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In der Ukraine schweigen die Waffen
Aus SRF 4 News aktuell vom 25.11.2020.
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Konflikt in der Ostukraine Korrespondent: «Die Ukraine will ihr Staatsgebiet zurück»

Nach fünf Jahren Krieg, vielen Opfern und unzähligen gescheiterten Friedensverhandlungen scheint ein Waffenstillstand in der Ostukraine nun zu halten. Wie es dazu kommt, erklärt SRF-Korrespondent David Nauer.

David Nauer

David Nauer

Russland-Korrespondent, SRF

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David Nauer ist Korrespondent von Radio SRF in Russland. Von 2006 bis 2009 hatte Nauer für den «Tages-Anzeiger» aus Moskau berichtet, anschliessend aus Berlin.

SRF News: Wieso wird der Waffenstillstand jetzt schon seit mehreren Monaten eingehalten?

David Nauer: Wir wissen nicht, woran es liegt. Aber Kriegsmüdigkeit könnte durchaus eine Rolle gespielt haben. Die Konfliktparteien sitzen seit Jahren in ihren Schützengräben und schiessen aufeinander. Es gibt aber kaum Bewegungen an der Front. Nun hat sich scheinbar auf beiden Seiten die Erkenntnis durchgesetzt, dass das nichts bringt.

Ukrainische Truppen bei einem Checkpoint zur sogenannten Volksrepublik Donezk.
Legende: Ukrainische Truppen bei einem Checkpoint zur sogenannten Volksrepublik Donezk. Keystone

Der Kreml hat offenbar die prorussischen Separatisten in der Ukraine angewiesen, die Waffen ruhen zu lassen. Was steckt dahinter?

Man kann zumindest vermuten, dass der Kreml ein Machtwort gesprochen hat. Genau wissen wir es nicht. Hintergrund könnte sein, dass die Russen einen Strategiewechsel versuchen. Bei den Verhandlungen in Minsk, die seit Jahren laufen, hat die Ukraine gefordert, erst müsse die Gewalt aufhören, dann könne man über politische Zugeständnisse reden.

Die einzige Legitimation der Separatisten ist, dass gekämpft wird.

Nun können die Separatisten – respektive die Russen – von den Ukrainern Zugeständnisse verlangen. Es geht um den künftigen Status der Separatistengebiete und ob die Ukraine die sogenannte Separatistenregierung als gleichwertige Gesprächspartner anerkennt. Bisher hat Kiew das abgelehnt.

Was bedeutet es für die prorussischen Separatisten, wenn sich die Lage entspannt?

Einerseits ist es eine Aufwertung für die Separatisten, denn die Ukrainer sollen direkt mit ihnen reden. Jedenfalls will Moskau das, um die These zu stärken, dass es sich hier um einen innerukrainischen Konflikt handle. Andererseits geraten die Separatisten durch den Waffenstillstand unter Druck. Ihre einzige Legitimation ist ja, dass gekämpft wird.

Man bekommt den Eindruck, dass gewisse Leute der Gewalt fast nachtrauern.

Wenn nun die Ukraine nicht mehr schiesst, kann man sich fragen, wofür es dieses Separatistenregime mit seinem aufgeblähten Militärapparat noch braucht. Die Separatisten geraten unter Rechtfertigungsdruck. Jemand in Donezk hat mir erzählt, dass die Separatisten auch nach Monaten des Waffenstillstands noch so tun, als ginge der Krieg weiter. Sie betonten, dass Krieg sei, obwohl gar nicht mehr geschossen wird. Man bekommt den Eindruck, dass gewisse Leute der Gewalt fast nachtrauern.

Ukrainer gedenken der Opfer des Krieges am 21. November 2020.
Legende: Ukrainer gedenken der Opfer des Krieges am 21. November 2020. Keystone

Der ukrainische Präsident Wladimir Selenski ist mit dem Versprechen angetreten, den Krieg im Osten des Landes zu beenden. Wie hat er sein Militär überzeugt?

Er hat einfach einen Befehl erlassen, dass die Armee nicht mehr schiessen und auch nicht mehr zurückschiessen darf, wenn sie angegriffen wird. Befehl ist Befehl. Es gibt diesen klaren politischen Willen in Kiew: Wir schiessen nicht mehr.

Ist dies ein Erfolg für Selenski?

Klar, das ist ein riesiger Erfolg für ihn. Es war sein grösstes Wahlversprechen, den Krieg zu beenden.

Legitimerweise will die Ukraine die Kontrolle über ihr eigenes Staatsgebiet zurück.

Wie fragil ist die Situation? Kann sie sich wieder ändern?

Ja, das kann sich leider jederzeit wieder ändern und die Menschen, die dort leben, sagen zum Teil, sie würden diese Ruhe nicht ganz trauen. Es kommt nun darauf an, ob es eine politische Lösung gibt und eine solche ist weiterhin nicht absehbar. Legitimerweise will die Ukraine die Kontrolle über ihr eigenes Staatsgebiet zurück. Aber auch Russland möchte seinen Einfluss in der Region via Separatistenregime behalten. Wie eine Lösung aussehen soll, ist unklar. Doch es ist eine gute Nachricht, dass nicht mehr geschossen wird.

Das Gespräch führte Hans Ineichen.

SRF 4 News, 25.11.2020; 06.40 Uhr;

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26 Kommentare

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  • Kommentar von Norbert Zeiner  (ZeN)
    Jetzt kommt wieder Bewegung in diesen angezettelten Bürgerkrieg, verschwand aus den Medien, nicht aber die Ukraine
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  • Kommentar von Irina Helfenbeger  (Hasenauer Irina)
    Nach so viele Opfer an der Ostukraine will die Bevölkerung dort nicht mehr zur Ukraine gehören. Leute dort wurde auch von der Ukraine abgeschnitten und es wurden keine Renten dort bezahlt und Russland hat alle Kosten übernommen. Außerdem wohnen dort überwiegend russische Leute, die auch auf Russisch sprechen wollen. Ukraine hat Ostukraine verloren, indem sie so lange Krieg gegen eigenes Volk geführt hat und will die Souveränität von diesem Gebiet nicht akzeptieren.
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  • Kommentar von Manu Meier  (Manuel Meier)
    Das zeigt dann wohl, dass Poroshenko das ganze Übel so lange hinausgezögert hat. Kaum ist Selenski an der Macht, wird nicht mehr geschossen. Ausserdem hat auch die Ukraine zum grössten teil dem Minsker abkommen widersprochen und nicht eingehalten. Der Ball lag immer bei Poroshenko. Aber für uns war immer Putin schuld.
    Und Herr Nauer. Bei einer Waffenruhe herrscht immer noch Krieg, es wird nur nicht geschossen. Vielleicht haben die Ostukrainer ja doch recht, nicht?
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    1. Antwort von Irina Helfenbeger  (Hasenauer Irina)
      Ostukraine hat natürlich Recht. Ukraine interessiert nur das Territorium und nicht die Leute, die überwiegend ethnische Russen sind und vor der Revolution ein Teil von Russland war und würde Ukraine zur wirtschaftlichen Stärkung von Kommunisten gegeben.
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    2. Antwort von Patrick Ryf  (Patrick Ryf)
      Ach ja, der missverstandene Putin. Es ist ja nicht so, dass er durch vermeintliche Anschläge in Moskau mit ungeheurer Machtfülle ausgestattet wurde, dann Tschetschenien in Blit tauchte, Georgien überfiel und seither neben Abchasien auch Südosseturn besetzt, Den baltischen Staaten unverholen gedroht hat und die Krim besetzt hat. Ist ja klar, dass so jemand unmöglich auch für die Situation in der Ostukraine verantwortlich sein könnte.

      Nein, der Kleptokrat beraubt nur tagtäglich das russ. Volk.
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