Die alte, verlassene Markthalle in Mercês ist am Verlottern. Es regnet durch das kaputte Dach. «Oh, nein! Das habe ich noch gar nicht gesehen. Das ist ein grosses Problem», sagt Tomás Barroso. Er ist Teil einer Theatergruppe, die hier ein Kulturzentrum eröffnen möchte.
Mercês ist keine Vorzeigegegend – graue Wohnblöcke reihen sich aneinander, dazwischen fast nur Strassen, kaum Grünflächen. Hier sei das Leben nicht einfach, es herrsche Wohnungsnot. Und es sei dreckig, der Abfall werde nicht richtig weggeräumt.
Sie wollten den Leuten hier eine Stimme geben, sagt Maria Toscano, die Gründerin der Theatergruppe. Am Ende ihrer Stücke führten sie immer Gespräche mit den Zuschauerinnen und Zuschauern. Und nähmen deren Gedanken und Ängste in ihre Stücke auf.
In diesen Gesprächen kämen häufig wirtschaftliche Sorgen und Kritik an den Lebensumständen zur Sprache. Jemand habe einmal gesagt: Wenn Orte wie diese Markthalle verschwinden, sei das, als ob ein Teil von ihnen weggerissen würde und ihnen nichts bleibe, erinnert sich Tomás Barroso. Die verlassene Markthalle wird so zum Symbol für die Leute, die sich von der portugiesischen Politik im Stich gelassen fühlen.
Leute, von denen inzwischen viele die Rechtsaussenpartei Chega wählen. Ihr Präsidentschaftskandidat André Ventura ist hier in der Region aufgewachsen. In den letzten Jahren schaffte er es, die Vorherrschaft der beiden traditionellen grossen Parteien im Land zu durchbrechen, indem er sich als Anti-System-Politiker präsentiert.
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Bild 1 von 2. Mercês ist keine Vorzeigegegend. Ein Besuch in Venturas Herkunftsregion zeigt, welche Sorgen viele Menschen vor der Wahl umtreiben. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 2. Portugal wird international für seine Wirtschaft gelobt. Gleichzeitig steht Mercês exemplarisch für die Sorgen der portugiesischen Bevölkerung. Die alte Markthalle im Ort verlottert. Bildquelle: SRF.
Dass dies gut ankommt, mag widersprüchlich erscheinen – in einem Land, dem es wirtschaftlich so gut geht, wie schon lange nicht mehr. Die britische Zeitung «The Economist» hat Portugal sogar zur besten Wirtschaft des Jahres 2025 gekürt. Mit guten Gründen, sagt die Lissaboner Wirtschaftswissenschaftlerin Susana Peralta. Portugal verzeichne ein Wirtschaftswachstum über dem europäischen Durchschnitt, die tiefste Arbeitslosenquote seit zwei Jahrzehnten und ein Lohnwachstum von durchschnittlich drei Prozent.
Steigende Preise und überlastete öffentliche Dienste
Aber es gebe auch negative Seiten: Die Preise im Land steigen kontinuierlich, besonders die Immobilien- und Mietpreise. Hinzu komme, dass der Staat mit der Wirtschaftsentwicklung nicht Schritt zu halten vermöge. Die öffentlichen Dienste versagten häufig: Es gebe enorme Engpässe im Gesundheits- und im Bildungswesen.
Und jetzt, just im Wahlkampf, ist ein weiteres Thema hinzugekommen: Die Stürme, die in Portugal in den letzten Wochen grosse Schäden anrichteten. Man habe gesehen, wie langsam die Behörden reagiert hätten, um die Stromversorgung wiederherzustellen, oder Hilfe in die Regionen zu bringen, sagt Ökonomin Peralta.
Beide Präsidentschaftskandidaten – Sozialist António José Seguro und André Ventura von Chega – haben dies, mehr oder weniger scharf, kritisiert. Ob sie aber davon profitieren könnten, sei schwer zu beurteilen, so Peralta. Denn weder Seguro noch Ventura gehören der Regierungspartei an, können also nicht direkt mitverantwortlich gemacht werden.
Etwas hätten der Sturm und seine Folgen aber vielen bewusst gemacht. Trotz der Einstufung als Wirtschaft des Jahres: Im Alltag spürten viele Leute wenig davon, sagt Susana Peralta. Dieser grundsätzliche Eindruck werde weiter bestehen – unabhängig vom Ausgang der Wahl.