Israel baut einen Erdwall mitten durch den Gazastreifen, wie eine Recherche der Nachrichtenagentur AP zeigt. Es ist eine Abgrenzung um ein Gebiet, in dem zwei Millionen Palästinenserinnen und Palästinenser unter prekären Bedingungen leben. Was Israel mit diesem Erdwall bezweckt, sagt die freie Journalistin Vera Weidenbach. Sie publiziert unter anderem für die israelische Zeitung «Haaretz».
SRF 4 News: Wo genau verläuft der Erdwall, der auf Satellitenbildern erkennbar ist?
Vera Weidenbach: Zum grossen Teil verläuft er entlang der sogenannten gelben Linie, die in dem Waffenstillstandsabkommen zwischen Israel und den Hamas festgelegt wurde. Die neuen Analysen der Satellitenbilder zeigen aber, dass Israel an mindestens zwei Stellen mittlerweile tiefer in den Gazastreifen vorgedrungen ist als vereinbart. Damit sind es mittlerweile 60 Prozent des Gazastreifens, die Israel kontrolliert. Laut Premierminister Benjamin Netanjahu sollen es insgesamt 70 Prozent werden.
Zwei Millionen Menschen leben in einem immer kleiner werdenden Gebiet.
Für die Menschen im Gazastreifen bedeutet das, dass es in den vergangenen Wochen immer wieder Evakuierungsaufforderungen gab von der Armee und dass die Menschen das Gebiet verlassen mussten. Zwei Millionen Menschen leben in einem immer kleiner werdenden Gebiet, in Zeltstädten oder in Ruinen von zerbombten Häusern und werden immer weiter an die Küste gedrängt.
Wie begründet Israel diesen Bau?
Das israelische Militär hat sich bisher weder zu der Ausweitung des Gebiets noch zu dem Erdwall offiziell geäussert. Es gibt aber Aussagen des Armeechefs Eyal Zamir, der die gelbe Linie nicht nur als etwas Temporäres bezeichnet, sondern als eine längerfristige Sicherheitsgrenze. Eigentlich sollte die Linie nur während der verschiedenen Phasen des Waffenstillstandsabkommens existieren. Darin wird dann auch schon die Begründung sichtbar: Israel will die Hamas von dem israelischen Staatsgebiet fernhalten und auch die Truppen sollen geschützt werden.
Eigentlich wurde im Waffenstillstandsabkommen vereinbart, dass sich Israels Militär zuerst hinter diese gelbe Linie und dann ganz aus dem Gazastreifen zurückzieht. Was bedeutet der Erdwall vor diesem Hintergrund?
Es ist nicht nur der Erdwall, der gebaut wird, sondern es wird auch über mindestens drei neue befestigte Aussenposten berichtet. Es sieht also so aus, dass sich Israel auf eine längere militärische Präsenz im Gazastreifen vorbereitet. Das liegt daran, dass die Verhandlungen zu dem Waffenstillstandsabkommen jetzt bereits seit Monaten stagnieren. Das führt zu Befürchtungen bei Palästinenserinnen und Palästinensern, dass die Grenze von langer Dauer sein könnte.
Wie realistisch ist es, dass dieser Erdwall eine dauerhafte Grenze wird?
Israel hat in seiner Geschichte zumindest schon einmal eine vorübergehende Besatzung zu einer ziemlich dauerhaften gemacht: In der Westbank, die 1967 besetzt wurde und deren Annexion jetzt von Teilen der Regierung explizit vorangetrieben wird. Es gibt einen Satz, der in Israel gerne gesagt wird, den ich sehr passend finde: «Es gibt keine dauerhafteren Lösungen als die temporären.» Die Möglichkeit, den jetzt besetzten Teil des Gazastreifens nach diesem Modell langfristig militärisch zu kontrollieren, scheint sich die Regierung gerade offenhalten zu wollen.
Das Gespräch führte Martina Koch.