Die Lokalwahlen in Frankreich gelten als Stimmungstest für die kommende Präsidentschaftswahl. Nach der zweiten Runde am Sonntag steht fest: Die grossen Verschiebungen bleiben aus. Jedoch können die Polparteien zulegen, auch wenn sie in den Grossstädten scheitern. SRF-Frankreich-Korrespondentin Zoe Geissler ordnet die Wahlresultate ein.
Wie hat Paris auf den Wahlausgang reagiert?
Der Sozialist Emmanuel Grégoire hat sich gegen die rechtsbürgerliche Rachida Dati durchgesetzt. Mit einem so klaren Sieg hat man in Paris nicht gerechnet. Die Ausgangslage deutete auf ein knappes Rennen hin. Grégoire erreichte rund 51 Prozent und lag damit fast zehn Prozentpunkte vor Dati.
Wie war die Ausgangslage vor der Wahl?
Rechnerisch lag Dati im Vorteil. Sie konnte eine Listenverbindung mit dem zentristischen Lager eingehen. Zudem zog sich die rechtsradikale Kandidatin zurück. Gleichzeitig blieb die Linksaussen-Partei La France Insoumise (LFI) im Rennen. Grégoire trat für ein linkes Bündnis aus Sozialisten, Grünen und Kommunisten an. Die Pariserinnen und Pariser hatten also die Wahl zwischen zwei linken und einer rechten Liste.
Warum hat sich Grégoire durchgesetzt?
Mehrere Faktoren spielten eine Rolle. Einige Wählende von LFI dürften taktisch für Grégoire gestimmt haben, damit Paris in linker Hand bleibt. Gleichzeitig dürften sich Teile der zentristischen Wählerschaft von Dati abgewendet haben, weil sie sich nicht mit ihr identifizieren konnten. Einigen war etwa ihr Kommunikationsstil zu polemisch. Dazu könnten Vorbehalte wegen Korruptionsvorwürfen gegen sie eine Rolle gespielt haben; sie muss sich dafür im September vor Gericht verantworten. Für Dati ist das Resultat eine deutliche Niederlage. Die ehemalige Kulturministerin hatte über Jahre auf dieses Amt hingearbeitet.
Wie sieht das Gesamtbild in Frankreich aus?
Auch die zweit- und die drittgrösste Stadt – Marseille und Lyon – bleiben links regiert. Nach den Kommunalwahlen kann man nicht von historischen Verschiebungen sprechen. Traditionell bleiben die Kandidaten und Kandidatinnen von «Divers gauche» und «Divers droite» – linke und rechte Kandidaten ohne spezifische Parteizugehörigkeit – lokal stark verankert.
Wie haben die Parteien abgeschnitten?
Die Rechtsaussenpartei Rassemblement National (RN) konnte vor allem in kleineren und mittleren Gemeinden im Norden und im Süden des Landes Erfolge verbuchen. Sie scheiterte aber vor den Toren von Grossstädten wie Toulon oder Marseille. Trotz Zugewinnen stösst RN also in Grossstädten weiterhin an eine gläserne Decke. Auf der linken Seite konnte La France Insoumise – lokal schwach verankert – einige Gewinne verbuchen, etwa in Saint-Denis oder in Roubaix. Ansonsten war der Abend für die Partei eher durchwachsen. Die Grünen hingegen verlieren mehrere Städte, die sie vor sechs Jahren gewonnen hatten, etwa Bordeaux oder Besançon.
Was lässt sich für die Präsidentschaftswahl 2027 ableiten?
Die Kommunalwahlen können erste Anhaltspunkte für Allianzen zwischen den Parteien liefern. Die Wahlen zeigen, dass die Sozialisten auch ohne Bündnis mit La France Insoumise gewinnen können, etwa in Paris. Eine Zusammenarbeit zwischen den beiden scheint derzeit wegen grosser Differenzen eher unwahrscheinlich. Auf der rechten Seite muss sich nun zeigen, welche Parteien künftig zusammenarbeiten wollen. Der Wahlkampf für die Präsidentschaftswahl hat begonnen – und zwar damit, dass sich jedes politische Lager am Sonntag als erfolgreich dargestellt hat.