Vier Jahre dauert der Ukraine-Krieg bereits. Er bewirkte europaweit ein sicherheitspolitisches Umdenken – und führt zu massiver Aufrüstung. Einerseits unterstützen die meisten europäischen Länder die Ukraine. Andererseits befürchten sie selber einen russischen Angriff.
Europas Anteil an den weltweiten Rüstungsausgaben stieg auf 21 Prozent. Allein Deutschlands Verteidigungsausgaben sind auf einmal gar die vierthöchsten weltweit. Dennoch könnten die europäischen Nato-Staaten in einem intensiven Krieg gegen Russland kaum bestehen, halten die Experten des Londoner Strategieinstituts IISS fest.
Politisch, finanziell und industriell gäbe es Probleme, so das IISS. Die Abhängigkeit von US-Fähigkeiten bleibe daher hoch – im Nachrichtendienst, in der Informationstechnologie, bei der Luftabwehr oder bei Ressourcen im Weltall.
Und während die Ukraine Tag für Tag und Nacht für Nacht flächendeckende Drohnenangriffe parieren muss, wäre Europa derzeit völlig ausserstande dazu. Europas Verteidigung dürfte frühestens in den 2030er Jahren halbwegs autonom funktionieren.
Russland: enorme menschliche Verluste
Gleichzeitig präsentieren sich Moskaus Streitkräfte heute moderner, kampfstärker und besser organisiert. Die Verluste durch den Ukrainekrieg wurden im Waffenbereich bisher gar überkompensiert. Allerdings ändere sich das langsam, so das IISS.
Zudem kann der Kreml offenbar die enormen menschlichen Verluste kaum noch ausgleichen. Immer öfters würden sogar Trinker, Drogensüchtige, Alte, Kranke oder Behinderte neu rekrutiert. Dennoch will das Regime erstmals einen solch grossen Krieg weitgehend ohne eine Mobilmachung von Wehrpflichtigen führen.
Der Grund: Moskau weiss, dass für diesen Krieg ein breiter, echter Enthusiasmus völlig fehle – entgegen dem, was die Kreml-Propaganda verkündet. Die Lage im Ukraine-Krieg präsentiert sich insofern weniger klar zugunsten Russlands als es derzeit scheint.
China wird immer stärker
In Asien wiederum können sich US-Alliierte wie Japan, Südkorea oder Australien nurmehr ähnlich beschränkt auf Washington verlassen wie die Europäer. Weshalb auch sie enorm aufrüsten. Dennoch halten sie bei weitem nicht Schritt mit der chinesischen Aufrüstung.
Die Dominanz Chinas im ganzen asiatisch-pazifischen Raum nimmt vielmehr weiter zu. Zudem setzt man in Peking seit einigen Jahren auch auf atomare Aufrüstung und dürfte die nuklearen Arsenale binnen weniger Jahren vervielfachen. 44 Prozent sämtlicher Verteidigungsausgaben in dieser riesigen Weltregion entfallen allein auf China.
Die IISS-Zahlen beschreiben eine Welt, die aufrüstet. Das Ziel ist mehr Sicherheit. Bloss ist höchst zweifelhaft ist, ob das tatsächlich erreicht wird.