Im Zuge seiner Erklärungen zum Angriff auf den Iran sprach US-Präsident Donald Trump auch von einem Regimewechsel. Er forderte die Iranerinnen und Iraner auf, die Macht zu übernehmen, sobald keine Bomben mehr fallen. Welche Risiken dabei bestehen, erklärt der Friedensforscher Jonas Wolff.
SRF News: Was braucht es für einen erfolgreichen Regimewandel?
Jonas Wolff: Vereinfacht gesagt gibt es zwei Szenarien: Entweder bricht ein Regime zusammen – es wird gestürzt und durch ein neues Regime abgelöst. Oder es gibt einen Übergang, in dem das bestehende Regime oder Teile davon mit der Opposition oder aussenstehenden Akteuren eine neue Form der Regierung aushandeln und gestalten. Das erste Szenario ist laut der Forschung riskanter, die Gefahr einer Gewalteskalation ist grösser. Im zweiten Szenario ist dagegen das Risiko grösser, dass sich gar nicht viel verändert.
Welchen Einfluss hat dabei ein Anstoss von aussen?
In beiden genannten Szenarien kann es unterschiedlich starke Impulse aus der Gesellschaft oder von aussen geben. Im Iran wird aktuell versucht, einen Regimewandel durch einen militärischen Angriff von aussen auszulösen. Die USA und Israel wollen das Regime schwächen – in der Hoffnung, dass dann gesellschaftliche und politische Gruppen aus dem Iran selber das Regime stürzen
Wie stehen aus Sicht der Forschung die Chancen, dass das gelingt?
Die Zivilbevölkerung kann selbst ein geschwächtes iranisches Regime nicht einfach stürzen. Ein Sturz kommt nur dann zustande, wenn entweder das Regime freiwillig aufgibt – das kommt nur selten vor. Oder aber die Bevölkerung bewaffnet sich und stürzt das Regime – wie es etwa in Syrien geschehen ist. Davon ist im Iran allerdings nichts zu erkennen.
Hat ein Regimewandel von aussen jemals irgendwo funktioniert?
Das bekannteste Beispiel aus der jüngeren Geschichte ist wohl der Irak, wo die USA mit Alliierten den Diktator Saddam Hussein 2003 gestürzt haben – dann aber eine jahrelange, sehr blutige Phase folgte. Ältere Beispiele sind etwa Deutschland oder Japan nach dem Zweiten Weltkrieg.
Wenn der Regimwechsesl funktionieren soll, braucht es militärische Präsenz am Boden, sogenannte ‹boots on the ground›.
Grundsätzlich sagt die Forschung aber, dass das Risiko sehr hoch ist, dass ein von aussen initiierter Regimewechsel schiefgeht. Und: Wenn der Wandel funktionieren soll, braucht es militärische Präsenz am Boden, sogenannte «boots on the ground» – wovon im Iran derzeit niemand spricht.
Aber selbst dann gäbe es keine Garantie, dass sich die Situation aus Sicht der lokalen Bevölkerung gut entwickelt?
Nein, das gibt es nicht. Afghanistan zeigt, dass das furchtbar schiefgehen kann. Oft ist es so, dass ein von aussen erzwungener Regimewechsel zu einer Gewalteskalation führt.
Es gibt ein signifikantes Risiko, dass ein von aussen erzwungener Zusammenbruch eines Regimes zu mehr Gewalt führt.
Wie gross sind die Risiken, dass sich die Lage für die Bevölkerung verschlechtert, wenn ein versuchter Regimewechsel scheitert?
Es ist völlig klar, dass es ein signifikantes Risiko gibt, dass ein von aussen erzwungener Zusammenbruch eines Regimes zu mehr Gewalt führt. Die Folge ist ein Szenario wie im Irak mit jahrelangem Chaos und Gewalt oder wie in Syrien mit einem jahrelangen Bürgerkrieg. Diese Phase kann wahrlich nicht als Verbesserung auf dem Weg zur Demokratie angesehen werden. Und dieses Risiko besteht jetzt auch im Iran. Militärische Interventionen, die im Kern auf Enthauptungen von Regimeanführern zielen und das Danach nicht irgendwie mitplanen, erzeugen entsprechende Risiken. Denn in der Gesellschaft gab es zuvor ja keine Kräfte, die selbst stark genug und gut genug organisiert gewesen wären, um das Regime wirklich herauszufordern.
Das Gespräch führte Nicolas Malzacher.