Bergbongos gehören zu den seltensten Tieren Afrikas. Die grösste Waldantilope der Welt ist kastanienbraun, durchzogen von schmalen weissen Streifen, mit langen, spiralförmigen Hörnern. Weniger als hundert leben noch frei. Ihr letzter Rückzugsort sind die Wälder rund um den Mount Kenia.
Im Dorf Kanyoni am Fuss des Berges ist der Bongo mehr als ein Tier. «Wenn jemand hier einen Bongo sieht, sieht er oft zuerst Geld», sagt der Dorfälteste Gideon Ndirangu. Oder Fleisch. Viele leben von Gelegenheitsjobs, waschen Wäsche, jäten Felder oder putzen Häuser. Wer kein Einkommen hatte, ging früher in den Wald – zum Jagen.
Der Bergbongo war ein leichtes Ziel. Ein ausgewachsenes Männchen wiegt bis zu vierhundert Kilogramm, genug Fleisch für ein ganzes Dorf. Dazu kommen Fell und Hörner. Und ein weiterer Nachteil für sie: Bongos sind berechenbar. Sie nutzen oft dieselben Pfade. Wer sie kennt, kann sie finden.
Heute versucht ein Schutzprojekt, die Tiere zurückzubringen. Seit 2004 werden Bergbongos aus Zoos in den USA und in Europa eingeflogen, gezüchtet und schrittweise an die Wildnis gewöhnt. Allein im letzten Jahr wurden 17 Tiere aus Florida nach Kenia gebracht. Die Tiere sollen vor allem eines: den Genpool stärken.
Wer mit Tierarzt Robert Aruho unterwegs ist, lernt, den Wald zu lesen. Er leitet das Mount Kenya Wildlife Conservancy, wo Bergbongos gezüchtet und auf die Auswilderung vorbereitet werden.
Frische Bissspuren an Blättern zeigen: Ein Tier war hier. Tiefe Abdrücke im feuchten Boden verraten seine Spur.
Bergbongos am Mount Kenia
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Bild 1 von 5. «Die Bergbongos sind extrem scheu, aber wenn sie sich bedrängt fühlen, greifen sie an», sagt Robert Aruha, Leiter des Mount Kenya Wildlife Conservancy. Bildquelle: SRF/Sarah Fluck.
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Bild 2 von 5. Robert Aruho weiss aus eigener Erfahrung, wie kraftvoll Bergbongos sein können: Als er einst ein Paar aus nächster Nähe beobachtete, stürmten die Tiere plötzlich auf ihn zu. Nur knapp entkam er. Bildquelle: Reuters/Baz Ratner.
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Bild 3 von 5. Robert Aruha hält ein zerbrochenes Stöckchen in der Hand und zeigt damit, wie gross die Hufspuren der Bergbongos sind. Bildquelle: SRF/Sarah Fluck.
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Bild 4 von 5. Ranger halten zwei der insgesamt fünf freigelassenen Bergbongos im Mawingu Mountain Bongo Sanctuary bei Nanyuki – einer eigenständigen Schutzanlage, nicht Teil des Mount Kenya Wildlife Conservancy. Hier wurden zuletzt 2025 Tiere aus den USA eingeflogen. Bildquelle: Reuters/Baz Ratner.
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Bild 5 von 5. Das Mount Kenya Wildlife Conservancy betreibt auch eine Tierstation und informiert regelmässig Schulklassen. Das Bergbongo-Projekt kostet jährlich rund 2.5 Millionen Dollar. Bildquelle: SRF/Sarah Fluck.
Während wir weitergehen, erklärt Aruho, wie die Rückkehr funktioniert. Bevor ein Bergbongo in die Wildnis darf, durchläuft er mehrere Phasen: Zuerst Quarantäne und medizinische Checks, dann die langsame Anpassung an Klima und Nahrung. Viele Tiere müssen erst lernen, ihre Feinde zu erkennen und sich zu behaupten. Oft sind es deshalb erst ihre Nachkommen, die robust genug sind für ein Leben im Wald.
Der Bergbongo ist das Einzige, was Kenia mit niemandem teilt. Wenn er verschwindet, ist er für immer weg.
Ein langer Prozess, sagt Aruho. Jahre, manchmal Generationen. Ziel ist es, bis 2050 wieder mehrere hundert Tiere in freier Wildbahn zu haben. Es stehe viel auf dem Spiel: «Der Bergbongo ist das Einzige, was Kenia mit niemandem teilt. Wenn er verschwindet, ist er für immer weg.»
Ein Projekt gegen die Zeit
Das Projekt kostet jedes Jahr rund 2.5 Millionen Dollar. Doch Geld allein reicht nicht. Entscheidend sind die Menschen vor Ort. Das Projekt schafft Jobs, bezahlt Aufforstung, bindet die Bevölkerung ein. Die Idee: Wer vom Bongo lebt, schützt ihn.
Der Dorfälteste Gideon Ndirangu kennt beide Seiten: Früher wurde hier gejagt. Heute soll er erklären, warum das aufhören muss. Doch im Dorf kommt immer wieder dieselbe Frage: «Was bringt uns dieses Tier überhaupt?»
Eine Frage, die bleibt, während wir mit Tierarzt Aruho weiter den Hang hinaufgehen. Zwischen den Bäumen, ein paar Meter entfernt, bewegt sich etwas. Braun. Mit weissen Streifen. Tatsächlich: ein Bergbongo. Für einen Moment steht er still. Dann verschwindet er wieder im Wald.