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Der «Madman» im Oval Office Ist Trump verrückt geworden – oder ein verrücktes Genie?

Von Vernichtungsrhetorik zum Verhandlungserfolg: Wieder einmal blickt die Welt nach Washington, irgendwo zwischen Staunen und Entsetzen.

«Was entgegnen Sie Kritikern, die an Ihrem geistigen Zustand zweifeln?»: Am Dienstag stellte ein Reporter Donald Trump eine Frage, die sich auch direkter formulieren liesse: «Sind Sie verrückt geworden, Herr Präsident?»

Überraschend: Trump reagierte mit einem Schulterzucken. «Davon habe ich noch nie was gehört. Aber wenn es so ist, braucht dieses Land mehr Leute wie mich.»

Vulgäre Drohgebärden

Hintergrund: Trump hatte das Mullah-Regime als «verrückte Bastarde» bezeichnet, die die «verfickte Strasse von Hormus öffnen» sollten. Und gleich noch hinterhergeschickt, dass «eine ganze Zivilisation sterben» werde – sofern der Iran nicht einlenken würde.

Trump setzt den Anker extrem brutal: Wer mit ‹Ich lösche eure Zivilisation aus› startet, macht jedes spätere Angebot zum Geschenk.
Autor: Frédéric Mathier Schweizer Verhandlungsexperte und Unternehmer

Die Nacht ist vorbei, die «Hölle» ist nicht über den Iran hereingebrochen. Stattdessen vermeldet Trump einen «vollständigen Sieg für die USA».

Iranische Flagge in Trümmern eines eingestürzten Gebäudes.
Legende: «Ein taktischer Sieg in letzter Minute», kommentiert die «New York Times». «Doch keine der grundlegenden Fragen, die zum Krieg geführt hatten, wurde damit gelöst.» Getty Images/Pacific Press /Kontributor

Ist Trump ein Geisterfahrer oder ein Feuerteufel? Oder legt er gezielt Brände, damit die Feuerwehr anrückt? Letzteres würde der Madman-Theorie («Theorie vom Verrückten») entsprechen.

Einer Verhandlungsstrategie, bei der ein Akteur absichtlich den Eindruck erweckt, unberechenbar und psychisch instabil zu sein. Das Ziel: Das Gegenüber soll eingeschüchtert werden, weil es mit allem rechnen muss.

Ein «Madman» oder ein «episodischer Mann»?

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Schwarzweiss-Porträt eines Mannes im Anzug auf einem Bildschirm.
Legende: Durch demonstrative Härte und Signale scheinbarer Unkontrollierbarkeit hoffte Nixon, den Verhandlungspartner schneller zum Einlenken zu bringen. Keystone/AP/STR

Unberechenbarkeit wird in der Madman-Logik strategisch inszeniert, um politische oder militärische Ziele zu erreichen – mit dem Risiko, Missverständnisse und Eskalationen zu provozieren. US-Präsident Richard Nixon nutzte diese Logik während des Kalten Krieges, vor allem im Vietnamkrieg. Er wollte, dass Nordvietnam und die Sowjetunion ihn für jemanden hielten, der im Zweifel auch nukleare Eskalation nicht ausschliesst.

Für den Kultur- und Medienwissenschaftler Tobias Nanz übertragt Trump die Madman-Theorie ins digitale Zeitalter. Dabei nutzt er insbesondere soziale Medien als Bühne, um das Bild eines irrational agierenden Akteurs zu inszenieren, der etablierte diplomatische Erwartungen gezielt unterläuft.

Es gibt aber auch andere Erklärungen für das Phänomen Trump. In seinem Buch «The Strange Case of Donald J. Trump» vertritt etwa der US-Psychologe Dan McAdams die Ansicht, dass wir es mit einem «episodischen Mann» zu tun haben. Die These: Trump lebt im Moment, im Hier und Jetzt, und will gewinnen. Dafür macht er alles, was nötig ist: Lügen, betrügen, drohen. «Dann geht er wieder ins Bett, wacht am nächsten Tag auf und fängt wieder von vorne an», wie Adams im Deutschlandfunk ausführt.

Ein «Madman» im Oval Office? Eine These, die der Verhandlungsexperte Frédéric Mathier plausibel findet. Trumps Vorgehen ist für ihn nicht Chaos, sondern Kalkül: «Er setzt den Anker extrem brutal: Wer mit ‹Ich lösche eure Zivilisation aus› startet, macht jedes spätere Angebot zum Geschenk.»

Angst als Verhandlungstreiber

(Vermeintliche) Impulsivität und Irrationalität werden zur Waffe: Wenn der amerikanische Präsident mit einem Weltenbrand droht und gleichzeitig fragil erscheint, erzeugt das Angst beim Gegenüber. «Und Angst ist einer der stärksten Verhandlungstreiber überhaupt», erklärt Mathier.

Karikatur einer Person mit Feuerwerk im Hintergrund.
Legende: Im US-Präsidenten steckt ein Anarcho-Diplomat. Auch er wird sich an den Folgen seinen Handelns messen lassen müssen. Keystone/EPA/Sean Dempsey

Ist Trump der geborene «Madman» oder ein guter Schauspieler? Für den Verhandlungsprofi ist das zweitrangig: «Ob Trump das bewusst inszeniert oder so tickt, spielt aus Verhandlungssicht keine Rolle. Der Effekt ist derselbe.»

Wer hat gewonnen? Beide!

Im Fall des Iran hat er etwas geschafft, das bei weiteren Verhandlungen helfen könnte: Beide Seiten können das Gesicht wahren – zumindest für den Moment.

Person im Anzug gestikuliert an einem Rednerpult mit US-Flaggen.
Legende: Trump stellt sich als der starke Mann dar, der die Mullahs gebändigt hat. Der Iran kann behaupten, standgehalten und die Amerikaner an den Verhandlungstisch gezwungen zu haben. Getty Images/CQ-Roll Call/Tom Williams

Ob das Siegernarrativ der Realität entspricht, ist laut Mathier egal: «Verhandlungserfolg ist immer auch eine Frage des Storytellings. Wer das besser beherrscht, gewinnt die Wahrnehmung – und Wahrnehmung ist alles.»

Trumps Achillesferse

Nun wird wieder verhandelt. Mit ungewissem Ausgang und Maximalforderungen von beiden Seiten – dazu kommen die Interessen Israels. «Trump hat die Latte so hoch gelegt, dass jedes Ergebnis, das nicht nach vollumfänglichem Sieg aussieht, wie eine Niederlage wirkt», sagt Mathier.

Klar ist: Trump wird jedes Verhandlungsergebnis als Triumph verkaufen. Scheitern die Verhandlungen allerdings, steht der «Madman» vor dem Tatbeweis: Ist er wirklich bereit, den Iran «in die Steinzeit zurückzubomben?»

Von Grönland über seine Zollpolitik bis zu Venezuela: Trump scheint nur eine Taktik zu kennen – nämlich all-in zu gehen. Müsste er sein Instrumentarium verfeinern? Durchaus, findet Mathier: «Maximaldruck ist ein Hammer. Aber nicht jedes Problem ist ein Nagel.»

Zwei Männer im Anzug vor dunklem Hintergrund und USA-Flagge.
Legende: Kurzfristig mag der Verhandlungspartner überrascht, ja überwältigt sein. Doch der Madman-Effekt nützt sich ab – das Gegenüber kann sich vorbereiten. Oder, wie im Fall der Supermacht China, die Stirn bieten. Getty Images/Andrew Harnik

Mathiers Fazit: Trump brauche auch Feingefühl, Geduld, den langen Atem. «Das sind Muskeln, die er nie trainiert hat. Und das wird ihn noch teuer zu stehen kommen.»

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Heute Morgen, 8.4.26, 6 Uhr;liea

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