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Polen: Wenig Unterstützung für Kinder mit Behinderung
Aus Echo der Zeit vom 01.02.2021.
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Polens Abtreibungsgesetz Warschau lässt seine «heldenhaften Mütter» im Stich

Das strenge polnische Abtreibungsgesetz lässt die Nachfrage nach Unterstützung behinderter Kinder ansteigen.

Polen muss sich auf mehr Kinder mit Behinderungen einstellen. Seit letzter Woche gilt nämlich ein Urteil des polnischen Verfassungsgerichts, das es verbietet Föten mit Missbildungen abzutreiben. Die rechtskonservative Regierung in Warschau sagt, das strengere Abtreibungsverbot schütze Leben. Und sie verspricht, sie werde den – Zitat – «heldenhaften Müttern» beistehen, die sich um behinderte Kinder kümmern. Viele der betroffenen Mütter und Väter finden das zynisch. Sie fühlen sich von der Regierung im Stich gelassen. Zum Beispiel die Familie der zerebral gelähmten Hania.

Drei Personen in einem Wohnzimmer.
Legende: Die 16-jährige Tertraplegikerin Hania und ihre Eltern Kasia und Karol Lukasiewicz zuhause in Lublin: Die junge Familie fühlt sich im Stich gelassen. SRF / Roman Fillinger

An die Tür einer Jugendlichen klopft man – auch wenn sie eine Behinderung hat. Hania hat gerade Physiotherapie – so wie jeden Tag. Das hilft ein Stück weit gegen ihre Krämpfe. Hania kann nicht sprechen, nicht gehen, nicht sitzen, nicht alleine essen. Hania ist 16 – aber eigentlich noch ein Säugling, sagt ihre Mutter Kasia Łukasiewicz.

Zur Trauer kommt die Enttäuschung durch den Staat

Die Erinnerung an Hanias Geburt quält die 50-Jährige noch heute. Sie ging am Morgen mit einem gesunden Kind im Bauch ins Lubliner Universitätsspital. Und am Abend mussten sie Hania vierzig Minuten lang wiederbeleben.

Hanias Gehirn war bei der Geburt schwer geschädigt. Ein Ärztefehler, urteilte später das Gericht. Zum emotionalen Tsunami aus Trauer, Wut und Hass gesellte sich die Enttäuschung über die mangelnde Unterstützung durch den Staat: «Wir sind unsichtbar. Für Familien mit Kindern wie Hania gibt es keine psychologische und keine finanzielle Hilfe. Wir werden alleine gelassen», sagt Hanias Mutter.

Ministerium schweigt zu den Anschuldigungen Betroffener

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Für ein Gespräch mit SRF fand im polnischen Familien- und Sozialministerium niemand Zeit. Aber Marlena Maląg, die Ministerin, würde Hanias Mutter widersprechen: Die rechtskonservative Regierung habe die Situation für Familien mit behinderten Kindern massiv verbessert.

Ihr Programm «Za życiem», «Fürs Leben», sei das erste, das Kinder mit Behinderungen und ihre Familien umfassend unterstütze, sagte sie kürzlich im polnischen Parlament. Das Angebot reicht von vorgeburtlichen Abklärungen, über finanzielle Hilfe für Therapien bis zu Kurzzeitpflegeangeboten, um Eltern von behinderten Kindern eine Pause, etwas Erholung zu ermöglichen.

Das klingt nach grossen Verbesserungen, ist in den Augen von Kasia Łukasiewicz, aber nichts als politische Propaganda. Kasias Ehemann Karol trägt die 16-jährige Hania inzwischen auf dem Rücken durchs Wohnzimmer. Er sagt, die Unterstützung sei zu bürokratisch und viel zu knapp.

Ein Beispiel: Die Regierung verspreche allen Behinderten gratis Physiotherapie. Das sei eine Lüge. Der polnische Staat zahlt im Jahr 80 Stunden Physiotherapie. Hania braucht ihren Physiotherapeuten aber 365 Tage im Jahr. Auch die Kurzzeitpflege, die Eltern wie Kasia und Karol Pausen von ihren behinderten Kindern ermöglichen soll, sei nicht verfügbar. Die Wartelisten seien so lange, das Ganze so bürokratisch, das bringe nichts, sagt Kasia.

Nachfrage nach Unterstützung wird steigen

Die Familie Lukasiewicz kommt nur deshalb zurecht, weil das Spital, in dem bei Hanias Geburt fast alles schieflief, Schadenersatz zahlen muss – Geld, das anderen Familien mit behinderten Kindern fehlt.

Das Urteil des polnischen Verfassungsgerichts, das Abtreibungen auch dann verbietet, wenn der Fötus massive Missbildungen hat, wird die Nachfrage nach Unterstützung vergrössern, sagt die Familienministerin. Die Regierung werde diese Unterstützung bieten, verspricht sie. Frauen, die behinderte Kinder zur Welt bringen, sollen mit ihrem Heldentum nicht allein bleiben.

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Aus dem Archiv: Verschärftes Abtreibungsgesetz tritt in Kraft
Aus Tagesschau vom 28.01.2021.
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Sie sei keine heroische Mutter, sagt Kasia. Sie könnte Hania manchmal umbringen. Schonungslose Worte – und der Versuch trotz allem zu lachen. Das hilft Kasia und Karol, mit der schweren Behinderung ihrer Tochter klar zu kommen. Würden sie denn einen Fötus mit Missbildungen abtreiben, wenn sie die Wahl hätten? In Polen würde sie über eine Abtreibung nachdenken, ja, sagt Kasia. Sie wisse, wie hart das Leben mit einem schwer behinderten Kind hier sei.

Echo der Zeit, 01.02.21, 18:00 Uhr

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5 Kommentare

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  • Kommentar von Katica Öri  (Katiöri)
    Immer wieder auch bei uns werden etwas verboten und sanktioniert. Die Menschen die betroffen sind werden mit ihre Probleme alleine gelassen. Bevor etwas verboten wird sollte ein schwingender Grund sein eine Lösung anzubieten. Ich habe wirklich genug dass Religionen ausgenützt werden um Menschen böswillig unter enormer Druck zu bringen. Religion muss unbedingt von der Politik getrennt werden. Religionen Interpretationen haben und bringen immer noch sehr viel Leid.
  • Kommentar von Thomas Kollbrunner  (Kollbrt)
    Und was soll uns dieser Artikel nun sagen? Dass es besser wäre, wenn dieses Mädchen nicht leben würde? Sollen wir, wenn ein Kind einen Hirnschaden erleidet, besser einfach das Messer zücken und uns der 'Last' entledigen. Wie egoistisch unsere Gesellschaft doch ist! Natürlich brauchen Eltern mit eingeschränkten Kinder die grösstmögliche Unterstützung, aber wer sind wir, dass wir ständig über Leben und Tod entscheiden?
    1. Antwort von Andy Gasser  (agasser)
      Ich möchte keine Eltern verurteilen, die sich gegen ein Kind mit Down Syndrom oder ähnlich schweren Behinderungen entscheiden. So eine Entscheidung zu treffen ist nicht einfach. Was es da nicht noch braucht, sind Leute die die verurteilende Moralkeule schwingen.
    2. Antwort von Claudia Beutler  (Claudia)
      Der Artikel sagt mir vor allem, dass die polnischen Regierung von den Familien verlangt ein schwerst Bedindertes Kind auszutragen, Aber sie dann bei der Pflege allein lässt.
  • Kommentar von Claudia Beutler  (Claudia)
    Keine Abtreibung und dann die Familie mit dem Behinderten Kind allein lassen. Das einzige Interesse de PI S den Erzkonservativen Katholiken gefällig sein. Nebeneffekt, die Frauen bleiben zu Hause und kümmern sich ums Kind.
    Mit der Trennung von Staat und Kirche ist es in Polen auch nicht weit her.