In Qidong weht ein kalter, frischer Wind. Im Osten liegt das Gelbe Meer, im Süden fliesst der Jangtsekiang. Auf dem topfebenen Land steht ein Wohnturm neben dem anderen. Das Ende ist nicht in Sicht. Das ist «Leben wie in Venedig», eine Überbauung des in Konkurs gegangenen chinesischen Baukonzerns Evergrande. Im Gegensatz zum italienischen Venedig ist hier alles neu.
Auf der Strasse schlendert Ma Chao im roten Kapuzenpulli. Der 27-Jährige ist Ingenieur und arbeitet für einen Autokonzern in Shanghai. «Ich komme ab und zu hierher, um mich zu entspannen», sagt er. Er mache hier nichts ausser spazieren, kochen und Computerspiele spielen. «Im Vergleich zu Shanghai ist es hier langweilig», sagt Ma.
Langeweile ist genau der Punkt. Der junge Ingenieur «liegt flach». So nennen es Chinesinnen und Chinesen, wenn sie sich aus dem Kapitalismus ausklinken, wenn sie eine Pause machen, wenn sie die Köpfe niedrig halten und versuchen, den ultrakompetitiven Wettbewerb über sich hinwegziehen zu lassen.
Gigantisches Immobilienprojekt
Das «Venedig» ist zu einem idealen Ort dafür geworden. Es ist gigantisch: 47’000 Wohnungen mit Platz für 120’000 Menschen. Im Süden stehen Villen und im Norden Wohntürme mit 30 Stockwerken. Eine Wohnung mit drei Zimmern und 100 Quadratmetern gibt es hier für 100 Franken im Monat.
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Bild 1 von 8. Die Überbauung «Leben wie in Venedig» in Qidong ist ein riesiges und weitgehend leer stehendes Immobilienprojekt, das von der inzwischen aufgelösten Evergrande-Gruppe gebaut wurde. Bildquelle: SRF / Lukas Messmer.
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Bild 2 von 8. Seit dem Konkurs des Immobilienkonzerns Evergrande im Jahr 2024 ist «Venedig» eine sehr ruhige Stadt mit niedrigen Immobilienpreisen und vielen leer stehenden Wohnungen. Bildquelle: SRF / Lukas Messmer.
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Bild 3 von 8. «Leben wie in Venedig» liegt in Qidong in der Provinz Jiangsu am Gelben Meer, etwa anderthalb Stunden von Shanghai entfernt. Bildquelle: SRF / Lukas Messmer.
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Bild 4 von 8. Die Immobilienpreise sind stark gesunken, einige Preise für Villen in der Überbauung sind um mehr als die Hälfte gefallen. Bildquelle: SRF / Lukas Messmer.
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Bild 5 von 8. Konzipiert wurde «Leben wie in Venedig» als luxuriöses Wohn- und Feriengebiet mit einem Strand und vielen Hotels. Bildquelle: SRF / Lukas Messmer.
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Bild 6 von 8. «Venedig» befindet sich nördlich der Millionenmetropole Shanghai und zeichnet sich durch Architektur im europäischen Stil aus mit Kanälen und einem künstlich angelegten Strand. Bildquelle: SRF / Lukas Messmer.
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Bild 7 von 8. Immer mehr junge Leute ziehen in den günstigen Wohnraum und entgehen der Hektik in der Grossregion Shanghai. Bildquelle: SRF / Lukas Messmer.
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Bild 8 von 8. Viele der Wohnblöcke mit Zehntausenden von Wohnungen stehen leer oder sind verlassen. Bildquelle: SRF / Lukas Messmer.
Lin Xiaoqin ist Immobilienmaklerin mit einem kleinen Büro an einer der Hauptstrassen. Sie kennt die Bevölkerung in «Venedig». Ursprünglich hätten hier hauptsächlich Rentnerinnen und Rentner Wohnungen gekauft. Nun kämen immer mehr junge Leute, die mieten.
«Sie fühlen sich hier sehr entspannt und deutlich weniger unter Druck», sagt Lin.
Wohnraum kann sich hier fast jeder leisten
Für Apartments in Wohnungskomplexen wie «Venedig», die massiv an Wert verloren haben, gibt es in China eine Bezeichnung: «Kohl-Häuser». Der Chinakohl ist im Land allgegenwärtig und eines der billigsten Gemüse. Es steht jeweils zuletzt auf der Speisekarte. Kohl können sich alle leisten. Genauso wie heute Wohnraum in «Venedig».
Von Shanghai fahren täglich Busse nach «Venedig». Die Fahrt vom Platz des Volkes kostet zwei Franken. Für Rentnerinnen und Rentner ist der Bus sogar gratis. Die 64-jährige Lui Cuiping kommt jeweils mit diesem Shuttlebus. Sie hat sich hier zur Ruhe gesetzt.
«Es scheint, dass jeder, der heute hierherkommt, einfach nur ‹flachliegt›», sagt sie. Das funktioniere in den grossen Städten nicht. Da würden die Bekannten gleich fragen, warum man nicht arbeitet. «Hier interessiert das niemanden», sagt Lui.
Die Immobilienpreise in China sinken weiter. Bis zum Platzen der Immobilienblase war es normal, sein Geld in Wohnungen anzulegen. Viele stehen heute einfach leer. Ironischerweise sind sie durch Überproduktion des chinesischen Turbokapitalismus entstanden. Heute sind sie die Infrastruktur, die das «Flachliegen» erst möglich macht.