Seit rund sechs Wochen bekämpft Israel im Libanon die Hisbollah-Miliz, die mit dem Iran verbündet ist. Nun sollen die Waffen schweigen. Für den Moment sieht es so aus, als hielten sich beide Seiten grösstenteils an die zehntägige Waffenruhe. Die Journalistin Meret Michel berichtet aus Beirut über Erleichterung, Zweifel und die schwierige Lage der libanesischen Regierung.
SRF News: Wie erleben Sie die Situation derzeit in Beirut?
Meret Michel: Die Menschen sind erleichtert, dass nun zumindest eine vorläufige Waffenruhe herrscht. Nach anderthalb Monaten der Eskalation mit israelischen Bodentruppen im Süden und Bombardierungen bis in die Hauptstadt ist dies der erste Moment, in dem die Menschen kurz aufatmen können.
Wie nachhaltig ist diese Erleichterung?
Gleich hinter der Erleichterung gibt es grosse Unsicherheit. Die Feuerpause gilt für zehn Tage, in denen verhandelt werden soll. Die libanesische Regierung soll weiter versuchen, die Hisbollah zu entwaffnen, während diese sich weigert. Es besteht deshalb die Gefahr, dass Israel die Angriffe nach Ablauf der Frist wieder aufnimmt.
Die libanesische Regierung ist in einer sehr schwachen Position.
Auf der anderen Seite riskiert die Regierung einen bewaffneten Konflikt mit der mächtigen Miliz, was zu enormen inneren Spannungen führen könnte. Zudem erlaubt das Abkommen Israel, gegen geplante oder stattfindende Angriffe aus dem Libanon vorzugehen. Das ist eine vage Formulierung, die auch während der Waffenruhe Angriffe nicht ausschliesst.
Was bedeutet diese Lage für die Bevölkerung?
Im Moment dominiert die Erleichterung. Viele Vertriebene kehren zurück – eine Reise ins Ungewisse. Besonders im Süden wurden viele Häuser dem Erdboden gleichgemacht. Viele könnten ihr Zuhause zerstört vorfinden und müssten dann erneut in Richtung Norden zurückgehen. Selbst dort, wo Häuser noch stehen, bleibt die Frage, ob der Krieg nicht bald wieder aufflammt.
Den Krieg gegen Israel führt die Hisbollah-Miliz, die libanesische Regierung aber verhandelt. Kann das funktionieren?
Für die Regierung ist es die einzige Option, um den Krieg zu beenden. Israel verlangt die Entwaffnung der Hisbollah-Miliz, aber diese ist nicht bereit dazu. Verhandlungen direkt mit der Miliz sind daher ausgeschlossen. Doch die libanesische Regierung ist in einer sehr schwachen Position. Denn es ist schwierig, die Entwaffnung der Hisbollah umzusetzen. Sie hofft letztlich wohl darauf, dass die USA Einfluss auf Israel nehmen könnten. Oder dass es in den Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran zu einem Abkommen kommen könnte, in dem auch die Frage, wie es mit der Hisbollah weitergeht, entschieden werden könnte.
Glauben die Menschen im Libanon an einen dauerhaften Frieden?
In dem Abkommen ist die Rede davon, dass das Ziel eine Einigung sei, die dauerhafte Stabilität und Frieden bringt. Wäre damit eine Anerkennung Israels seitens des Libanon gemeint, wäre das für viele kaum akzeptabel. Zum einen wegen der jüngsten Angriffe mit über 2000 Getöteten. Zum anderen lehnt ein Grossteil der Menschen in der Region eine Normalisierung der Beziehungen mit Israel ab, solange es keine politische Lösung mit den Palästinensern gibt. Innenpolitisch wäre es schwierig, sich darauf einzulassen. Es wäre ein aufgezwungener Frieden. Dass er im Abkommen erwähnt wird, zeigt vor allem, wie verzweifelt die Lage der libanesischen Regierung ist.
Das Gespräch führte Christina Scheidegger.