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Putin verkündet Aufwärtstrend «In Russland herrscht Stagnation auf tiefem Niveau»

In seiner Jahresbilanz beschreibt der Kreml-Chef ein Land im Aufbruch. SRF-Korrespondent David Nauer teilt die Euphorie nicht.

Legende: Audio David Nauer zu Putins Jahresbilanz abspielen. Laufzeit 04:14 Minuten.
04:14 min, aus Echo der Zeit vom 20.12.2018.

Einmal im Jahr holt der russische Präsident Wladimir Putin zum Rundumschlag aus und veranstaltet eine mehrstündige Medienkonferenz. Thema: Alles. Sein Auftritt heute war weniger einfach als auch schon. Putin ist nicht mehr ganz so populär wie früher. Besonders die Rentenreform hat den Lack beschädigt. Trotzdem sagt SRF-Korrespondent David Nauer: Der grosse Knall in Putins Russland ist noch in weiter Ferne.

David Nauer

David Nauer

Russland-Korrespondent, SRF

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David Nauer ist Korrespondent von Radio SRF in Russland. Von 2006 bis 2009 hatte Nauer für den «Tages-Anzeiger» aus Moskau berichtet, anschliessend aus Berlin.

SRF News: Hat Putin an der Medienkonferenz versucht, wieder Boden gut zu machen?

David Nauer: Versucht hat er es. Putin hat relativ viel über die Wirtschaftslage in Russland gesprochen und mit Zahlen jongliert. Er sagte, die Wirtschaft wachse dieses Jahr um 1,7 Prozent, die Inflation betrage 4,1 Prozent, die Arbeitslosigkeit 4,8 Prozent. Eine Zahl hat die andere gejagt. Die Botschaft war klar: «Russland geht es gut und ich Putin habe die Lage im Griff.»

Und stimmt das, hat Putin die Lage im Griff?

Ich würde sagen: Es geht so. Wenn man das Wort «Realeinkommen» auf russisch googelt erhält man viele verschiedene Nachrichten-Links. Bei den einen heisst es: «Putin sagt: Die Realeinkommen steigen». Bei den anderen heisst es: «Die Statistik zeigt: Die Realeinkommen sinken.» Die Realität ist wahrscheinlich etwas komplizierter. Das Geld, dass die Menschen effektiv im Portemonnaie haben, ist vier Jahre in Folge gesunken. Teils ziemlich stark.

Ich spüre noch kein richtiges Brodeln in Russland.

Dieses Jahr bleibt das Realeinkommen mehr oder weniger stabil. Das heisst, die Leute wurden nicht mehr ärmer. So richtig reicher wurden sie aber auch nicht. Das entspricht auch der Gefühlslage bei vielen Russinnen und Russen, mit denen ich spreche: Es herrscht Stagnation auf tiefem Niveau. Es geht nicht abwärts aber auch nicht aufwärts.

Die Bevölkerung ist weniger zufrieden als auch schon. Putin schien weniger spritzig als auch schon. Könnten das Vorboten einer Post-Putin-Zeit sein?

Grundsätzlich ist es so, dass Putin 2024 abtreten müsste. Dann wäre jetzt laut Verfassung seine letzte Amtszeit. Ob er dann auch wirklich geht, weiss niemand. Die Russen sagen von sich selbst immer, dass sie ein geduldiges Volk seien. Sie könnten Mühsal lange ertragen. Irgendwann aber reiche es ihnen und dann knalle es. Ich glaube, ein solcher Knall ist noch in weiter Ferne. Ich spüre noch kein richtiges Brodeln in Russland. Eher eine kleine Unzufriedenheit, ein leichtes «Maulen». Aber vielleicht irre ich mich ja auch.

Das Gespräch führte Isabelle Maissen.

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19 Kommentare

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  • Kommentar von Sinisa Markovic (Mr. Markovic)
    Wir müssen akzeptieren, dass die Russen anders leben als wir. Wenn wir mal zurückschauen, wie die meisten Russen unter dem Zaren gelebt haben, oder dann im Kommunismus, oder unter Jelzin, dann geht es ihnen unter Putin wirklich gar nicht so schlecht. Im Verhältnis zu uns leben sie natürlich noch immer schlecht, aber eben besser als jemals zuvor. Somit müssen wir auch zugeben, Putin tut Russland gut, auch wenn wir es anders sehen.
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  • Kommentar von Karl Kirchhoff (Charly)
    "Putin verkündet Aufwärtstrend". Hahaha. Nur das ausser Verkündungen nie etwas konkretes folgt. Selbst Zwergstaaten sind wirtschaftlich erfolgreicher als Russland.
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    1. Antwort von Konrad Schläpfer (Koni)
      Immerhin kann Russland es sich leisten die Deutschen und US Astronauten von der ISS zurück zu holen.
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    2. Antwort von Karl Kirchhoff (Charly)
      Koni, das lassen sich die Russen zurecht auch gut bezahlen. Nur hat die Bevölkerung nichts greifbares davon, ausser darauf stolz zu sein.
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  • Kommentar von Andrew Simon (A. Simon)
    Russlands Wirtschaft ist kaum vom Fleck gekommen, es wurde von Asien längst überholt. Rohstoffe und Rüstungsgüter, damit hat es sich. Der Lada zeigt, wo das Land technologisch steht, den gibt es wirklich noch und sieht aus wie 1978. Weil man dennoch jemand sein will, muss Putin halt mit militärischer Stärke auftrumpfen - Ostukraine, Krim, Syrien. Dann noch andere Länder versuchen zu destabilisieren - Eingriffe in Wahlen. Und schliesslich noch systematisches Doping im Sport.
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