Zum Inhalt springen

Header

Audio
Was beabsichtigen die Russen an der ukrainischen Grenze?
Aus SRF 4 News aktuell vom 21.04.2021.
abspielen. Laufzeit 07:10 Minuten.
Inhalt

Konflikt in der Ostukraine «Wenn es schiefgeht, wird Putin sagen, er habe nichts gemacht»

Seit Tagen zieht Russland Truppen an der ukrainischen Grenze und auf der annektierten Halbinsel Krim zusammen. Beobachter wie Sergei Sumlenny werten dies als bedrohliche Entwicklung. Was der russische Präsident Wladimir Putin allerdings im Schild führt, ist offen.

Sergej Sumlenny

Sergej Sumlenny

Leiter des Büros der Heinrich-Böll-Stiftung in Kiew

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Sumlenny ist zurzeit Büroleiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Kiew und arbeitete in letzten Jahren in verschiedenen Funktionen sowohl in Russland als auch in der Ukraine. Die Heinrich-Böll-Stiftung steht den deutschen Grünen nahe.

SRF News: Für wie explosiv halten Sie die Lage?

Sergej Sumlenny: Sie ist in der Tat sehr explosiv. Wir haben seit 2014, also seit dem Ausbruch des Krieges, keine solche Konzentration von Truppen gesehen. Russische Verbände stehen an der ukrainischen Grenze, in den besetzten Gebieten auf der Krim und in der Ostukraine; 100’000 Mann und schweres Gerät, einschliesslich Kurzstreckenraketen, Dutzende von Jagdfliegern und von Bombern, einschliesslich sechs grosse Landungsschiff im Schwarzen Meer. Ich denke, es ist etwas mehr als eine normale Übung, wie Russland angibt.

Karte der Ukraine mit eingezeichneten Separatistengebieten
Legende: SRF

Beunruhigt dies die Menschen in der Ukraine?

Interessanterweise und erstaunlicherweise ist die Stimmung in Kiew sehr ruhig, erschreckend ruhig. Manchmal aber tauchen Funken der Angst auf: Vor einer Woche hat das Kiewer Rathaus eine interaktive Karte von bombensicheren Bunkern ins Netz gestellt mit dem Hinweis, dass sich die Bevölkerung im Falle einer Bombardierung dorthin retten könne. Dies löste in den sozialen Netzwerken Diskussionen aus.

Sie denken nicht, dass eine Grossoffensive geplant ist?

Nein, ich rechne nicht mit einer Grossoffensive. Russland, beziehungsweise Putin, versucht, mit schnellen Aktionen Fakten zu schaffen, den Status quo zu ändern und dann will er über die Verhandlungen diesen neuen Status quo zementieren. Ich denke, es geht Russland eher um ein lokales Ziel, wie beispielsweise darum, die Wasserversorgung für die Krim zu garantieren. Und die Truppen entlang der ukrainischen Grenze und in den besetzten Gebieten dienen nur dazu, Macht zu demonstrieren und natürlich ist es auch ein Test für die EU und für die Nato. So kann man abtasten, wie weit man gehen darf. Russland testet immer die Grenzen des Möglichen.

Putin versteht ein Angebot zur Deeskalation als ein Zeichen der Schwäche. Die Entscheidung von Biden, die zwei Kriegsschiffe aus dem Schwarzen Meer abzuziehen, finde ich falsch.

Bräuchte es mehr militärische Präsenz der Nato im Schwarzen Meer?

Unbedingt. Wir haben es vor acht Jahren bei der Krim-Annexion erlebt. Es war die Entscheidung von Obama, die Kriegsschiffe aus dem Schwarzen Meer zurückzuziehen. Er hoffte damals, das deeskaliere die Situation. Allerdings trat genau das Gegenteil ein. Putin versteht ein Angebot zur Deeskalation als ein Zeichen der Schwäche.

Viel hilfreicher wären sektorale Sanktionen, zum Beispiel gegen den Energiesektor, gegen den Bankensektor, gegen Nordstream 2, nicht die zahnlosen Sanktionen gegen einige Individuen.

Die Entscheidung von US-Präsident Biden, die zwei Kriegsschiffe aus dem Schwarzen Meer abzuziehen, finde ich falsch. Im Gegenteil, wenn man Präsenz zeigt, ist das Deeskalation.

Viel hilfreicher wären sektorale Sanktionen, nicht die zahnlosen Sanktionen gegen einige Individuen, sondern sektoralen Sanktionen, gegen den Energiesektor, gegen Bankensektor, gegen Nordstream 2. Das wäre ein Signal, dass man nicht ein grosses europäisches Land mit 100’000 Truppen, Artillerie, Panzern, Jagdbombern, Kurzstreckenraketen, die auch atomar bestückt werden können, offen zu bedrohen kann. Das geht nicht.

Video
Aus dem Archiv: Russische Truppen an der Grenze zur Ukraine
Aus Tagesschau vom 15.04.2021.
abspielen

Heute Mittwoch spricht Putin zur Lage der Nation. Erwarten Sie da konkrete Aussagen zur Ukraine?

Ehrlich gesagt, nein. Putin verneint die Tatsachen und seine Aktionen, bevor die Lage schon de facto geändert ist. Das war mit der Krim so. Das war mit dem Donbass so. Und es wird, glaube ich auch bei dieser Machtdemonstration so sein, weil er sich immer freien Raum zum Rückzug garantieren will. Wenn es schiefgeht, wird er sagen, er habe nichts gemacht.

Das Gespräch führte Hans Ineichen.

SRF 4 News, 21.04.2021, 07:20 Uhr;

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.
Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Push-Mitteilungen aktivieren

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

61 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Jörg Wombacher  (Dr. Fritz)
    Putin ist das eine, Russland das andere. Ich hoffe sehr, dass wir aus der Vergangenheit gelernt haben. Ich mag Russland, sie stehen uns auch kulturell nahe, haben grosse Dichter und Denker, und gemeinsam mit Russland könnten wir viel erreichen, viel mehr, als gegen Russland. Die Ukraine Intervention ist verwerflich, völlig klar, aber wir sollten Russland einbinden, nicht ausgrenzen, denn Putin nutzt den Ukrainekonflikt in erster Linie, um von innenpolitischen Problemen abzulenken.,
  • Kommentar von Hans Peter Auer  (Ural620)
    Dem situationsbedingten Status Quo ging 2014 eine moegliche Ratifizierung Assoziierungsabkommen zwischen der EU und der Ukraine zuvor. RU weigerte sich infolge Angst um Wettbewerb (Qualitaet zu angemessenem Preis) wirtschaftliche Verluste hinnehmen zu muessen. Dies beweist doch, dass RU es 1. nicht fertigt bringt, Waren, Produkte in derselben Qualitaet (technologischer Rueckstand) zu mindest ebenbuertigen Preisen anzubieten und darauf trotz Selbstverschulden mit Agressionen reagiert.
    1. Antwort von Monika Mitulla  (momi)
      Damals wollte Janukowitsch (Präsident Ukraine) das Assoziierungsabkommen nicht unterschreiben, worauf dieser weggeputscht worden ist. Anschliessend gab es Aufstände in der Ostukraine, die von Kiew mit Unterstützung Washingtons weggebombt wurden. Das Minsk II Abkommen mit dem Versprechen auf mehr Eigenständigkeit in der Ostukraine wurde bis heute nicht umgesetzt. Es ist wichtig Aktion und Reaktion nicht zu verwechseln, Herr Auer.
    2. Antwort von Hans Peter Auer  (Ural620)
      @ (momi):Und weshalb und unter welchem Druck wollte, oder hat der ehem. Praesident der UA das Abkommen nicht unterzeichnet? Weil wie schon erwaehnt, RU dies aus schon genannten Gruenden (marktwirtschaftlichem Wettbewerb) nicht akzeptieren wollte und Angst hatte, dass die EU via UA qualitativ hoch stehende Erzeugnisse nach RU gelangen koennten, welche RU nicht in dieser Qualitaet und zu diesen Preisen selbst herstellen koennten, infolge von technologischen Rueckstaenden der Produktion u Anlagen.
  • Kommentar von Urs Schneider  ()
    Merci für diesen Beitrag (bzw. Beitragsserie zum gleichen Thema) zum Medienkompetenztraining. Ein hervorragendes Beispiel von einseitiger Berichterstattung für den Schulunterricht um kritisches Hinterfragen zu lehren.
    1. Antwort von Monika Mitulla  (momi)
      Würde Ihnen gerne zustimmen - aber leider gibt es die Funktion nicht mehr.