Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

Krieg im Nahen Osten Irans brüchige Stärke

Der Krieg hat den Iran geopolitisch aufgewertet. Doch seine neu gewonnene Stärke basiert auf tönernen Füssen.

Luftkriege ohne Einsatz von Bodentruppen erreichten ihre Ziele kaum je, sagt der Chicagoer Historiker Robert A. Pape. Er gilt als einer der renommiertesten Experten auf dem Gebiet. Es gibt kaum einen Luftkrieg in der Geschichte, den er nicht analysierte.

Über den aktuellen gegen den Iran urteilt Pape besonders kritisch: Nicht nur verfehle er jedes einzelne seiner sich ständig verändernden Ziele, sondern er erreiche vielmehr das Gegenteil.

Anstatt den Iran zu schwächen, erhebe der Krieg die Mittelmacht am Golf zu einem vierten Zentrum globaler Macht. Papes Begründung: Dank seiner strategischen Lage an der Strasse von Hormus könne der Iran die gesamte Weltwirtschaft jederzeit in den Würgegriff nehmen.

Stark aufgrund der Verwundbarkeit der anderen

Für den Politologen Brian Katulis vom Nahostinstitut in Washington D.C. greift das zu hoch: «Dieser Krieg hat den Iran zweifellos wichtiger gemacht, da er mit der Strasse von Hormus nun über ein Druckmittel verfügt, das er vor dem Krieg nicht besass. Aber das heisst nicht, dass der Iran aus sich selbst heraus stark wäre.» Sprich: Die Stärke des Irans resultiert aus der Verwundbarkeit der Welt(-wirtschaft).

Zerfledderte Flaggen wehen im Wind vor blauem Himmel.
Legende: Irans Kontrolle über die Strasse von Hormus hat sich als globales Druckmittel erwiesen. Majid Asgaripour / WANA / reuters

Dass der Iran der Weltwirtschaft schweren Schaden zufügen kann, sieht auch Katulis. Er fügt jedoch ein Aber hinzu: «Sie können Dinge bewirken, die weit über ihr eigentliches Gewicht hinausreichen. Aber sie verfügen bei Weitem nicht über das nötige Durchhaltevermögen.» Und vor allen Dingen, so Katulis, verfüge der Iran nicht über eine Ideologie, die für andere Teile der Welt Attraktivität ausstrahlen könne.

Irans innere Schwäche

Die These von Pape und anderen Experten, die den Iran als Grossmacht mehr oder weniger auf eine Stufe mit den USA, Russland und China hebe, übersehe die innere Schwäche des Irans, so Katulis: «Die iranische Wirtschaft liegt in Trümmern. Sie produziert nichts, das die Welt heute dringend benötigt. Und das Regime will das Rad lieber um 1000 Jahre zurückdrehen, als vorwärtszugehen.»

Dennoch urteilt auch Katulis höchst kritisch über Trumps Krieg: «Ich glaube nicht, dass sich Amerika der unmittelbaren oder langfristigen Folgen bewusst ist, die dieser Rückschlag im Iran mit sich bringt.»

Keine gesicherten Informationen zu Atomprogramm

Sorgen macht Katulis vor allen Dingen die anhaltende Ungewissheit über das iranische Atomprogramm: «Wir haben keine Ahnung, wo genau das iranische Atomprogramm heute steht. Um mit so etwas wie dem iranischen Atomprogramm umzugehen, bräuchten wir einen diplomatischen Rahmen. Den aber gibt es zurzeit nicht.»

Denn alles, was die USA momentan mit dem Iran zu verhandeln versuchen, sei höchstens «eine Art Teilabkommen, das die Strasse von Hormus vorübergehend wieder öffnen könnte», so Katulis. «Was die grösseren Themen betrifft – die Atomfrage, die Raketen und Drohnen sowie Irans Unterstützung des Terrorismus in der Region –, da versuchen sie lediglich, einen möglichen Rahmen für mögliche längerfristige Gespräche abzustecken.»

Katulis’ Schlussfolgerung ist deshalb eher düster: «Derzeit ist die Situation wahrscheinlich gefährlicher als zuvor – wir sind uns dessen bloss nicht bewusst.»

SRF 4 News, 1.6.2026, 17 Uhr; wilh

Meistgelesene Artikel