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Deutschland - Kampf um Deutungshoheit
Aus Echo der Zeit vom 26.05.2020.
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Medien gegen Wissenschaftler «Wenn Experten perfekt sein müssen, ist die Wissenschaft tot»

Wissenschaftler sind in der Coronakrise in der Öffentlichkeit exponiert. Experten sagen: Das ist nicht unproblematisch.

Die deutsche «Bild»-Zeitung und der bekannte deutsche Virologe Christian Drosten liegen sich in den Haaren. Die Zeitung hatte in einem Artikel eine Studie zur Übertragbarkeit des Coronavirus durch Kinder als «grob falsch» bezeichnet und «fragwürdige Methoden» angeprangert. Drosten schrieb auf Twitter von einer «tendenziösen Berichterstattung» und veröffentlichte die Anfrage eines Journalisten der «Bild»-Zeitung.

Mike Schäfer ist Professor für Wissenschaftskommunikation an der Universität Zürich und stammt ursprünglich aus Deutschland. Er sagt gegenüber SRF News, der Konflikt zwischen dem Wissenschaftler und der Zeitung schwele schon länger. Die Art, wie nun eine wissenschaftliche Arbeit mit der für die Zeitung üblichen Zuspitzung öffentlich kritisiert werde, sei ein hochproblematischer Fall.

Der Streit zwischen Christian Drosten und der «Bild»-Zeitung

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Christian Drosten.
Legende:Christian Drosten.Keystone.

Ende April hatte ein Wissenschaftler-Team um den Virologen Christian Drosten von der Berline Charité-Universitäts-Klinik eine Studie, Link öffnet in einem neuen Fenster veröffentlicht, die die Viruslast von Kindern und Erwachsenen untersuchte. Dabei kam das Team zum Schluss, dass es keinen signifikanten Unterschied gebe – Kinder «könnten» also gleich ansteckend sein. Damit verbunden war die Warnung davor, Kindergärten und Schulen zu öffnen. Die Studie und die Forderung waren bereits damals umstritten.

Die deutsche «Bild»-Zeitung hat sich nun in einem Artikel, Link öffnet in einem neuen Fenster Anfang Woche auf Aussagen von Wissenschaftskollegen von Christian Drosten bezogen, die die Studie kritisieren. Die Zeitung hatte Drosten eine Stunde Zeit gegeben, auf die Kritik zu reagieren, woraufhin er die Mail-Anfrage des Journalisten in einem Tweet öffentlich machte und dazu schrieb: «Ich habe Besseres zu tun.»

Die im «Bild»-Artikel zitierten Wissenschaftler haben sich nach der Veröffentlichung von der Berichterstattung distanziert. Dies, auch wenn zum Beispiel der Schweizer Leonhard Held von der Universität Zürich grundsätzlich bei seiner Einschätzung bleibt, die Studie von Drosten habe zu wenige Stichproben berücksichtigt.

Der deutsche Virologe Hendrick Streeck ist oft gänzlich anderer Meinung als sein Kollege Christian Drosten. Gemeinsam ist den beiden jedoch der raue mediale Gegenwind: Auch Streeck hatte nach einer früh veröffentlichten Studie heftige Kritik über sich ergehen lassen müssen, wenn auch aus anderen Gründen wie Drosten. Von Ländern wie den USA kennt man ebenfalls das «Medien-Bashing» von Experten in der Coronakrise.

Auch in der Schweiz gibt es mediale Kritik an Experten wie dem Epidemiologen Marcel Salathé von der Uni Lausanne. Doch diese ist laut Mike Schäfer «deutlich zivilisierter». Das liege auch daran, dass in der Schweiz das Ansehen der Wissenschaft im internationalen Vergleich generell recht hoch sei.

Wissenschaftler hätten es in der Schweiz aber grundsätzlich nicht leichter als anderswo, sagt Caspar Hirschi. Der Geschichtsprofessor von der Universität St. Gallen erforscht seit Jahren die Rolle von Experten in der Politik. In der Coronakrise sei die Schweizer Politik lange zurückhaltend mit Experten umgegangen und dafür von diesen hart kritisiert worden. Im Nachhinein sei das Vorgehen ein Glücksfall.

Wissenschaft ist nicht einfach zu kommunizieren.
Autor: Mike SchäferProfessor für Wissenschafts-Kommunikation an der Universität Zürich

Der Bundesrat habe damit verhindert, dass Experten für politische Massnahmen verantwortlich gemacht und zur Zielscheibe wurden, so Hirschi. In Deutschland präsentierten sich Politiker seit Beginn der Krise mit Experten vor den Medien. Dies habe nun zur Folge, dass Medien politische Kampagnen gegen Experten losträten, wie im aktuellen Fall in der «Bild»-Zeitung.

Dazu kommt laut Mike Schäfer: «Wissenschaft ist nicht einfach zu kommunizieren.» Normalerweise laufe es in der Welt der Wissenschaft eben anders ab: Wissenschaftler würden ihre Erkenntnisse in Fachpublikationen veröffentlichen. Dann widmen sich Kollegen den Studien. Sie prüfen und begutachten sie – und bringen auch Kritik an.

Der Druck, schnell Resultate zu liefern, ist gewaltig. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass viele Studien nicht halten, was sie versprechen.
Autor: Caspar HirschiGeschichtsprofessor an der Universität St. Gallen

Das sei konstruktive Kritik, von der die Öffentlichkeit normalerweise nichts mitbekomme. Nun seien jedoch auch Studien von öffentlichem Interesse, die noch nicht wissenschaftlich begutachtet worden seien. Durch Artikel wie denjenigen der «Bild»-Zeitung würde die Kollegen-Kritik in aller Öffentlichkeit wahrgenommen. Für gewisse Medien sei dies dankbar, sagt Schäfer, so würden Fachdiskussionen unter Kollegen zu Expertenstreits hochstilisiert.

Caspar Hirschi von der Universität St. Gallen sagt dazu: «Der Druck, schnell Resultate zu liefern, ist gewaltig. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass viele Studien nicht halten, was sie versprechen.» Dazu gehöre auch die Studie von Christian Drosten. Öffentliche Diskussionen unter Wissenschaftlern seien in solchen Fällen wichtig, damit schnell geklärt werden könne, welche Forschungen relevant seien und welche nicht.

Das wissenschaftliche System habe bei Drostens «Kinderstudie» funktioniert, so Hirschi. Wissenschaftler hätten zu Recht auf Probleme bei dieser hingewiesen, lange bevor die «Bild»-Zeitung eine Affäre daraus gemacht habe. Doch müssten in der Coronakrise Wissenschaftler in der Lage sein, «schnell, offen und kritisch aufeinander zu reagieren, ohne Gefahr zu laufen, wider Willen politisch instrumentalisiert zu werden».

Wenn Experten perfekt sein müssen, ist die Wissenschaft tot.
Autor: Caspar HirschiGeschichtsprofessor an der Universität St. Gallen

Das Gefährliche an Kampagnen gegen Wissenschaftler ist laut Mike Schäfer, dass die Wahrnehmung meist nicht nur eine Person betrifft, sondern die Wissenschaft allgemein. Caspar Hirschi sagt, dass es aber eine falsche Konsequenz wäre, wenn sich Experten nun aus der öffentlichen Diskussion zurückziehen würden.

Medien und die Gesellschaft müssten sich möglichst schnell daran gewöhnen, dass es für wissenschaftlichen Fortschritt entscheiden sei, dass es Fehler, Kritik und anschliessend Korrekturen gebe: «Wenn Experten perfekt sein müssen, ist die Wissenschaft tot.»

SRF 4 News, Echo der Zeit, 26.5.2020, 18:00 Uhr

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52 Kommentare

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  • Kommentar von Ulrich Thomet  (UTW)
    Schade, dass die Antwortfunktion für gewisse Kommentare nicht mehr funktioniert.
    Herr Gasser, was qualifiziert Sie um andere zu disqualifizieren? Ihre inquisitorische Aburteilung bestätigt genau das was ich beschreibe.
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  • Kommentar von Charles Grossrieder  (View)
    Auch Wissenschaftler haben ihren Ehrgeiz, verständlicherweise; da alle viel Arbeit in ihre Studien stecken. Es wäre aber trotzdem zu begrüssen wenn, wie jetzt in Pandemien, sich die Experten eher ergänzen als kontraktieren würden und den Medien ein besseres Einigkeitsbild einer Lösung bescheren. Es reicht, wenn Staatsoberhäupter ihren eigenen Senf dazu geben; und die Sensationspresse von Uneinigkeiten lebt. Pandemien sollten holistisch kontrolliert werden nicht mit Mist von unten genährt sein
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  • Kommentar von Chris Jäger  (stine)
    Jetzt wird gejammert vom Dirsten und er bekommt gleich eine Platform? Es gab während der ganzen Kriese verschiedene Meinungen, die gleich zensiert wurden. Natürlich gibt es nicht die eine Wissenschauft. Aber wir mussten alle zu Hause wegen Dorsten und Co. bleiben und gleichzeitig wurde weltweit die Wirtschaft an die Wand gefahren. Das natürlichste wurde verboten und gebüst - also bitte, unter diesen Umständen darf auch Herr Dorsten kritisiert werden. Wenn er gefälscht hat, bitte Gefängnis.
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    1. Antwort von Michel Koller  (Mica)
      Es gab keine Zensur aber man hat eben nicht allen zugehört und eine Plattform gegeben, wenn sie anfingen Unsinn von sich zu geben. Das ist noch lange keine Zensur, denn sie könnten sich anderorts nach Lust und Laune zu allem möglichen äussern und "ihre Wahrheit" verbreiten. Man wirft Dr. Drosten auch keine Fälschung vor und die Gefängnisforderung ist mal so richtig hanebüchen.
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