Die USA und Israel haben ihre Angriffe auf den Iran begonnen. Doch was ist das Ziel? Die Nahostexpertin Gudrun Harrer über die unklare Strategie Washingtons, die Verzweiflung der iranischen Bevölkerung und das Ende einer Ordnung im Nahen Osten.
SRF News: Was ist das strategische Ziel dieses Angriffs?
Gudrun Harrer: Ich verstehe die strategische Logik vonseiten der USA nicht. Eine Grossmacht wie die USA, die nicht physisch vom Iran bedroht wird, müsste ein klares strategisches Ziel haben. Das sehe ich nicht. Israel hingegen weiss, was es will: die Ausschaltung einer seit Jahrzehnten lauernden Gefahr durch ein Regime, das offen die Zerstörung Israels fordert. Für Israel ist es die Beseitigung dieser Gefahr.
Ging es darum, eine iranische Atombombe zu verhindern?
Dieses Argument geht nicht mehr durch, fürchte ich. US-Geheimdienste sehen keinerlei Anzeichen für ein aktives iranisches Waffenprogramm. Ich glaube nicht, dass irgendjemand ernsthaft argumentieren kann, dieser Krieg finde statt, um eine iranische Atomwaffe zu verhindern. Es ging vielmehr darum, eine Wiederbewaffnung des geschwächten Irans zu stoppen.
Zu glauben, dass die Iranerinnen und Iraner von sich aus einen Regimesturz herbeiführen können, ist wohl illusorisch.
Wie wichtig ist den USA ein Regime-Wechsel?
Wir wissen von US-Präsident Trump, dass er kein Kämpfer für Demokratie und Menschenrechte ist. Der Sohn des Schahs, Reza Pahlavi, ist nun einmal die einzige Figur, die da ist. Er wird von Israel eher unterstützt, aus den USA hat er keine volle offene Unterstützung. Zudem ist fraglich, ob er von allen Gruppen im Iran akzeptiert würde. Zu glauben, dass die Iranerinnen und Iraner von sich aus einen Regimesturz herbeiführen können, ist wohl illusorisch.
Machen sich Oppositionelle, die die Angriffe begrüssen, falsche Hoffnungen?
Ich verstehe das zutiefst emotional. Nach dem, was der Iran durchgemacht hat, nach den Massakern und der völligen Hilflosigkeit, greift man nach jedem Strohhalm. Es kann sich eine Dynamik entwickeln, die letztlich zu einer guten Entwicklung führt. Man kann verstehen, dass Iranerinnen und Iraner diese Hoffnung haben müssen. Die Alternative – einfach so weiterzumachen wie bisher – ist für sie unerträglich.
Ich fürchte, die Region wird so oder so hineingezogen werden.
Noch vor Kurzem gab es Gespräche in Genf, weitere sollten in Wien folgen…
Offensichtlich war das eine Illusion oder eine bewusste Irreführung. Die arabischen Staaten haben bis zum letzten Moment versucht, diesen Krieg zu verhindern. Vermittler wie Oman stehen nun völlig desavouiert da, sie wurden fast in die Irre geführt.
Was bedeutet dieser Krieg für die ganze Region?
Ich fürchte, die Region wird so oder so hineingezogen werden. Es droht eine nachhaltige Störung der wirtschaftlichen Entwicklung in allen diesen Ländern. Wir sehen einfach die Etablierung einer neuen Ordnung, oder besser: das Ende der alten Ordnung im Nahen Osten. Es wird keine leichte Zeit.
Ist die Hemmschwelle für militärische Interventionen gefallen?
Ja, diese Hemmschwelle ist gefallen. Über rechtliche Voraussetzungen wird nicht mehr ernsthaft diskutiert. Es ist keine Rede mehr von einem Mandat des UNO-Sicherheitsrates oder dem Versuch, eine breite Koalition wie 2003 im Irak zu bilden. Das sind jetzt Alleingänge.
Das Gespräch führte Karoline Arn.