Zwischen dem Iran und den USA herrscht eine brüchige Waffenruhe. Eine andere Front ist allerdings aktiver denn je: diejenige im Netz. Was mit «KI-Slopaganda» begann, wird nun Realität. Am Dienstag setzten die US-Streitkräfte einen Tanker mit iranischem Öl fest. Prompt verbreitete das Pentagon Aufnahmen der Aktion:
Die Antwort liess nicht lange auf sich warten. Wenige Stunden, nachdem Trump die Waffenruhe mit dem Iran verlängert hatte, griff Teheran einen griechischen Frachter an. In filmreifer Inszenierung.
Maskierte Männer, Schnellboote und schnelle Schnitte:
Tit for tat – also «wie du mir, so ich dir»? Für Myriam Dunn Cavelty geht es um mehr als das – nämlich um asymmetrische Kriegsführung. «In den Köpfen der iranischen Militärs ist die Strategie fest verankert, auf diese Art die Informationsumgebung zu beeinflussen», sagt die Forscherin am Center for Security Studies der ETH.
Der Iran ist international isoliert und ächzt unter Sanktionen. Das Know-how im digitalen Raum ist aber schon lange vorhanden. «Seit dem Stuxnet-Angriff von 2010 hat sich der Iran zu einem bedeutenden Akteur im Cyberraum entwickelt», sagt Cavelty.
Spionage, Hacking, Repression: So lautete das «klassische» Instrumentarium der Cybereinheit der iranischen Revolutionsgarden. Spätestens mit dem Krieg gegen die USA und Israel wird klar, dass sie auch im Informationskrieg im Netz dazugelernt haben.
«Warum die Waffenruhe verlängert wurde»: KI-Propaganda geht viral
Die iranischen Propagandisten verfolgen laut Cavelty intensiv, welches Storytelling und welche Präsentation im Netz funktionieren. «Und durch die Möglichkeiten der KI findet hier eine ‹Demokratisierung› statt.» So lässt sich heute mit wenig Mitteln grosse Wirkung erzielen.
Botschaften als Propagandabeschleuniger
Teheran versucht auch, Trump mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Die Analystin und Factcheckerin Maria Flannery zeichnet für EBU/Spotlight nach, wie iranische Botschaften rund um den Globus KI-generierte Propaganda verbreiten. Gerne auch in Trumps typischer Tonalität.
-
Bild 1 von 3. Jeffrey Epstein, teuflische Einflüsterer, ein geistig angeschlagener US-Präsident: Der offizielle Iran nimmt Narrative und Talking Points auf, die Trump diskreditieren sollen. Bildquelle: X via EBU/Spotlight.
-
Bild 2 von 3. Zuletzt verbreiteten offizielle Konten des Regimes auch Trumps Selbstinszenierung als Jesus. Oder wie Irans Botschaft in Bulgarien KI- generierte Verschwörungstheorien. Bildquelle: X via EBU/Spotlight.
-
Bild 3 von 3. Netanjahu hält Epstein-Files hoch und Trump tanzt vor den Särgen amerikanischer Soldaten: Der Iran weiss offensichtlich, welche Knöpfe er beim westlichen «Publikum» drücken muss. Bildquelle: X via EBU/Spotlight.
Das iranische Regime bedient sich laut ETH-Forscherin Cavelty einem Handbuch, auf das auch andere Autokratien und Diktaturen zurückgreifen. So treten der Iran oder auch das stalinistische Nordkorea im Innern absolut «humorbefreit» auf und unterdrücken die freie Meinungsäusserung.
Nach aussen geben sie Internet-Trollen Futter und stören sich offenbar nicht daran, wenn der Ajatollah oder der «Oberste Führer» zum Meme werden. Oder sie transportieren eine Kulisse, die mit der Realität in ihren Ländern nichts zu tun hat.
«Dieses Vorgehen haben die Russen schon lange perfektioniert», sagt Cavelty. Als Inspiration galten etwa berühmt-berüchtigte Internetforen wie 4chan, den Archetypen des modernen Trollings im Netz.
Das Handbuch der Autokraten
«In diesem Bereich agiert der Iran durchaus smart», schätzt die Forscherin. Die gleichzeitig auf eine Art Wettbewerbsvorteil der Autokraten hinweist: «Stellen Sie sich vor, der Bundesrat würde solche Memes und KI-Videos verbreiten.»
Ausnahme: Donald Trump. «Sein Vorgehen erinnert an das ‹Playbook› der Autokraten», sagt Cavelty. Der US-Präsident werde allerdings durch die (Medien-)Öffentlichkeit und die politische Opposition eingehegt.
Überschätzen sollte man den Propaganda-Effekt jedoch nicht. Eine Sympathiewelle für das iranische Regime führten solche Kampagnen im Westen kaum herbei, sagt Cavelty. Aber: «Sie können bestehende antiamerikanische oder antiwestliche Reflexe verstärken.»