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Hantavirus-Ausbruch auf Schiff Sind die strengen Hantavirus-Massnahmen verhältnismässig?

Nach dem Hantavirus-Ausbruch auf dem Kreuzfahrtschiff «Hondius» läuft die Evakuierung auf Teneriffa weiter und steht kurz vor dem Abschluss. Die Gesundheitsbehörden treffen scharfe Massnahmen: Passagiere und Crewmitglieder gingen in Schutzkleidung von Bord. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt eine Quarantäne von 42 Tagen, auch für Kontaktpersonen. Es heisst, die Krankheit habe ein tiefes Risiko für die Gesundheit der breiten Bevölkerung. Epidemiologe Jürg Utzinger erklärt, warum die Behörden dennoch hart durchgreifen.

Jürg Utzinger

Direktor des Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Instituts

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Jürg Utzinger studierte Umweltnaturwissenschaften an der ETH Zürich. 1999 doktorierte er in Epidemiologie am Schweizerischen Tropeninstitut. Es folgte ein mehrjähriger Forschungsaufenthalt an der Princeton University in den USA. Seit 2004 ist Jürg Utzinger Professor für Epidemiologie an der Universität Basel, er leitet das Swiss TPH seit 2015.

SRF News: Braucht es all diese Massnahmen, die die Gesundheitsbehörden treffen?

Jürg Utzinger: Genau diese Frage wurde in den letzten Tagen viel diskutiert. Die WHO hat zusammen mit nationalen Behörden und dem Europäischen Zentrum für Krankheitsprävention (ECDC) eine gemeinsame Strategie entwickelt. Man kam zum Schluss: Ja, diese Massnahmen braucht es.

Ein Hantavirus ist eine gefährliche Infektion. (…) Gleichzeitig ist das Risiko einer Pandemie praktisch null.

Die WHO betont aber gleichzeitig, das sei kein neues Covid. Warum also Quarantäne und Schutzanzüge?

Hier zeigt sich ein Spannungsfeld. Auf der einen Seite ist das Risiko einer Pandemie praktisch null. Bei der Andes-Variante kann zwar eine Übertragung von Mensch zu Mensch vorkommen, die Wahrscheinlichkeit ist aber sehr klein. Auf der anderen Seite will man auf Nummer sicher gehen und verhindern, dass es zu Infektionen kommt. Deshalb hat man sich international auf diese scharfen Massnahmen geeinigt.

Fallschirmmission wegen Verdachtsfall auf Tristan da Cunha

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Soldat schaut von Flugzeug über Küstenlandschaft, abgeworfene Fracht mit Fallschirm.
Legende: Das britische Militär schickte zudem per Fallschirm Helfer auf die abgelegene Insel Tristan da Cunha im Südatlantik, um einen Briten zu behandeln, der möglicherweise infiziert ist. Reuters/Georgia Callaway/UK MOD Crown

Besondere Aufmerksamkeit erregte der Fall eines Passagiers, der das Kreuzfahrtschiff mitten im Atlantik auf der britischen Insel Tristan da Cunha verliess. Grossbritannien organisierte für den Verdachtsfall sogar eine Fallschirmmission, um den Mann medizinisch zu untersuchen und zu versorgen.

Für Epidemiologe Jürg Utzinger zeigt der Fall das Spannungsfeld zwischen individueller Medizin und Bevölkerungsschutz. Aus Sicht des einzelnen Patienten sei eine möglichst schnelle medizinische Versorgung auf der abgelegenen Insel sinnvoll. Aus Sicht des allgemeinen Public-Health-Risikos sei eine solche Aktion dagegen «wohl nicht mehr verhältnismässig».

Gerade dieser Hantavirus-Ausbruch zeige die Diskrepanz von personalisierter Medizin und Massnahmen zum Schutz der gesamten Bevölkerung.

Die WHO kommuniziert sehr offensiv. Der WHO-Direktor reiste selbst nach Teneriffa. Ist das angemessen?

Ich denke, er wollte zeigen: Das ist Chefsache. Und dass dies eine ernste Geschichte ist. Ein Hantavirus ist eine gefährliche Infektion. Bei der Andes-Variante geht man von einer Sterblichkeit von bis zu 50 Prozent aus. Gleichzeitig ist das Risiko einer Pandemie praktisch null. Mit seiner Präsenz und der intensiven Kommunikation wollte der WHO-Direktor vermitteln: Wir haben die Situation im Griff.

Die WHO kann es praktisch nie richtig machen.

Für die WHO ist das auch ein Test, ob die internationalen Mechanismen funktionieren. Hat sie diesen bestanden?

Das würde ich so sagen. Die Evakuierung in Teneriffa ist hervorragend verlaufen: Zuerst gingen die Epidemiologen aufs Schiff, Ärztinnen und Ärzte kontrollierten akute Symptome, dann erfolgte schrittweise die Evakuierung. Über die Verhältnismässigkeit kann man trotzdem diskutieren. Das ist das Schwierige für die WHO: Reagiert sie zu wenig stark und es kommt zu einer sekundären Infektion, wird gefragt, wieso es die Behörde überhaupt gebe. Reagiert sie auf der anderen Seite strikt, kann man im Nachhinein sagen, es sei nur ein Ausbruch auf diesem Kreuzfahrtschiff gewesen. Sie kann es praktisch nie richtig machen.

Menschen in Schutzanzügen bei einem Einsatz am Flughafen.
Legende: Reagiere die WHO zu wenig und es komme zu weiteren Infektionen, werde ihr Versagen vorgeworfen. Reagiere sie sehr strikt und alles gehe gut, fragen sich viele hinterher, ob die Massnahmen übertrieben gewesen seien, erklärt Epidemiologe Utzinger die schwierige Lage der WHO. AP Photo/Arturo Rodriguez

Wie stark schwingen die Erinnerungen an die Corona-Pandemie mit?

Das spielt sicher eine Rolle. Ein grosser Teil der Welt war überrascht, wie schnell sich Covid ausgebreitet hatte. Die Menschen haben diese Bilder noch im Kopf und wollen auf keinen Fall mit einer weiteren solchen Situation konfrontiert werden. Die Voraussetzungen sind hier aber völlig anders. Das Hantavirus ist keine neue Krankheit, man weiss grundsätzlich, wie man damit umgeht. Trotzdem greifen die Behörden jetzt bewusst hart durch, einfach, um auf Nummer sicher zu gehen.

Das Gespräch führte Raphaël Günther.

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SRF 4 News, 11.5.2026, 7:21 Uhr ; 

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