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Journalistin: «Es ist naheliegend, davon auszugehen, dass es keine Einzelfälle sind»
Aus SRF 4 News aktuell vom 07.04.2021.
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Kritik an Griechenland Hilfsorganisationen: Konzept der Flüchtlingslager ist gescheitert

Amnesty International übt scharfe Kritik an Griechenland: Im jährlichen Bericht, Link öffnet in einem neuen Fenster zur Lage der Menschenrechte auf der Welt ist von Gewalt an Flüchtlingen die Rede. In zahlreichen Fällen habe Griechenland Flüchtlinge zurück in die Türkei gedrängt. In den Lagern würden zudem die Grundrechte verletzt. Die Journalistin Rodothea Seralidou hält die Kritik an der Regierung in Athen wegen ihres Umgangs mit den Flüchtlingen für gerechtfertigt.

Rodothea Seralidou

Rodothea Seralidou

Freie Journalistin

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Die Journalistin berichtet seit 2011 für SRF und ARD aus Griechenland. Sie lebt in Athen.

SRF News: Sie halten die Kritik an Griechenland für gerechtfertigt. Wieso?

Rodothea Seralidou: Der Bericht kritisiert Dinge, die tatsächlich kritikwürdig sind, etwa die Situation in den Flüchtlingslagern auf den Inseln, das neue griechische Asylgesetz, die illegalen Pushbacks an der griechisch-türkischen Grenze, die seit 2020 zugenommen haben, und die Ausgangssperren für Geflüchtete wegen der Pandemie, die ohne plausible Begründung immer wieder verlängert werden. Auf all das bezieht sich der aktuelle Bericht.

Es gelangen Videos von den Geflüchteten an die Öffentlichkeit, die zeigen, wie sie in Booten ohne Motor oder auf sogenannten Rettungsinseln im offenen Meer sich selbst überlassen werden.

Die Regierung dementiert die Pushbacks. Wie argumentiert sie konkret?

Es kommen kaum mehr Geflüchtete auf den Inseln an. Die Regierung sagt, das habe man der guten Arbeit der griechischen Küstenwache zu verdanken. Gleichzeitig mehren sich aber investigative Berichte internationaler Medien und Meldungen von Nichtregierungsorganisationen. Es gelangen Videos von den Geflüchteten an die Öffentlichkeit, die zeigen, wie sie in Booten ohne Motor oder auf Rettungsinseln im offenen Meer sich selbst überlassen werden. Diese Berichte und Bilder gibt es. Dabei von Fake News zu sprechen, wie es Athen tut, ist zwar einfach. Glaubwürdig ist es nicht.

Inwiefern werden die Grundrechte der Flüchtlinge eingeschränkt?

Die Asylreform vor einem Jahr sorgte für eine Beschleunigung. Dadurch kann aber ein faires Verfahren oft nicht mehr garantiert werden. Anwälte auf Lesbos haben von Fällen berichtet, bei denen schwer traumatisierte Menschen kurz nach ihrer Ankunft ihre Anhörung hatten, obwohl sie psychisch noch gar nicht in der Lage waren, von ihren Erlebnissen zu berichten. Mit dem Ergebnis, dass ihr Antrag abgelehnt wurde.

Es wird auch keine Priorität haben, solange Geflüchtete in Griechenland als eine Art Trojanisches Pferd gesehen werden, mit dem die Türkei versucht, das Land unter Druck zu setzen.

Und die Frist, in der die Geflüchteten schriftlich gegen ihren negativen Bescheid Einspruch einlegen können, wurde auf zehn Tage gekürzt. Hinzu kommt, dass die Hilfen für Menschen, deren Asylverfahren abgeschlossen ist, nach einem Monat eingestellt werden, obwohl viele zu diesem Zeitpunkt immer noch im Camp leben. Auch das kritisiert Amnesty International.

Die EU hat Millionen zugesagt für den Bau neuer Lager. Ist das gut?

Geflüchtete sollen in Wohncontainern untergebracht werden. Diese sollen mit Klimaanlagen ausgestattet sein. Sollte das so sein, würde sich ihre Situation in der Hinsicht tatsächlich verbessern. Doch Hilfsorganisationen sagen, Griechenland müsse vom Konzept dieser grossen Flüchtlingslager wegkommen. Es sei gescheitert. Die Regierung hält aber daran fest.

Das heisst, eine Besserung der Situation zeichnet sich nicht ab?

Eine echte Besserung braucht ein Umdenken in der ganzen Herangehensweise. Das Asylsystem müsste effizient sein, ohne seine Gerechtigkeit zu verlieren. Es müsste Integrationsprogramme für Geflüchtete geben. Die gibt es nicht. Und das wird auch keine Priorität haben, solange Geflüchtete in Griechenland als eine Art Trojanisches Pferd gesehen werden, mit dem die Türkei versucht, das Land unter Druck zu setzen. Griechenland wird weiter schauen, dass es weniger Menschen gibt, die ankommen, und nicht, wie es diesen wirklich geht.

Das Gespräch führte Christina Scheidegger.

SRF 4 News, 07.04.2021, 07:45 Uhr;

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33 Kommentare

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  • Kommentar von Arthur Meili  (Arthur Meili)
    Ein “Gruener”. “Ich war schon einige Male auf den Inseln. Ich habe mit einem Manne gesprochen aus dem Kongo, der lebt jetzt schon ueber ein Jahr im Lager und niemand
    sagt ihm, wie es weiter geht”. Als erstes sollte er doch in den Kongo gehen und sehen, was der Fluchtgrund war. In ihrem gesinnungsethischen Furor achten Fluechtlingsorganisationen nur auf das Schicksal der Fluechlinge. Denn was nuetzt die grenzenlose Aufnahmebereitschaft, wenn die europaeischen Gesellschaften es nicht wollen.
  • Kommentar von Ueli Lang  (Wochenaufenthalter)
    Die Kritik an Griechenland ist einerseits sicher berechtigt, andererseits aber auch falsch. Tatsache ist, dass Griechenland nur umsetzt, was wir Europäer ja wollen, nämlich den Zutritt nach Europa an spezifische Bedingungen zu knüpfen, die verhindern, dass eine grössere Anzahl von Menschen zu uns gelangt. Dazu existiert eine implizite Mandatierung seitens der europäischen Bevölkerung. Ans "Wir schaffen das" glaubt inzwischen nur eine kleine Minderheit. Die Griechen handeln entsprechend!
  • Kommentar von Lukas Odermatt  (LuOder)
    Es muss endlich ein europäischer Verteilschlüssel her... Die armen Griechen und Griechinnen werden grausam im Stich gelassen!
    Wir verkaufen ihnen Waffen, drängen ihnen Freihandel auf, beuten ihre Rohstoffe aus, um ihnen danach Fertigprodukte zu verkaufen, um weiter mit subventionierten Landwirtschaftsprodukten den Rest ihrer Wirtschaft zu zerstören. Und streiten danach, was eine "würdige" und "legale" fluchtsuchende Person ist. Das ist Heuchelei. Jede*r hat ein Recht auf eine würdige Zukunft!
    1. Antwort von Ueli Lang  (Wochenaufenthalter)
      Die Frage ist eigentlich eine andere, auf wie viel Wohlstand sind Sie persönlich bereit, vorbehaltslos zu verzichten, um diesen Menschen ein angemessenes Leben zu ermöglichen? 30% oder 50% oder 66%? Jeder hat übrigens nicht nur Rechte, sondern primär auch Pflichten!
    2. Antwort von Heidi Müller Mermer  (Gelincik)
      Danke!