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«Das Impeachment-Verfahren war eine absolute Notwendigkeit»
Aus Rendez-vous vom 15.02.2021.
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Nach Freispruch für Trump Historiker: «Republikaner müssen Desinformation entgegentreten»

Die negativen Folgen des Trumpismus zu beheben, werde eine ganze Generation beschäftigen, sagt US-Historiker Timothy Naftali. Das Impeachment sei erst der Anfang gewesen.

Auch wenn der Freispruch Donald Trumps von Anbeginn feststand, sei das Impeachment-Verfahren im Senat eine absolute Notwendigkeit gewesen, sagt Historiker Timothy Naftali. Denn: Vor Trump habe noch nie ein US-Präsident versucht, den friedlichen Machtwechsel zu verhindern.

Das Amtsenthebungsverfahren habe es ermöglicht, die Republikaner zu zwingen, sich mit den Taten Trumps, ihrem gescheiterten Idol, auseinanderzusetzen. Das habe bei einigen durchaus gewirkt. Aber viele hätten noch immer Angst vor der eigenen Wählerbasis, die sich von Trumps Lügen habe verführen lassen.

Es fehle noch an republikanischen Führungsfiguren, die öffentlich eingestehen, dass Trump die Partei in die falsche Richtung gelenkt habe.

Woodward, Naftali, Bradlee
Legende: Timothy Naftali (Mitte) ist der frühere Direktor der Richard-Nixon-Präsidentenbibliothek. Hier zusammen mit dem Washington-Post-Journalisten Bob Woodward und Chefredaktor Ben Bradlee, die den Watergate-Skandal aufdeckten. Imago/Archiv

Viele Republikaner möchten nun nach dem Freispruch am liebsten das Kapitel für beendet erklären und vorwärts schauen. Doch das beseitige die Ursachen der Gewalt vom 6. Januar nicht, so Naftali: Auslöser für die Radikalisierung von Trumps Anhängerschaft und deren Sturm auf das Kapitol seien die Desinformation, die Lügen des Präsidenten gewesen: nämlich, dass Trump durch Betrug um seinen Wahlsieg gebracht wurde.

Es droht Mythenbildung

Dem müssten die Republikaner nun ganz entschieden entgegentreten. Denn sonst gebe es wieder – wie nach dem Bürgerkrieg im 19. Jahrhundert – Mythenbildung. Damals hätten die Politiker es zugelassen, dass in den Südstaaten der Mythos der «lost cause» Wurzeln schlagen konnte: Die falsche Überzeugung, dass nicht die Sklaverei die Ursache für den Bürgerkrieg war und die Anführer der abtrünnigen Südstaaten nicht Rassisten, sondern Freiheitskämpfer waren.

Trump-Mob im Kapitol
Legende: Chaos im Kapitol: Am 6. Januar drangen Trump-Anhänger in das Kapitol ein und hinterliessen eine Spur der Verwüstung. Fünf Menschen kamen bei dem gewaltsamen Sturm ums Leben. Reuters

Dieser Mythos, diese Desinformation, habe Jahrzehnte der Rassentrennung ermöglicht und wirke noch bis heute nach, sagt der Historiker: Ausdruck davon seien zum Beispiel die Kampffahnen der Konföderierten Südstaaten, die von Trump-Anhängern im Kapitol geschwenkt worden seien. Nun bestehe die Gefahr, dass sich in einem Teil der Bevölkerung ein neuer Mythos festsetze: die Lüge vom Wahlbetrug.

Republikaner müssen Trumps Lügen benennen

Wenn grosse Bevölkerungsgruppen die Ehrlichkeit der Wahlen in Zweifel ziehen, dann untergrabe dies den Glauben an die Demokratie, sagt Naftali. Es sei nun deshalb nun an den Republikanern, der Anhängerschaft Trumps im ganzen Land klar zu machen, dass ihr Idol sie angelogen hat. Denn solange die Menschen in unterschiedlichen Realitäten lebten, sei eine Debatte darüber, was am 6. Januar passiert sei, gar nicht möglich.

Derzeit erkennt der Historiker bei den Republikanern wenig Bereitschaft, sich dieser Aufgabe zu stellen. Und das mache ihm Sorgen: Die negativen Auswirkungen des Trumpismus zu beheben und das Vertrauen in die demokratischen Institutionen wieder herzustellen, werde eine ganze Generation beschäftigen. Das Impeachment sei erst der Anfang dieser Arbeit gewesen, nicht dessen Ende.

Rendez-vous, 15.2.2021, 12:30 Uhr

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55 Kommentare

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  • Kommentar von Felix Meyer  (gegen unwahre Wahrheit)
    Das Impeachment war wichtig und richtig. Für mich so klar wie der Ausgang. Über die Aussage «es droht Mythenbildung» bin ich nicht gleicher Meinung. Ich denke die Lüge des Wahlbetruges ist! bereits Mythos, über Monate den Menschen täglich eingebläut. Das wird bereits tief sitzen, nicht nur bei Wähler*innen, wahrscheinlich auch bei vielen republikanischen Politiker*innen. Die werden nicht interessiert sein die Wahrheit zu benennen, wäre es doch nachteilig für ihre Karriere
  • Kommentar von Ueli von Känel  (uvk)
    Die ganze Trumpgeschichte ist zu einem geschichtlichen Mahnmal geworden. Wie schon gezeigt wurde, ist der Einfluss nach Europa evident: Rechtpopulismus (offen bis rechtsaussen), der die Solidaritäts- Moral immer mehr vermissen lässt: Wenig wird getan gegen die Kluft Reich-Arm; Rassismus und Antisemitismus werden eher wieder salonfähig. Wer sich von diesem Trump- und Rechtspopulismus-Einfluss nicht distanziert, macht sich für weitere entsprechende Unmenschlichkeiten mitverantwortlich.
    1. Antwort von Thomas Schuetz  (Sürmel)
      Sehr geehrte Herr Ueli von Känel, jetzt habe ich, aufgrund ihres dramatischen Appells , eine scheue Frage. Darf ich, weil ich mich ja von nun an ihren Worten gemäß, mitverantwortlich mache, die SVP wählen bei den nächsten Wahlen ??? Ich möchte ein reines Gewissen haben und mich keinesfalls mitverantwortlich machen.
    2. Antwort von Ueli von Känel  (uvk)
      Herr Schuetz: Ist diese Frage ironisch gemeint? - Natürlich dürfen Sie SVP wählen. Ich wählte in meiner Jugendzeit auch z. T. SVP, mit Begeisterung Adolf Ogi und auch Samuel Schmid (Nationalrat). Aber mit dem Aufstieg von Blocher und Co nahm der Unanstand gegenüber Andersdenkenden (als Dieselbigen) zu. Da wurde gegen den Staat gehetzt, auch gegen den Sozialstaat. Das zerstörte mein Vertrauen in die heutige SVP-Elite, die die anständigen SVP-Leute immer noch unter der Knutte hält.
    3. Antwort von Krebs Alfred  (A.Santiago)
      @uvk. Ich hätte die Antwort an Thomas Schuetz nicht besser schreiben können. Mir ist es genau gleich gegangen. Was mich besonders genervt hat, war und ist dss immer noch Verhöhnen der politischen Gegner. Ein gutes Streitgespräch Interessiert mich sehr, aber kein Verhöhnen.
  • Kommentar von Bruno Bär  (Wahrheitssucher)
    Wenn sich die Reps weiterhin so feige verhalten, wie beim Impeachment, ist da wenig Hoffnung, dass sie ihre Wähler über Lügner Trump wirklich aufklären. So bleibt nur die Hoffnung, dass die Justiz Trump hinter Gitter bringt. Das würde ihn sicher aus der Politik vertreiben.
    1. Antwort von Maciek Luczynski  (Steine)
      Ich setze die Hoffnung darauf, dass sich (möglichst) viele Wähler breit (aus verschiedenen Quellen) über die Situation informieren.

      Und sich dann entscheiden, die Spaltung der Vereinigten Staaten nicht weiter zu unterstützen.
      Selbst dann, wenn es zu einer Spaltung der Republikaner kommen sollte.

      Was aus den Reps wird, entscheidet letztendlich die Basis.
      (Selbst der beste Politiker kann keine Stimmen finden, die nicht da sind)