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Aus dem Archiv: Armenien hadert mit Waffenruhe
Aus Rendez-vous vom 11.11.2020.
abspielen. Laufzeit 04:34 Minuten.
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Krieg in Berg-Karabach Junge Armenier zwischen Hoffnung und Verzweiflung

Innerhalb weniger Wochen hat ein Krieg das Leben der Menschen in Armenien komplett verändert.

Am Tag als der Krieg ausbrach, hatte Hayk Geburtstag. Dieser Tag sollte ihm in Erinnerung bleiben, als jener Tag, an dem er 30 Jahre alt wurde. Stattdessen teilte der Krieg das Leben des Geigenspielers in zwei Hälften. In ein Leben vor Kriegsausbruch und in ein Leben danach.

Der armenische Geiger Hayk_Makijan in der armenischen Hauptstadt Jerewan.
Legende: Hayk Makijans Welt ist die Geige. Nur wenige Tage zuvor ist er von der Front zurückgekehrt. SRF / Luzia Tschirky

Zum Zeitpunkt, als wir Hayk in einem Park vor dem Konservatorium in der armenischen Hauptstadt Jerewan treffen, ist er erst wenige Tage von der Front nach Hause zurückgekehrt. «Ich schätze das Leben heute mehr als früher. Jeder von uns, der an der Front stand, hatte Momente, in denen er dachte, es sei möglicherweise sein letzter.» Hayk zittert während des Interviews. Es ist nicht der Novemberwind, der ihn frieren lässt.

Vom Geiger zum Soldaten

Offiziell bestätigt sind über 2400 Todesopfer auf armenischer Seite, mehrere hundert Soldaten gelten noch als vermisst. Von Aserbaidschan werden keine Zahlen zu den Todesopfern publiziert, dies gilt im autokratisch regierten Land als militärisches Geheimnis. Auf beiden Seiten sind besonders junge Männer zwischen 18 und 20 Jahren umgekommen. «Es gibt keinen Menschen in Armenien, der nicht jemanden verloren hat in diesem Krieg», ist Hayk überzeugt. Er selbst meldete sich als Freiwilliger und tauschte sein Instrument gegen eine Waffe.

Von den vier Musikern des von ihm gegründeten Quartetts haben zwei an der Front gekämpft und von einer Musikerin ist der Bruder als Militärarzt im Einsatz gestorben. Er hinterlässt eine Frau und zwei kleine Kinder.

Von der Friedensaktivistin zur Militäringenieurin

Mit der friedlichen Revolution im Land vor zwei Jahren stieg besonders unter den jungen Menschen die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Diese Hoffnungen wollen sich viele junge Menschen im Land, trotz aller Widrigkeiten, nicht nehmen lassen. Zu ihnen gehört auch Mariam Awagjan. Wäre kein Krieg ausgebrochen, würde sie an ihrer Doktorarbeit an der Columbia University in New York schreiben. Stattdessen ist sie seit Ende September pausenlos unterwegs, um Hilfsgüter an jene zu verteilen, die vom Krieg besonders betroffen sind.

Portrait von Mariam Awagjan, Akademikerin und jetzt Organisatorin von Hilfsgütern für Opfer des Krieges in der Region Berg-Karabach.
Legende: Einst Pazifistin, erwägt Mariam Awagjan heute, mit ihrem Ingenieurwissen Waffen zu entwickeln. SRF / Luzia Tschirky

«Ich musste dem Betreuer meiner Doktorarbeit und meinen Kommilitoninnen erst einmal erklären, dass meine Familie und ich in einem Kriegsgebiet leben und ich jeden Tag sterben könnte. Ich weiss gar nicht mehr, wie viele Leute gestorben sind, die ich kannte. Jeden Tag wachst du auf und hörst von einem weiteren Toten», erzählt sie auf dem Weg durch den Südosten Armeniens.

Karte von Armenien und Aserbaidschan.
Legende: SRF

Nicht weit von der Grenze mit der Republik Berg-Karabach entfernt, liegt der Kurort Dschermuk, dessen Sanatorien zurzeit Geflüchtete aus der umkämpften Region beherbergen. Mariam organisiert zusammen mit anderen Armenierinnen Hilfsgüter-Transporte hierher, mit Nahrungsmitteln und Spielsachen für Kinder.

Dieser Krieg hat mich verändert.
Autor: Mariam Awagjan

Um diese Hilfe vor Ort leisten zu können, macht sie ein Semester Pause an der Universität. Der Krieg hat auch ihre Zukunft völlig auf den Kopf gestellt: «Ich war mein ganzes Leben lang überzeugte Pazifistin und habe Waffen gehasst. Dieser Krieg hat mich verändert. Ich überlege mir ernsthaft, für die armenische Armee zu arbeiten und mein Wissen als Ingenieurin dafür einzusetzen, Waffen zu entwickeln.» Denn es seien die Drohnen gewesen, die Aserbaidschan im Ausland eingekauft habe, mit denen am meisten Menschen getötet worden seien, sagt Awagjan.

Vom Kameramann zum Fluchthelfer

Viele junge Menschen in Armenien scheinen während des Krieges humanitäre Aufgaben ohne Zögern übernommen zu haben. Bevor der amtierende Premierminister Nikol Paschinjan durch demokratische Wahlen an die Macht kam, regierten Oligarchen und ihre Strohmänner das Land. Die Korruption hatte Armenien und die angrenzende Region Berg-Karabach bis ins Innerste zerfressen, und vom Staat konnten die Menschen nur wenig Hilfe in der Notsituation erwarten.

So organisierte Ararat Schabasajan, der eigentlich als Kameramann beim armenischen Fernsehen arbeitet, die Evakuation von mehreren tausend Zivilisten aus der Stadt Stepanakert auf eigene Faust.

Ararat Schabasajan, armenischer Kameramann und Evakuationshelfer aus der Stadt Stepanakert.
Legende: Ararat Schabasajan bedauert die vielen bleibenden Wunden des Krieges. SRF / Luzia Tschirky

Wochenlang fuhr er Menschen in seinem eigenen Auto in Sicherheit. «Die vielen Kinder, Frauen und Grosseltern zurückzulassen, auf der Strasse in Berg-Karabach – das wäre nichts für mich gewesen.»

Sein eigenes Engagement sei jedoch nichts im Vergleich zum Engagement von anderen: «Für jedes Problem kann eine Lösung gefunden werden. Für jedes. Aber die Männer, die im Krieg gestorben sind, die Männer kann man nicht mehr zurückholen.»

Video
Aus dem Archiv: Gewaltsamer Konflikt um Berg-Karabach
Aus Tagesschau vom 28.09.2020.
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10vor10, 1911.2020, 21.50 Uhr

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21 Kommentare

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  • Kommentar von Kerzenmacher Boris  (zombie1969)
    Das ist natürlich bitter für die Armenier, weil dieses Abkommen einer Kapitulatiion gleichkommt. Es ist aber nun mal vorbei. Arzach konnte nicht gegen den von allen Seiten angreifenden und technologisch überlegenen Gegner verteidigt werden. Jetzt kommt es darauf an, für die armenische Seite das Maximale bei den Verhandlungen herauszuholen. Vielleicht wird ja nicht alles christlich-armenische Erbe sofort zerstört. Mal sehen, wie sich die Jihadisten aus Syrien in der Kathedrale dort benehmen.
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  • Kommentar von Christoph Stadler  (stachri)
    Was hier immer wieder ausgeblendet wird ist, dass Armenien nicht nur Bergkarabach völkerrechtswidrig einverleibt hat, sondern ein flächenmässig noch grösseres Territorium um Bergkarabach herum. Armenien hat – wie viele Staaten in der Vergangenheit auch – zu hoch "gepokert“ und ist nun auf ein kleineres Territorium geschrumpft, als vor dem Konflikt mit Aserbeidschan...
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    1. Antwort von Thomas Leu  (tleu)
      @ Christoph Stadler: Wenn Sie von Stalin willkürlich gezogene Grenzen als völkerrechtlich sakrosankt akzeptieren, haben Sie Recht. Das historische Armenien umfasste ursprünglich grosse Teile der Osttürkei, Aserbaidschans (ausserhalb der jetzt von Aserbaidschan gewaltsam eroberten Gebieten), Georgiens und Nordirans. Nach brutalen ethnischen Säuberungen blieb das kleine Armenien und Berg-Karabach und Umgebung übrig. Dort hat es uralte Kirchen und Klöster, wo die Armenier seit Jahrhunderten lebten.
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    2. Antwort von Christoph Stadler  (stachri)
      @ Leu: 90% aller Staatsgrenzen stimmen nicht mit Ethnien überein. Grosse Teile der Schweizerischen Grenzen haben wir Napoleon, dem Wienerkongress und deren Protagonisten zu verdanken. Man kann bez. Staatsgrenzen nicht einfach wieder hunderte von Jahren zurückbuchstabieren, gerade so wie es einem passt – es war vorher immer jemand anders da. Übrigens hat sich Bergkarabach 1920 freiwillig zu Aserbaidschan zugehörig erklärt. Das Völkerrecht, UNO & EU bestätigen den Anspruch Aserbaidschans.
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    3. Antwort von Thomas Leu  (tleu)
      @ Christoph Stadler: Einverstanden: Für 95% der Weltfläche trifft Ihre Aussage zu. Es gibt aber Gebiete, die nie einen Vertrag abschliessen konnten, den beide akzeptiert haben. Dazu gehört u.a. Armenien. Auch der Kosovo wird mit UNO-Unterstützung zu einem eigenen Staat und wird sich wohl langfristig Albanien anschliessen. Vor 100 Jahren hatten die Serben dort noch die Bevölkerungsmehrheit. In der Schweiz hat man den Kanton Jura geschaffen, obwohl das Gebiet seit Jahrhunderten zu Bern gehörte.
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  • Kommentar von Thomas Leu  (tleu)
    Armenien hatte unter dieser Konstellation mit der Türkei als Unterstützer Aserbaidschans von Beginn weg keine Chance. Ein weiterer Sieg für Erdogan! Der Westen hatte dem Krieg, ausser Aufrufe zum Waffenstillstand, nichts entgegengesetzt. Wir prangern zwar den türkischen Völkermord an den Armeniern an, aber wenn es konkret wird, ist nichts. Zypern, Griechenland, die syrischen Kurden sollten sich warm anziehen. Der Westen, ausser vielleicht noch Macron, steht nicht konsequent für seine Werte ein.
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