Frauen an den Folgen häuslicher Gewalt gestorben. Jetzt will Premierminister Benjamin Netanjahu handeln – mit einem Gesetz, das Frauen besser schützen soll. Laut SRF-Nahostkorrespondentin Susanne Brunner dürfte das mit den Wahlen nächstes Jahr zusammenhängen.

Susanne Brunner

Susanne Brunner

SRF-Nahostkorrespondentin

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Susanne Brunner ist seit Frühling 2018 Korrespondentin für Radio SRF und SRF News im Nahen Osten. Sie wuchs in Kanada, Schottland, Deutschland und in der Schweiz auf. In Ottawa studierte sie Journalismus. Bei Radio SRF war sie zuerst Redaktorin und Moderatorin bei Radio SRF 3, unter anderem bei den Sendungen «Input» und «Focus». Dann ging sie als USA-Korrespondentin nach San Francisco und war nach ihrer Rückkehr Korrespondentin in der Westschweiz. Seit 2006 moderiert Susanne das «Tagesgespräch» von Radio SRF 1. Susanne Brunner hat bei «10vor10» zudem auch Fernseherfahrung gesammelt.

SRF News: Hat Benjamin Netanjahu so rasch reagiert, weil so viele Leute auf die Strasse gegangen sind, oder handelt es sich um politisches Kalkül?

Susanne Brunner: Ich denke, dass Premierminister Netanjahu wohl etwas erschrocken ist – nicht nur, weil so viele Menschen auf die Strasse gingen, sondern auch weil es vorab eine Art Frauenstreik gab, der von 300 israelischen Organisationen und Institutionen unterstützt wurde. Dieser Streik und die Proteste machten grössere Schlagzeilen als die militärische Operation gegen Tunnels der Hisbollah, die gerade im Gang ist. Das ist selten. Sicherheitsthemen machen in Israel immer die grössten Schlagzeilen. Aber diesmal war das anders. Neben dem Schreck ist natürlich auch politisches Kalkül dabei. Nächstes Jahr ist in Israel ein Wahljahr.

Am Sonntag soll nun über einen Gesetzesvorschlag debattiert werden. Wie stehen die Chancen, dass tatsächlich etwas passiert? Bislang hat die Regierung trotz Versprechen nichts gegen häusliche Gewalt getan...

Die Chancen stehen jetzt sicher etwas besser als vor den Protesten. Hier ein Beispiel, das illustriert, wie wenig das Thema vor den Protesten auf dem Radar der Regierung war: In der Knesset stimmte Netanjahu gegen die Schaffung einer parlamentarischen Kommission, die Gewalt gegen Frauen untersuchen sollte. Seine Begründung war, dass die Opposition den Vorschlag für eine solche Kommission eingebracht habe. Das ist nicht erstaunlich: Seit Jahren kippt das Thema immer wieder von der politischen Agenda. Es hat keine Priorität.

Netanjahu will zeigen, dass er die Anliegen der Frauen ernst nimmt.

Letztes Jahr wurden umgerechnet 67 Millionen Franken für ein Programm gesprochen, das Gewalt gegen Frauen bekämpft. Aber das Geld wurde nie überwiesen. Eine Hauptforderung der Demonstrantinnen ist deshalb: Rückt das Geld raus und macht etwas! Vielleicht ist jetzt zumindest diese Botschaft angekommen.

Wie gross ist das Problem der Gewalt an Frauen in Israel?

Seit Anfang Jahr sind in Israel 24 Frauen nach häuslicher Gewalt gestorben, mehr als in den Jahren davor. Zum Vergleich: In Italien werden zwar im Schnitt drei Frauen pro Woche Opfer ihrer Ehemänner, Partner oder Ex-Partner. Aber im Verhältnis zur Bevölkerungszahl steht Israel schlechter da als Italien – und als arabische Länder wie Jordanien, wo die Regierung bereits Ende der 90er-Jahre unter dem Druck der Frauen eine Polizeieinheit schuf, die sich auf die Bekämpfung häuslicher Gewalt spezialisiert hat. Israel hinkt da eindeutig hinterher.

Vergangene Woche wurden zwei junge Mädchen tot aufgefunden. Waren diese zwei mutmasslichen Morde der Auslöser für die Protestaktionen?

Ja und Nein. Die Wut über eine Regierung, für die Gewalt gegen Frauen einfach keine Priorität hat, hatte sich schon vorher angestaut; wegen der Weigerung der Behörden, auf Klagen von Frauen wegen Gewalt einzugehen oder sie davor zu schützen. Viele dieser Opfer hatten vorher um Schutz gebeten, hatten gewarnt, dass ihre Partner sie bedroht hätten, und nichts ist passiert. Der gewaltsame Tod einer 13- und einer 16-Jährigen entfachte diese Wut nun vollends – vor allem auch wegen der gleichgültigen Reaktion der Regierung.

Netanjahu sagte, Gewalt gegen Frauen sei wie Terror. Wie meint er das?

Der Begriff Terror im Zusammenhang mit Männern, die ihren Frauen Gewalt antun, stammt nicht von Netanjahu selbst. Er wurde von Frauen geprägt, die seit Jahren gegen Gewalt an Frauen ankämpfen und diese Gewalt auch Terror nannten. Ausserdem wird der Begriff Terror für sehr vieles gebraucht, nicht nur in Israel. Ob der Premier Gewalt gegen Frauen wirklich als Terror betrachtet, weiss ich nicht. Aber der Begriff erregt sicher Aufmerksamkeit, und das war wohl auch Netanjahus Ziel: Zu zeigen, dass er die Anliegen der Frauen ernst nimmt.

Das Gespräch führte Salvador Atasoy.

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6 Kommentare

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  • Kommentar von Annemarie Engler-Jakober (wöma)
    Es ist einseitig die Orthodoxen bezüglich Gewalt an Frauen zu erwähnen. Gewalt ist generell nicht gut. Es würde mich interessieren welche Frauen/Ethnie in Israel Gewalt erleben. Es gibt sicher 1 Statistik. Interessant wäre ein Vergleich mit anderen Nachbarländern (Iran,Irak,Syrien,Libanon,Ägypten arabische Emirate....) Wie steht es mit Gewalt an Frauen im Gaza und den Gebieten? Zudem gibt es in Tel Aviv beinahe wöchentlich Demonstrationen zu unterschiedlichsten Themen.
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  • Kommentar von Jürg Häusermann (Ebenda)
    Häusliche Gewalt ist ein absoluter NoGo, Männer, Frauen oder Kinder (abgesehen von erzieherischen Ohrfeigen). Hauptproblem in Israel sind die Orthodoxen. Frauen im Judentum sind dem Mann untergeordnet. Kontrollierte Gewalt ist im Judentum legitim (töten allerdings nicht). Daher die Zurückhaltung der konservativen Regierung. Dem muss entschieden entgegen getreten werden. Ändern wird sich daran so schnell nichts.
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    1. Antwort von Roger Wolf (RoWo)
      1. Auch erzieherische Ohrfeigen bei Kindern sind ein NoGo. 2. Die Aussage, kontrollierte Gewalt im Judentum gegenüber seiner Ehepartnerin sei legitim ist falsch. Zudem ist die Frau im Judentum nicht untergeordnet, nur hat jeder Partner seinen Bereich, wo er das Sagen hat. Gewalt gegen Frauen ist leider ein Übel, das weltweit leider nur langsam abnimmt, unabhängig der Religion.
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  • Kommentar von Wendy Müller (WendyMüller)
    Naja, meine Freundin lebt in Tel Aviv und sie hatte nie Probleme und sie ist eine Frau also. Sie ging auch nicht auf die Strasse. Und ich selbst hatte in Israel auch noch nie Probleme mit Männern. Häusliche Gewalt gibts überall.
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