Nach dem Hantavirus-Ausbruch auf dem Kreuzfahrtschiff «Hondius» läuft die Evakuierung auf Teneriffa weiter und steht kurz vor dem Abschluss. Die Gesundheitsbehörden treffen scharfe Massnahmen: Passagiere und Crewmitglieder gingen in Schutzkleidung von Bord. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt eine Quarantäne von 42 Tagen, auch für Kontaktpersonen. Es heisst, die Krankheit habe ein tiefes Risiko für die Gesundheit der breiten Bevölkerung. Epidemiologe Jürg Utzinger erklärt, warum die Behörden dennoch hart durchgreifen.
SRF News: Braucht es all diese Massnahmen, die die Gesundheitsbehörden treffen?
Jürg Utzinger: Genau diese Frage wurde in den letzten Tagen viel diskutiert. Die WHO hat zusammen mit nationalen Behörden und dem Europäischen Zentrum für Krankheitsprävention (ECDC) eine gemeinsame Strategie entwickelt. Man kam zum Schluss: Ja, diese Massnahmen braucht es.
Ein Hantavirus ist eine gefährliche Infektion. (…) Gleichzeitig ist das Risiko einer Pandemie praktisch null.
Die WHO betont aber gleichzeitig, das sei kein neues Covid. Warum also Quarantäne und Schutzanzüge?
Hier zeigt sich ein Spannungsfeld. Auf der einen Seite ist das Risiko einer Pandemie praktisch null. Bei der Andes-Variante kann zwar eine Übertragung von Mensch zu Mensch vorkommen, die Wahrscheinlichkeit ist aber sehr klein. Auf der anderen Seite will man auf Nummer sicher gehen und verhindern, dass es zu Infektionen kommt. Deshalb hat man sich international auf diese scharfen Massnahmen geeinigt.
Die WHO kommuniziert sehr offensiv. Der WHO-Direktor reiste selbst nach Teneriffa. Ist das angemessen?
Ich denke, er wollte zeigen: Das ist Chefsache. Und dass dies eine ernste Geschichte ist. Ein Hantavirus ist eine gefährliche Infektion. Bei der Andes-Variante geht man von einer Sterblichkeit von bis zu 50 Prozent aus. Gleichzeitig ist das Risiko einer Pandemie praktisch null. Mit seiner Präsenz und der intensiven Kommunikation wollte der WHO-Direktor vermitteln: Wir haben die Situation im Griff.
Die WHO kann es praktisch nie richtig machen.
Für die WHO ist das auch ein Test, ob die internationalen Mechanismen funktionieren. Hat sie diesen bestanden?
Das würde ich so sagen. Die Evakuierung in Teneriffa ist hervorragend verlaufen: Zuerst gingen die Epidemiologen aufs Schiff, Ärztinnen und Ärzte kontrollierten akute Symptome, dann erfolgte schrittweise die Evakuierung. Über die Verhältnismässigkeit kann man trotzdem diskutieren. Das ist das Schwierige für die WHO: Reagiert sie zu wenig stark und es kommt zu einer sekundären Infektion, wird gefragt, wieso es die Behörde überhaupt gebe. Reagiert sie auf der anderen Seite strikt, kann man im Nachhinein sagen, es sei nur ein Ausbruch auf diesem Kreuzfahrtschiff gewesen. Sie kann es praktisch nie richtig machen.
Wie stark schwingen die Erinnerungen an die Corona-Pandemie mit?
Das spielt sicher eine Rolle. Ein grosser Teil der Welt war überrascht, wie schnell sich Covid ausgebreitet hatte. Die Menschen haben diese Bilder noch im Kopf und wollen auf keinen Fall mit einer weiteren solchen Situation konfrontiert werden. Die Voraussetzungen sind hier aber völlig anders. Das Hantavirus ist keine neue Krankheit, man weiss grundsätzlich, wie man damit umgeht. Trotzdem greifen die Behörden jetzt bewusst hart durch, einfach, um auf Nummer sicher zu gehen.
Das Gespräch führte Raphaël Günther.