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Krieg im Nahen Osten «Indien befürchtet, in den Krieg hineingezogen zu werden»

Wegen der Ölverknappung auf dem Weltmarkt infolge des Irankriegs erlaubt Washington Indien, während 30 Tagen russisches Erdöl zu kaufen. Eigentlich wird dies durch Handelsverträge zwischen Indien und den USA stark eingeschränkt. Wie Indien den Spagat zwischen Ost und West versucht, beleuchtet die in Indien lebende Journalistin Natalie Mayroth.

Natalie Mayroth

Freie Korrespondentin, Mumbai

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Mayroth ist freie Korrespondentin in Mumbai. Sie arbeitet als Reporterin für verschiedene deutsche Medien. Ihr Studium an der LMU München hat sie mit einem Magister in Europäischer Ethnologie, Soziologie und Iranistik abgeschlossen. Mayroth lebt zwischen Moosburg und Mumbai.

SRF News: Wie wichtig ist die Erlaubnis der USA für Indien, während 30 Tagen russisches Öl kaufen zu dürfen?

Natalie Mayroth: Für Indien ist es kurzfristig sicher eine Erleichterung, wenn es russisches Öl kaufen kann. Doch es besteht die Sorge, dass der Irankrieg länger dauert und der Ölpreis hoch bleibt. Indien ist stark auf Ölimporte angewiesen. Und wenn die Energiepreise steigen, hat das Auswirkungen auf die Lebensmittelpreise und könnte zu höherer Inflation führen. Die indische Rupie ist sehr schwach, Importe sind grundsätzlich entsprechend teuer.

Indien ist nicht nur beim Ölimport vom Irankrieg betroffen – im Nahen Osten leben und arbeiten auch viele Menschen aus Indien, vor allem in den Golfstaaten. Wie sehr beschäftigt das Indien?

Die Frage ist, wie umfangreich der Krieg wird. Fast zehn Millionen Inderinnen und Inder arbeiten in den Golfstaaten. Es ist dies eine der grössten indischen Communities der Welt. Sie arbeiten in verschiedensten Positionen, das Spektrum reicht von Fahrern bis zum mittleren oder höheren Management im Gesundheitsbereich. Wichtig für Indien sind vor allem die Geldrücküberweisungen der Arbeitsmigrantinnen und -migranten.

Viele Inderinnen und Inder stecken jetzt fest in den Golfstaaten.

Zur Veranschaulichung: In Dubai kommt man mit Hindi gut durch, in Abu Dhabi ist Hindi als dritte Amtssprache im Rechtssystem anerkannt. Dubai ist bei wohlhabenden Indern auch beliebt, um zu studieren oder Ferien zu machen. Reiche Inder besitzen am Golf auch Immobilien, gerade Bollywood-Stars lassen sich dort gerne blicken. Viele Inderinnen und Inder stecken jetzt also fest in den Golfstaaten.

Zwei Männer in Anzügen, einer mit gefalteten Händen.
Legende: Erst vor zwei Wochen war Indiens Premierminister Narendra Modi für einen Staatsbesuch in Israel. Dort traf er auch Premierminister Benjamin Netanjahu. Dabei sprach Netanjahu davon, Modi sei «mehr als ein Freund – ein Bruder». Bei dem Besuch wurden unter anderem Rüstungsgeschäfte vereinbart. Keystone/Leo Correa

Wie gross ist die Angst in Indien, in den Krieg hineingezogen zu werden?

Diese Angst besteht durchaus, auch Premier Narendra Modi sagte, es bestehe Anlass zur Sorge. Gleichzeitig versucht die Regierung, sich herauszuhalten und den Schaden zu begrenzen. Ungünstig für Indien ist, dass Modi erst vor wenigen Tagen Israel besucht hat und dort freundschaftlich von Premier Benjamin Netanjahu empfangen worden ist. Zudem versenkten die USA kurz nach Kriegsbeginn ein iranisches Kriegsschiff vor Sri Lanka, das zwecks einer Übung in der Region war. Das hat in Indien für viel Aufsehen gesorgt und zur Befürchtung geführt, Indien könnte womöglich in den Krieg involviert werden.

Indien kauft vermehrt Waffen aus Israel, den USA oder auch aus Frankreich.

Indien hat traditionell gute Beziehungen zu Russland oder zum Iran, gleichzeitig versucht es, jene zu westlichen Ländern zu verbessern. Wie lange kann Indien diesen Balanceakt aufrechterhalten?

Indiens Aussenpolitik basiert seit Jahren genau auf diesem Balanceakt – dem Multi-Alignment. Delhi geht davon aus, dass mehrere Verbindungen von Vorteil sind, man will sich nicht einem Block anschliessen. In den letzten Jahrzehnten sind die Beziehungen Indiens zu den USA viel besser geworden, auch jene zu Israel sind unter Premier Modi enger geworden. So kauft Indien etwa vermehrt Waffen aus Israel, den USA oder auch aus Frankreich. Auch hat Indien Freihandelsabkommen abgeschlossen, etwa jenes mit den Efta-Staaten, zu denen auch die Schweiz gehört. Gleichzeitig hält Delhi an den Verbindungen zu Russland fest – und eben auch zum Iran. Das wird angesichts der aktuellen Konflikte aber immer schwieriger.

Das Gespräch führte Yves Kilchör

SRF 4 News aktuell, 9.3.2026, 12:51 Uhr ; 

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