Vor knapp drei Wochen schlug das iranische Regime Proteste gegen die schlechte Wirtschaftslage und die missliebigen Machthaber gewaltsam nieder. Die Todesopfer gehen in die Tausende. Wie die Lage im Iran derzeit ist, erläutert die Journalistin Karin Senz. Sie bereist den Iran regelmässig und hat viele Kontakte im Land.
SRF News: Was sagen Iranerinnen und Iraner über die Lage in ihrem Land?
Karin Senz: Von Kontakten in Teheran höre ich, dass es derzeit niemanden mehr gibt, der als Demonstrant auf die Strasse geht. Zu viele Demonstrierende wurden dort ermordet, es herrscht ein Gefühl der völligen Unterdrückung vor.
Fast jeder kennt jemanden, der oder die bei der Niederschlagung der Proteste ums Leben gekommen ist.
Seit das Internet wieder etwas besser funktioniert, habe ich auch Kontakt zu Leuten in anderen Regionen des Irans. Sie schreiben mir, dass fast jeder jemanden kenne, der oder die bei der Niederschlagung der Proteste ums Leben gekommen ist. Schon 2024, als ich das letzte Mal im Iran war, habe ich eine tiefe Depression bei den Menschen gefühlt. Diese Stimmung dürfte sich jetzt noch verstärkt haben.
Es gibt Berichte von mehr als 30'000 Toten. Sogar die Leichensäcke sollen ausgegangen sein. Ist eine solch hohe Zahl realistisch?
Die in den USA ansässige Menschenrechtsorganisation Hrana hat bisher schon über 6100 Tote identifiziert – Hrana geht dabei sehr akribisch vor. Darunter sollen auch rund 100 Kinder und Jugendliche sein. Weitere rund 17’000 Todesfälle untersucht sie noch. Das oppositionelle Medium Iran International spricht von 36’500 Toten. Diese Zahl tauche angeblich in einem geheimen Bericht der Revolutionsgarden an den Nationalen Sicherheitsrat auf.
Es muss von deutlich mehr als 10'000 Toten ausgegangen werden.
Auch andere Quellen gehen von deutlich mehr als 6000 Toten aus – und es werden ständig mehr. Auch soll es in den Gefängnissen immer noch illegale und geheime Hinrichtungen geben, ebenso gebe es Folter, manchmal mit Todesfolge. Das sind zwar alles einzelne Berichte, die sich aber zu einem Bild zusammenfügen: Es muss von deutlich mehr als 10'000 Toten ausgegangen werden.
Wie fest sitzt da das Regime noch im Sattel, nachdem es so brutal zugeschlagen hat?
Eine der wichtigsten Säulen dieses Regimes ist, solche Proteste mit aller Macht zu unterdrücken. Und dazu braucht es die Sicherheitskräfte, die Revolutionsgarden. Anscheinend tut das Regime alles dafür, seine Leute bei der Stange zu halten – auch mit finanziellen Anreizen. Oder dadurch, dass Studienplätze vorrangig an die Kinder der Sicherheitskräfte gehen. Das zeigt: Das Regime hat Mühe. Trotzdem schätzen Experten die Wahrscheinlichkeit, dass die Sicherheitskräfte in Massen davonlaufen, als sehr gering ein. Denn sie stehen mit dem Rücken zur Wand.
Kritiker des Sohnes des letzten Schahs monieren, er wäre allenfalls ein Statthalter der USA im Iran.
Die Opposition ist völlig zersplittert – wie gross ist da die Unterstützung für den im Ausland lebenden Sohn des früheren Schahs, Reza Pahlavi?
Sicher ist: Es gibt im Iran keinen Oppositionsführer. Ein solcher würde das gar nicht überleben. Ich habe mich hier in Deutschland mit einem jungen iranischen Paar unterhalten. Es sagt, dass Pahlavi wohl die beste Lösung sei unter all den schlechten. Der Sohn des letzten Schahs ist für viele Experten aber eher ein Sprecher der Revolution, nicht deren Anführer. Es ist völlig offen, welche Rolle er allenfalls haben könnte. Seine Kritiker monieren, er wäre allenfalls ein Statthalter der USA im Iran.
Das Gespräch führte Ivana Pribakovic.