Dahlia Scheindlin ist etwas angespannt, als wir uns zum Gespräch in einem Zürcher Lokal treffen. Soll sie ihren Rückflug nach Tel Aviv vorverschieben? In Israel befürchte man, dass ein US-amerikanischer Angriff auf Iran bevorstehe, sagt die Meinungsforscherin und Politologin. Darauf würden wohl iranische Raketenangriffe auf Israel folgen, und die Schliessung des Luftraums.
Eine Mehrheit der Israeli befürwortet einen Angriff der USA auf Iran.
Wie ist die Stimmung in Israel angesichts eines möglichen Kriegs mit Iran? Die Israeli seien völlig erschöpft, sagt Scheindlin. Viele seien wütend und emotional traumatisiert von den vergangenen zweieinhalb Jahren. Aber die Meinungsumfragen zeigten ein widersprüchliches Bild.
«Eine Mehrheit der Israeli befürwortet einen Angriff der USA auf Iran, weil die islamische Republik nach wie vor Raketen produziert und versucht, sein Programm zur Urananreicherung fortzuführen. Das ist eine unmittelbare Bedrohung für Israel. Gleichzeitig hat ebenfalls eine Mehrheit Angst vor einem neuen Krieg.»
Gespaltene Nation
Dabei gehe es nicht nur um die reale Gefahr, die iranische Raketenangriffe für israelische Zivilistinnen und Zivilisten darstellten. Sondern auch um die konstante Unsicherheit. Man lebe von Minute zu Minute, immer in Nähe eines Schutzraumes, immer in Nähe der Familie, die man beschützen wolle.
An der Kriegsfront in Gaza herrscht – zumindest für die Israeli – seit gut vier Monaten Ruhe. Doch das Trauma des 7. Oktober 2023 ist noch immer sehr präsent. Und der Umgang damit spaltet die Nation.
Scheindlin bringt das Beispiel eines Gedenktag-Gesetzes, das derzeit ausgearbeitet wird. «Der Kulturminister unterstützt den Vorschlag, das Wort ‹Massaker› in dem Gesetz nicht zu verwenden. Die Opferfamilien sind ausser sich vor Wut. In den vergangenen gut zwei Jahren versuchten sie, die Welt davon zu überzeugen, den 7. Oktober nicht zu vergessen. Und jetzt leugnet ihre eigene Regierung, was an jenem Tag geschehen ist!»
Die Regierung von Premierminister Benjamin Netanjahu versuche so, ihre Verantwortung zu schmälern, sagt Scheindlin. Eine unabhängige staatliche Untersuchungskommission gibt es bis heute nicht.
«Keine liberale Demokratie»
Für oder gegen die Regierung: Hier sieht die Politologin den grössten politischen Graben im Land. Etwa 40 Prozent der jüdischen Israeli seien voll auf Regierungslinie und unterstützten deren Vision von Israel. «Diese Regierung will israelische Souveränität über sämtliche besetzte palästinensische Gebiete. Ihr schwebt eine religiös-theokratische Gesellschaft vor, keine liberale Demokratie», sagt Scheindlin, die selbst dem progressiven, regierungskritischen Lager angehört.
Im Herbst wird Israel voraussichtlich ein neues Parlament und einen neuen Regierungschef wählen. Dahlia Scheindlin sieht einen hässlichen Wahlkampf heranziehen, in dem der Umgang mit dem 7. Oktober eine entscheidende Rolle spielen wird.