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Iran-Diplomatie in Genf Noch scheint ein Krieg zwischen den USA und dem Iran vermeidbar

Auf die «letzte Verhandlung» folgt nicht selten eine allerletzte – und bisweilen noch eine mehr. Viele Expertinnen und Experten hatten gewarnt, ein Scheitern der gestrigen Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran unter Vermittlung Omans werde unausweichlich einen Krieg zur Folge haben. Nun aber wird weiterverhandelt. Zumal Badr al-Busaidi, der omanische Aussenminister, die «bedeutenden Fortschritte» lobt, die in der jüngsten Verhandlungsrunde in Genf erzielt worden seien.

Kommende Woche sollen amerikanische und iranische Delegationen bei der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien praktische Fragen klären. Beide Seiten scheinen der Diplomatie weiter eine Chance zu geben. Dafür gibt es vielfältige Gründe.

Nach den Kriegswarnungen weiter am Verhandlungstisch

Ein Krieg wäre für beide Seiten mit unkalkulierbaren Risiken verbunden. Er könnte das iranische Regime zu Fall bringen, die USA aber auch in einen jener «endlosen Kriege» verwickeln, vor denen US-Präsident Donald Trump immer wieder gewarnt hatte. Sowohl für die USA als auch für den Iran dürften mehr Argumente gegen als für einen Krieg sprechen.

Selbst wenn die USA einen Krieg militärisch gewinnen würden, könnte er eine höhere Inflation und insbesondere höhere Energiepreise nach sich ziehen. Und dies in einer Zeit, in der «Affordability» («Erschwinglichkeit») in den USA zum ganz grossen Bürgerthema aufgestiegen ist.

Unter Zugzwang – wirklich?

Trump, so ist oft zu lesen, habe sich mit dem gewaltigen Truppenaufmarsch in der Region selbst unter Zugzwang gesetzt. Das muss er selbst nicht unbedingt so sehen. Der Aufmarsch passt ganz einfach zur Frieden-durch-Stärke-Doktrin, der sich Trump verschrieben hat. Solange er am Verhandlungstisch ein bisschen etwas herausholt, kann er seinen Erfolg rhetorisch grösser machen, als er tatsächlich ist – und die Truppen wieder abziehen.

Offensichtlich ist es Oman gelungen, einen Rahmen für ernsthafte, aber auch diskrete Verhandlungen zu schaffen. Das ist umso wichtiger, als die Verhandlungen sowohl auf amerikanischer als auch auf iranischer Seite umstritten sind. Hardliner hoffen auf ein Scheitern, haben aber bisher keine Gelegenheit erhalten, die Gespräche zu hintertreiben.

Und ewig locken die guten Geschäfte

Trump wäre nicht Trump, wenn er in den Verhandlungen mit dem Iran nicht auch Business-Gelegenheiten sähe. Einem Bericht der Zeitung «Financial Times» zufolge böte der Iran amerikanischen Geschäftsleuten nach einem Deal ein «kommerzielles Bonanza» – schliesslich hat der Iran eine grosse, gut gebildete Bevölkerung aufzuweisen, aber auch eine lange Liste von Rohstoffen wie Erdöl, Erdgas sowie Eisenerz und Kupfer.

Solange also beide Seiten glauben, am Verhandlungstisch mehr gewinnen als auf dem Schlachtfeld verlieren zu können, bleibt die Diplomatie die rationalere Option. Ob auf die nächsten Verhandlungen bloss eine weitere «allerletzte Verhandlung» folgt – oder ob am Ende alle Bemühungen doch in einen grossen Krieg münden: Zumindest kann niemand behaupten, die Diplomatie habe keine Chance bekommen.

Sebastian Ramspeck

Journalist

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Sebastian Ramspeck ist Journalist und SRF-Korrespondent. Bekannt wurde er vor allem als profunder Analyst der EU-Politik in Brüssel. Seit dem Jahr 2021 ist er als Internationaler Korrespondent tätig und erklärt komplexe globale Zusammenhänge pointiert und kompetent. Ramspeck moderiert zudem die TV-Sendung «SRFglobal», die sich monatlich einem Thema aus der internationalen Politik widmet.

 

10vor10, 26.02.2026, 21:50 Uhr

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