«Was entgegnen Sie Kritikern, die an Ihrem geistigen Zustand zweifeln?»: Am Dienstag stellte ein Reporter Donald Trump eine Frage, die sich auch direkter formulieren liesse: «Sind Sie verrückt geworden, Herr Präsident?»
Überraschend: Trump reagierte mit einem Schulterzucken. «Davon habe ich noch nie was gehört. Aber wenn es so ist, braucht dieses Land mehr Leute wie mich.»
Vulgäre Drohgebärden
Hintergrund: Trump hatte das Mullah-Regime als «verrückte Bastarde» bezeichnet, die die «verfickte Strasse von Hormus öffnen» sollten. Und gleich noch hinterhergeschickt, dass «eine ganze Zivilisation sterben» werde – sofern der Iran nicht einlenken würde.
Trump setzt den Anker extrem brutal: Wer mit ‹Ich lösche eure Zivilisation aus› startet, macht jedes spätere Angebot zum Geschenk.
Die Nacht ist vorbei, die «Hölle» ist nicht über den Iran hereingebrochen. Stattdessen vermeldet Trump einen «vollständigen Sieg für die USA».
Ist Trump ein Geisterfahrer oder ein Feuerteufel? Oder legt er gezielt Brände, damit die Feuerwehr anrückt? Letzteres würde der Madman-Theorie («Theorie vom Verrückten») entsprechen.
Einer Verhandlungsstrategie, bei der ein Akteur absichtlich den Eindruck erweckt, unberechenbar und psychisch instabil zu sein. Das Ziel: Das Gegenüber soll eingeschüchtert werden, weil es mit allem rechnen muss.
Ein «Madman» im Oval Office? Eine These, die der Verhandlungsexperte Frédéric Mathier plausibel findet. Trumps Vorgehen ist für ihn nicht Chaos, sondern Kalkül: «Er setzt den Anker extrem brutal: Wer mit ‹Ich lösche eure Zivilisation aus› startet, macht jedes spätere Angebot zum Geschenk.»
Angst als Verhandlungstreiber
(Vermeintliche) Impulsivität und Irrationalität werden zur Waffe: Wenn der amerikanische Präsident mit einem Weltenbrand droht und gleichzeitig fragil erscheint, erzeugt das Angst beim Gegenüber. «Und Angst ist einer der stärksten Verhandlungstreiber überhaupt», erklärt Mathier.
Ist Trump der geborene «Madman» oder ein guter Schauspieler? Für den Verhandlungsprofi ist das zweitrangig: «Ob Trump das bewusst inszeniert oder so tickt, spielt aus Verhandlungssicht keine Rolle. Der Effekt ist derselbe.»
Wer hat gewonnen? Beide!
Im Fall des Iran hat er etwas geschafft, das bei weiteren Verhandlungen helfen könnte: Beide Seiten können das Gesicht wahren – zumindest für den Moment.
Ob das Siegernarrativ der Realität entspricht, ist laut Mathier egal: «Verhandlungserfolg ist immer auch eine Frage des Storytellings. Wer das besser beherrscht, gewinnt die Wahrnehmung – und Wahrnehmung ist alles.»
Trumps Achillesferse
Nun wird wieder verhandelt. Mit ungewissem Ausgang und Maximalforderungen von beiden Seiten – dazu kommen die Interessen Israels. «Trump hat die Latte so hoch gelegt, dass jedes Ergebnis, das nicht nach vollumfänglichem Sieg aussieht, wie eine Niederlage wirkt», sagt Mathier.
Klar ist: Trump wird jedes Verhandlungsergebnis als Triumph verkaufen. Scheitern die Verhandlungen allerdings, steht der «Madman» vor dem Tatbeweis: Ist er wirklich bereit, den Iran «in die Steinzeit zurückzubomben?»
Von Grönland über seine Zollpolitik bis zu Venezuela: Trump scheint nur eine Taktik zu kennen – nämlich all-in zu gehen. Müsste er sein Instrumentarium verfeinern? Durchaus, findet Mathier: «Maximaldruck ist ein Hammer. Aber nicht jedes Problem ist ein Nagel.»
Mathiers Fazit: Trump brauche auch Feingefühl, Geduld, den langen Atem. «Das sind Muskeln, die er nie trainiert hat. Und das wird ihn noch teuer zu stehen kommen.»