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Grausames Ritual für Millionen Tödliche Genitalverstümmelung rüttelt Somalia auf

Ein Hoffnungsschimmer: Nach dem Tod eines Mädchens schaut die Staatsanwaltschaft erstmals in der Geschichte genauer hin.

Legende: Audio Somalia: Ein Todesfall rückt das Tabu Frauenbeschneidung ins Licht abspielen. Laufzeit 11:03 Minuten.
11:03 min, aus HeuteMorgen vom 15.08.2018.

Ein tödlicher «Präzedenzfall»: Erstmals in der Geschichte Somalias gehen die Behörden einem tödlich verlaufenen Fall von weiblicher Genitalverstümmelung nach. Die Generalstaatsanwaltschaft kündigte an, den Fall eines zehnjährigen Mädchens genauer zu untersuchen. Das überrascht in einem Land, wo die Frauenbeschneidung seit Jahrhunderten weit verbreitet praktiziert wird und sehr stark tabuisiert ist, wie Charlotte Weil von der Menschenrechtsorganisation Terre des Femmes in Berlin sagt.

Es ist überraschend und auch sehr schön, dass das in Somalia auf die Agenda kommt.
Autor: Charlotte WeilTerre des Femmes, Berlin

Dass der Fall in Somalia derart für Aufsehen sorgt, erklärt Weil wie folgt: Mit dem Tod des Kindes durch Verstümmelung ist der Extremfall eingetreten. Zudem hat eine Journalistin den Fall über die sozialen Medien weltweit verbreitet.

Statistik des Leidens: In Somalia sind 98 Prozent aller Frauen beschnitten. Betroffen sind damit fast alle Frauen des 14-Millionen-Volkes. Das zeigt laut Weil deutlich, dass dieses Ritual bis heute im Grunde nicht in Frage gestellt wird. Über weibliche Genitalverstümmelung werde nicht gesprochen, obwohl diese per Verfassung eigentlich verboten wäre. Allerdings fehlt ein Gesetz, um diese schwere Körperverletzung zu ahnden. Weltweit sind laut Weil rund 200 Millionen Frauen betroffen, vor allem in Afrika, Asien und arabischen Ländern.

Charlotte Weil von Terre des Femmes.
Legende: Charlotte Weil: «Wenn das Tabu gebrochen und ein kritischer Dialog angeregt würde, wäre das schön.» Terre des Femmes

Die kleine Hoffnung: Dass der jetzige «Präzedenzfall» die Beschneidungspraxis in Somalia verändern wird, bezweifelt Weil. Immerhin sei begrüssenswert, dass der Fall jetzt thematisiert und vor Ort verfolgt werde. Ob dies letztlich zu einem Rückgang der Beschneidungen führe, sei fraglich. In Somalia sei die Genitalverstümmelung von Frauen weltweit am meisten verbreitet und entsprechend stark in der Gesellschaft verankert.

«Ferienbeschneidungen»: Mit der Migration ist die weibliche Genitalverstümmelung auch in den Ländern des globalen Nordens angekommen. Die Gemeinschaften halten in den Aufenthaltsländern an den Praktiken fest. Verbreitet sind laut Weil sogenannte «Ferienbeschneidungen» von Töchtern, um das blutige Ritual zu verheimlichen: Nach der akuten Wundheilung kehren die Familien dann mit den verstümmelten Mädchen zurück. Sie sind dann meist in einem Zustand, in dem sie wieder zu Schule gehen können.

Was ist die weibliche Genitalverstümmelung?

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Die weibliche Genitalverstümmelung ist in ihrem Ursprung eine patriarchale Praktik, wie Charlotte Weil von Terre des Femmes erklärt. Es geht darum, die Sexualität der Frau zu kontrollieren und zu unterdrücken. Die Begründungsmuster sind unterschiedlich: Jungfräulichkeit bis zur Ehe und sexuelle Treue oder die Beschneidung als religiöse Verpflichtung. Dazu kommt das Ideal der Reinheit in Gesellschaften, in denen unbeschnittene Frauen nicht geheiratet werden dürfen. Es gibt aber auch Mythen, wonach etwa ein Baby bei Geburt stirbt, wenn es mit der Klitoris in Kontakt kommt.

Für all dies zahlen die Frauen einen enormen Preis: Schamlippen und Klitoris werden abgeschnitten, Wunden ausgebrannt und so eng zusammengenäht, das nur ein kleines Loch für Urin und Menstruationsblut bleibt. Das verstümmelte Geschlechtsorgan muss dann vor der Hochzeitsnacht teilweise wieder aufgeschnitten werden. «Die Frauen werden aufgeschnitten und dann wieder zusammengenäht, um für den nächsten Geschlechtsverkehr wieder geöffnet zu werden. Sie werden wieder und wieder traumatisiert und erleiden wahnsinnige Schmerzen», erklärt Weil. Die physischen und psychischen Folgen sind gravierend: Infektionen, schwere Blutungen, Schockzustände, Geburtsstillstände, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr und ein sehr eingeschränktes Lustempfinden.

Aufklärung und Prävention: Grössere Öffentlichkeit für Verstümmelungsfälle wird laut Weil nicht ausreichen, um diese Praxis einzudämmen und allmählich auszumerzen. Betroffen sei die ganze Zivilgesellschaft samt Politik und Fachkräften. Neben adäquater Unterstützung für bereits Betroffene brauche es auch Mittel für nachhaltige Aufklärungs- und Präventionsprojekte. «Nur so können wir die weibliche Genitalverstümmelung überwinden», betont Weil.

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15 Kommentare

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  • Kommentar von Peter Imber (Wasserfall)
    Da gibt es bei in der Schweiz aufgedeckten Fällen nur eines: Ganze harte Strafen gegen die Verantwortlichen. Da wird aber meiner Meinung nach viel zu wenig konsequent verfolgt und bestraft. Nur bedingte Gefängnisstrafen für die Verstümmelung der Genitalien eines Mädchens, dass dann sein ganzes Leben lang daran seelisch und körperlich leidet, ist viel zu wenig und hilft sicherlich nicht mit, diese Praktik zu unterlassen.
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  • Kommentar von Franz NANNI (igwena ndlovu)
    Und die Schweiz verurteilt so eine somalische Mutter, die ihr Kind verstuemmeln liess zu einer bedingten Gefaengnisstrafe...
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    1. Antwort von Patrick Charpilloz (Skeptiker)
      Das ist genau was ich meinte. So etwas ist ein Hohn und kommt faktisch einer Akzeptanz solcher Praktiken gleich. Nur „mei mei“ sagen reicht hier einfach nicht aus.
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  • Kommentar von Patrick Charpilloz (Skeptiker)
    Wir im Westen sollten alles nur erdenkliche tun, um diese Bestialität zumindest hier zu unterbinden. Dies könnte dann auch Signalwirkung in den Ursprungsländer haben. Damit meine ich, Ferienbeschneidungen müssten bei „Risikogruppen“ durch obligatorische, gynäkologische Nachferienkontrollen entdeckt werden und die Verantwortlichen danach zu sehr langjährigen, UNBEDINGTEN Haftstrafe, die in der Länge denen von Mord gleichgestellt sind, verurteilt werden.
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