Im Iran wurden Anfang Januar an nur zwei Tagen rund 35'000 Menschen getötet – so melden es mehrere Menschenrechtsorganisationen. Ähnliche Zahlen konnte auch ein Mediziner aus München sammeln. Der deutsch-iranische Augenarzt Amir-Mobarez Parasta erfuhr, was in den iranischen Spitälern während der Proteste passierte und erklärt, wie sein NGO die Informationssperre des Regimes umgeht.
SRF News: Wie ist die Zusammenarbeit mit den Spitälern im Iran entstanden und wie sieht sie aus?
Amir-Mobarez Parasta: Vor zwei Jahren gab es die Mahsa Amini-Bewegung im Iran. Bei den Protesten kam es zu vielen Verletzungen, vor allem im Gesicht und im Augenbereich. Die iranische Diaspora war bestürzt und die Frage tauchte auf, wie man helfen kann. Ich und einige andere Freunde haben dann ein NGO «The Munich Circle e.V.» gegründet. Dieses NGO hat sich darum gekümmert, dass diese Verletzten, die zum Teil in Lebensgefahr schwebten und dringende medizinische Versorgung brauchten, auch Hilfe bekommen.
Seitdem versuchen wir zu dokumentieren, was möglich ist und alle Verbrechen des Regimes medizinisch aufzuarbeiten.
Viele Mediziner und Klinikpersonal in der Diaspora haben sich solidarisiert mit den iranischen Kollegen, die vor Ort ab der ersten Minute Hilfe geleistet haben. So hat sich ein Netzwerk gebildet, das hilft, wenn jemand beispielsweise im Iran wissen muss: «Wo kann ich meine Verletzungen behandeln lassen, ohne dass ich verraten oder verhaftet werde?» Seitdem versuchen wir zu dokumentieren, was möglich ist und alle Verbrechen des Regimes medizinisch aufzuarbeiten. Ich koordiniere unter anderem diese Dokumentationsarbeit und helfe dabei diese Daten «aus dem Feld», also vor Ort aus den Spitälern zusammenzuführen.
Wie versucht das Regime die Dokumentation solcher Verbrechen zu verhindern?
Die Regierung versucht natürlich, die Todeszahlen bereits bei der Erfassung zu verfälschen. Man will dafür sorgen, dass solche Fälle nicht mit den Protesten in Zusammenhang gebracht werden. Aber wir haben es hier mit einer überwältigenden Zahl an Toten und Verletzten zu tun. Selbst beim grössten Vertuschungsversuch werden sie nicht auf die Zielzahlen, die die Regierung ursprünglich kommunizieren wollte, von 3000 bis 4000 Toten, kommen. Das hat selbst die Regierung erkannt, dass das nicht geht.
Die Schwierigkeit ist, dass in den Kliniken Sicherheitskräfte im Einsatz sind, die versuchen, auf die Dokumentation Einfluss zu nehmen.
Die Schwierigkeit ist, dass in den Kliniken Sicherheitskräfte im Einsatz sind, die versuchen, auf die Dokumentation Einfluss zu nehmen. Also keine Akte darf tatsächlich die Wahrheit enthalten. Da stehen dann entweder haarsträubende Geschichten drin oder es steht gar nichts drin – das ist dann die Zivilcourage der Ärztinnen und Ärzte. Es ist meistens ein Zeichen, dass es sich um ein Gewaltopfer der Regierung handelt.
Was haben sie von ihren Kontakten in den Spitälern über die Tage erfahren, an denen mit scharfer Munition auf Menschen geschossen wurde?
Besonders schlimm war, dass es in diesen Tagen schnell zu einem Mangel an Blutkonserven kam. Und dann kam der Befehl, dass Verletzte in den Spitälern keine Blutkonserven mehr erhalten dürften. Später wurde bekannt, dass die Blutkonserven in die Militärkrankenhäuser umgeleitet wurden. Damit wollte man dann gegebenenfalls Sicherheitskräfte versorgen.
Als Reaktion haben Mitarbeiter vom Klinikpersonal Blut gespendet. Teilweise wurden Patienten, die ansonsten verhaftet worden wären, im Hinterhof behandelt und nicht im Spitalgebäude.
Das Gespräch führte Stefanie Schunke.