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Schwierige Bedingungen im Flüchtlingscamp auf Samos
Aus SRF 4 News aktuell vom 19.03.2021.
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Fünf Jahre Flüchtlingspakt Flüchtlinge ohne Hoffnung und frustrierte Griechen auf Samos

In den überfüllten Flüchtlingslagern auf den griechischen Ägäisinseln sitzen Tausende Flüchtlinge und Migranten fest. Die Journalistin Rodothea Seralidou hat dazu auf der Insel Samos für die SRF-Sendung «International» recherchiert. Was sie berichtet, ist eindrücklich.

Rodothea Seralidou

Rodothea Seralidou

Freie Journalistin

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Die Journalistin berichtet seit 2011 für SRF und ARD aus Griechenland. Sie lebt in Athen.

SRF News: Sie waren auf der Insel Samos – wie schwierig war es für Sie als Reporterin, Zugang zum Flüchtlingslager zu erhalten?

Rodothea Seralidou: Seit der Corona-Pandemie ist es unmöglich, eine Genehmigung für den Besuch des offiziellen Camps zu bekommen. Doch man darf sich legal im Aussenbereich aufhalten, wo die meisten Flüchtlinge und Migranten leben. Trotzdem unterbrachen Polizisten ein Interview mit Campbewohnern, das ich gerade führte. Sie befahlen mir, ihnen zu folgen.

Leben in Zelten und ohne Strom

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Leben in Zelten und ohne Strom

Die Lebensbedingungen im Camp auf Samos sind ähnlich schlimm, wie damals im alten, abgebrannten Camp «Moria» auf Lesbos. Aktuell leben rund 3200 Menschen im Lager von Samos, darunter 700 Kinder. Doch im offiziellen Camp gibt es nur Platz für 650 Menschen. Die meisten leben also im Aussenbereich des Camps, in Zelten und Hütten und ohne Strom. Entsprechend gefährlich ist es etwa, nachts im Dunkeln zur Toilette zu gehen. Überhaupt gibt es nur sehr wenige Toiletten – und dabei handelt es sich um ToiTois. (Rodothea Seralidou)

Was war der Grund, dass Sie von der Polizei abgeführt wurden? Sie haben ja bloss ihre Arbeit als Journalistin gemacht?

Der strenge Auftritt der Polizisten hatte wohl zum Ziel, mich als Medienvertreterin einzuschüchtern. Die Berichterstattung über die Lager auf Samos oder Lesbos ist nicht erwünscht. Nur in ausländischen Medien wird das Thema noch aufgegriffen. In meinem Fall kam hinzu, dass ich ganz allein dort war, ohne Team, ohne Dolmetscher oder Zeugen.

Die Polizisten wollten mich wohl einschüchtern.

Man führte mich zur offiziellen Camp-Verwaltung, wo meine Personalien aufgenommen wurden. Dort bestätigte mir man aber auch, dass der Aufenthalt im Aussenbereich des Lagers nicht verboten ist. Letzten Endes durfte ich weiterarbeiten. Die Kontrolle hatte auch etwas Gutes für meine Recherche: So kam ich trotzdem ins offizielle Lager rein, um mir ein Bild der Verhältnisse zu machen.

Flüchtlingspakt EU-Türkei

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Flüchtlingspakt EU-Türkei
Legende: Keystone

Wegen des seit fünf Jahren geltenden Flüchtlingsdeals zwischen der EU und der Türkei müssen die Menschen auf den griechischen Inseln bleiben, bis ihr Asylverfahren abgeschlossen ist. Vor 2016 wurden die auf den Inseln ankommenden Flüchtlinge jeweils relativ rasch aufs griechische Festland gebracht, von wo aus sie wenn immer möglich in Richtung Westeuropa weiterzogen. (Rodothea Seralidou).

Wie haben die Camp-Bewohnerinnen und -Bewohner auf Sie als Journalistin reagiert?

Ich habe viele Menschen angetroffen, die mir ihre Geschichte erzählen wollten. Die Menschen wollen, dass die Welt auf ihre Situation schaut. Viele waren sehr freundlich und luden mich in ihre Behausungen ein. Die meisten wollten allerdings weder ihren vollen Namen nennen noch wollten sie fotografiert werden – was ich durchaus verstehe.

Die Menschen im Camp wollen, dass die Welt auf ihre Situation schaut.

Eine Frau aus Kamerun fragte mich: «Was können Sie für uns tun?» – und ich musste sagen, dass ich bloss über ihre Situation berichten und ihr eine Stimme geben kann. Bei ihrer Asylgelegenheit könne ich ihr nicht helfen und ich könne sie auch nicht nach Westeuropa bringen. Da hat sie nur noch geschwiegen.

Eine Frau wäscht neben einem Zelt ab.
Legende: Leben im Zeltcamp – ohne Strom und Licht in der Nacht. SRF/Rodothea Seralidou

Seit Jahren sind die Flüchtlingslager in Griechenland überfüllt – nicht zuletzt wegen des EU-Türkei-Flüchtlingsdeals. Wie beurteilen die Griechinnen und Griechen die EU-Politik?

Sie wünschen sich eine andere Flüchtlings- und Migrationspolitik, denn derzeit wird das Problem einfach den Ländern an den EU-Aussengrenzen überlassen. Die Griechen wollen auch nicht einfach Geld aus Brüssel, und im Gegenzug die geflüchteten Menschen behalten. Die Inselbewohner wollen, dass die Flüchtlinge auf die ganze EU verteilt werden.

Überfüllte Lager, frustrierte Inselbewohner, Hoffnungslosigkeit unter den Geflüchteten.

Stattdessen werden jetzt mit EU-Geldern neue Lager auf den griechischen Inseln gebaut. Entsprechend war die Entscheidung vor fünf Jahren, dass die Flüchtlinge bis zum Asylentscheid auf den griechischen Inseln bleiben müssen, für die Inseln fatal. Das führte zu all den heutigen Problemen: Überfüllte Lager, frustrierte Inselbewohner, Hoffnungslosigkeit unter den Geflüchteten. Denn diese stecken auf den griechischen Inseln fest und müssen dort jeden Tag ums Überleben kämpfen – dabei wollen sie eigentlich nach Westeuropa.

Das Gespräch führte Teresa Delgado.

Die ganze Reportage in «International»

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Die ganze Reportage in «International»

Die Reportage über die Zustände auf Samos hören Sie in der Sendung «International». Den Podcast dazu können Sie ab Samstagmorgen hier herunterladen.

SRF 4 News aktuell vom 19.3.2021, 06.20 Uhr;

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33 Kommentare

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  • Kommentar von Margot Helmers  (Margot Helmers)
    Im TA, NZZ, Welt, Spiegel, usw. wird nirgendwo so oft wie in SRF über die Migranten in GR und Balkan-Ländern berichtet. Herr Gattiker vom SEM sagte kürzlich in der Rundschau die Schweiz mache im Asylbereich sehr viel und sehe kein Handlungsbedarf in GR. Am 24.09.2006 gab es eine Abstimmung, es ging um die Wegweisung Asylsuchender die aus sicheren Drittstaaten kommen, sie wurde mit 67,8% angenommen. Das SRF sollte die Demokratie und Gesetze respektieren und nicht bald jede Woche das thematisieren
    1. Antwort von Michael Ruefer  (Michael Ruefer)
      Einfach respektlos diese Haltung. Sie sollten sich schämen für Ihren Kleinmut. Das Camp auf Samos ist eine Tragödie. Dass Griechenland damit noch Geld macht, die noch grössere. Finden Sie es gut, dass Journalistinnen nicht mehr über solch schlimme Zustände berichten dürfen?
    2. Antwort von Astrid Meier  (Swissmiss)
      Frau Keller-Sutter versprach nach dem Brand des Lagers auf Lesbos, im neuen Lager werde die Schweiz für die Wasserversorgung sorgen. Passiert ist nichts, es gibt kein fliessendes Wasser. Trinkwasser für Tausende muss mit Petflaschen geliefert werden, Frauen waschen ihre Wäsche teils im Meer. Gattiker sagt, was die Politik ihm vorschreibt, und die Politik Europas inklusive der Schweiz ist eine humanitäre Schande.
    3. Antwort von Adrian Meyer  (Sapient)
      Zur schweizer Demokratie gehört auch die Pressefreiheit.

      Nur weil vor 15 Jahren eine Abstimmung stattfand heisst nicht, dass die Medien über die praktischen Auswirkungen dieser Abstimmung nicht informieren dürfen. Wie sonst sollte das Volk bei der nächsten Abstimmung informiert entscheiden, wenn die Medien nicht informieren dürfen?
    4. Antwort von Margot Helmers  (Margot Helmers)
      @Meyer. SRF ist keine "Presse", wie z.B. Tages Anzeiger oder NZZ. SRF hat einen umfassenden Service-public-Auftrag und ist im Bundesgesetz 784.40 verankert. Die Redaktionen sind gesetzlichen und unternehmerischen Vorgaben verpflichtet, dafür müssen alle Haushalte einen Betrag bezahlen - unkündbar.
      Selbstverständlich muss SRF neutral zu Abstimmungsvorlagen und
      -ergenisse informieren. Aber der Artikel ist einer von ganz vielen zum gleichen Thema, fast null Informationsgehalt, aber viel Meinung.
  • Kommentar von Bruno Müller  (Krötenprinz)
    In der Bundesrepublik Deutschland z. B. lag nach dem 2. Weltkrieg alles in Schutt und Asche. Innerhalb von 40 bis 50 Jahren wurde Deutschland eines der reichsten Länder der Welt. Nicht mit Beten sondern mit harter Arbeit.
    Da wir Menschen alle gleich sind, sind wir sicherlich auch alle gleich fleissig. Was den Deutschen in so kurzer Zeit gelang, sollte demnach den Syrern, Afghanen, Irakern und den Afrikanern eigentlich auch gelingen. Nicht?
    1. Antwort von Remy Chevalier  (CheRemy)
      Ich verstehe gut was sie meinen. Deutschland hat es allerdings nicht aus eigener Kraft geschafft. Googeln sie mal Schuldenschnitt nach dem 2. WK und Bretton Woods System. Hier hat DE profitiert, während andere Länder in die Röhre schauten.
    2. Antwort von Astrid Meier  (Swissmiss)
      Zudem wurde Deutschland nach dem Krieg nicht bombardiert, und befand sich auch nicht in einem bewaffneten Bürgerkrieg.
    3. Antwort von Margot Helmers  (Margot Helmers)
      @Chevalier. Tausende von US-Spezialisten kamen 1945 bis 1955 ins Reich und durchkämmten die deutschen Betriebe nach neuen Maschinen, Verfahren und technischen Erfindungen. Ausser der vollständigen Wegnahme von Hunderttausenden von deutschen Patenten, Gebrauchsmustern und Entwicklungsskizzen nahmen die Amerikaner dazu noch Tausende von deutschen Forschern und Technikern einfach mit, die dann jahrelang zur Forschungsarbeit und zur Bedienung der neuen deutschen Geräte in den USA gezwungen wurden.
    4. Antwort von Ueli Lang  (Wochenaufenthalter)
      @R,Chevalier und Astrid Meier
      Der Vergleich mit Deutschland hinkt. Deutschland war 1945 sicher mehr am Boden als Syrien heute. Aber Deutschland verfügte im Gegensatz zu Syrien heute über Erfahrungen mit demokratischen Systemen seit 1848. Zudem wurde 1948 mit der Einführung der D-Mark, das kapitalistische Leistungsgedankengut tief verankert. All das fehlt im pseudosozialistischen Baath Syrien völlig. Da lebt man sozusagen in der Zigarettenwährung Deutschlands vor 1948 und ohne Marshallplan!
    5. Antwort von Markus Baumann  (pierrotlunaire)
      @Lang „Erfahrung mit demokratischen Systemen seit 1848“ - das ist falsch. Vor 1871, dem dt-frz. Krieg und der Gründung des dt. Kaiserreiches, bestand die heutige BRD aus vielen Fürstentümern, die alles andere als demokratisch waren. Nach dem Zusammenbruch des dt. Kaiserreiches 1918 fanden die Streitereien zwischen versch. Gruppen statt: Sozialisten, Kommunisten, das Zentrum - aus denen die NSDAP als Siegerin hervorging. Demokratie, die diesen Namen verdient, findet erst ab 1945/46/47 statt.
  • Kommentar von Martin Marbacher  (Marmar)
    Dass die Polizei die Berichterstattung über die Lager unterbinden will, ist v.a. der sehr tendenziösen, einseitigen Sicht von Journalisten und Hilfsorganisationen in dieser Sache geschuldet. Ihr Anliegen deckt sich mit dem der Migranten: Möglichst schnell möglichst viele nach Europa zu befördern.
    1. Antwort von Ueli von Känel  (uvk)
      Herr Marbacher: Würden Sie auch weiter so herzlos reden, wenn Sie in Armut wären - wie z. B. diese Migranten?
    2. Antwort von Martin Marbacher  (Marmar)
      @von Känel Ich kann das Anliegen der Migranten verstehen. Doch gilt es, statt anderen Herzlosigkeit vorzuwerfen und immer neue Anreize zu schaffen, REALISTISCH zu bleiben: Diese Migranten haben die Schlepper bezahlt und gehören somit nicht zu den Ärmsten. Die meisten von ihnen trotzen den Widrigkeiten auf Samos, Lesbos etc., weil sie mit einer Rückkehr ihr Gesicht vor ihren Nächsten verlieren würden; als Versager dazustehen, schmerzt sie mehr als einen Winter im Zelt in Helas zu verbringen.
    3. Antwort von robert mathis  (veritas)
      Herr Marbacher das stimmt genau dass oft alle Objektivität fehlt wie auch gelegentlich bei den Forumschreibern dann verstehe ich dass die Berichterstattungen kontrolliert werden.Jeder sieht das traurige Misere in diesen Lagern aber mich stört dass die Betroffenen selten Anstalten machen selbst die Probleme an zu gehen oder freiwillig zurück zu kehren mit finanzieller Unterstützung für einen neuen Start zu Hause das wäre eine Möglichkeit. Es sind nicht alles Kriegsflüchtlinge ohne Heimat.