Die Welt schaut nach Iran, genauer an die Strasse von Hormus. Doch im Schatten des schwelenden Krieges zwischen Teheran und Washington werden im Iran fast täglich Menschen hingerichtet. Darunter auch Aktivisten, die im Januar an den Protesten teilgenommen haben.
Bereits im Vorfeld wurde die bekannte Menschenrechtsaktivistin und Friedensnobelpreisträgerin Narges Mohammadi verhaftet. Ihr Gesundheitszustand hat sich seither dramatisch verschlechtert, wie ihr Bruder Hamidreza im Exil sagt.
Nach einem Herzinfarkt im Gefängnis Ende März leidet Narges nun unter stark schwankendem Blutdruck.
Hamidreza Mohammadi lebt seit 11 Jahren in Oslo. Er sieht sich als Botschafter seiner Schwester Narges, die seit Dezember erneut im Iran inhaftiert wurde und kommt gleich zum Punkt: «Nach einem Herzinfarkt im Gefängnis Ende März leidet sie nun unter stark schwankendem Blutdruck. Dies kann zu Hirnschäden führen.» Seit sie im Spital sei, habe ein Familienmitglied sie besuchen können. Sie habe 20 Kilo abgenommen und sei kaum noch bei Kräften.
Kein besseres Spital
Ihn quäle die ständige Angst, eines Tages aufzuwachen und zu erfahren, dass seine Schwester in Gefangenschaft gestorben sei. Trotz der Spitalpflege bleibe ihr Zustand weiterhin kritisch. Eine Verlegung in ein besser ausgestattetes Spital in Teheran wurde ihr bisher aber verweigert – absichtlich glaubt Hamidreza Mohammadi.
«Dies ist eine Taktik, die das Regime bereits im Iran-Irak Krieg in den 1980er Jahren angewendet hat.» Im Schatten des Krieges damals seien Tausende Regimekritiker getötet worden. Mohammadi befürchtet, dass nun dasselbe passiere. Denn die Welt sei zurzeit besorgter über die steigenden Ölpreise als über Menschenleben im Iran.
Letztes Jahr verzeichnete der Iran die meisten Exekutionen seit Jahrzehnten, 1639 an der Zahl. Während den Protesten im Januar wurden tausende Zivilisten getötet und nun, während des Kriegs, gingen die Hinrichtungen weiter. Allein zwischen Mitte März und Ende April haben Menschenrechtsorganisationen die Hinrichtung von mindestens 22 politischen Gefangenen dokumentiert.
Die Welt ist zurzeit besorgter über die steigenden Ölpreise als über Menschenleben im Iran.
Um künftige Proteste im Keim zu ersticken, würden bekannte Aktivisten exemplarisch getötet, ist Hamidreza überzeugt, und sorgt sich um das Leben seiner Schwester.
Immer wieder vom Regime verhaftet
Nobelpreisträgerin Narges Mohammadi kämpft seit Jahrzehnten für Menschenrechte und gegen die Unterdrückung der Frauen im Iran. Sie wurde deswegen erstmals 1998 und seither immer wieder verhaftet und war laut Menschenrechtsorganisationen auch Folter ausgesetzt.
2023, im Gefängnis, wurde sie mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet, welchen ihre beiden Kinder in Oslo für sie entgegennahmen. Nach einer vorübergehenden medizinisch begründeten Haftentlassung wurde sie letzten Dezember erneut verhaftet, nachdem sie bei einer Trauerfeier eine Rede gehalten hatte.
Wenn die Regierung so mit einer anerkannten Persönlichkeit wie seiner Schwester umgehen könne – kaum vorstellbar, was mit weniger bekannten Aktivisten passiere, sagte ihr Bruder Hamidreza Mohammadi.