«Wir wurden Satanisten und Ungläubige genannt», erinnert sich Ljuba, die in Wahrheit anders heisst. Sie ist Mutter und arbeitet im Gesundheitswesen.
In ihrer Nachbarschaft hat sie sich für ein Anliegen engagiert, das man auch aus Schweizer Städten kennt: Ein Bauprojekt bedrohte den Quartierpark, Anwohnerinnen und Anwohner wehrten sich dagegen.
Gedenkstätte für Afghanistan-Gefallene
«Das ist unsere Lunge», sagt Ljuba beim Rundgang durch den Park im Moskauer Wohnquartier Perowo. Jetzt, im Winter, liegt Schnee. Die Wiese ist beliebt bei Kindern und Hundehaltern – doch sie muss jetzt einer orthodoxen Kirche weichen. Hinter einem Zaun ist bereits das Betonskelett der Kirchenkuppel zu sehen.
Die Baustelle liegt nur wenige Meter neben einer Skulptur: Drei Frauen mit gesenkten Häuptern, zu ihren Füssen liegen frische Blumen. Es ist ein Mahnmal für die Moskauer, die im sowjetischen Afghanistan-Krieg der 1980er-Jahre gefallen sind.
Plötzlich wird es hier ständig Hochzeiten, Beerdigungen und Gottesdienste geben.
Deren Angehörige und auch viele Veteranen des Kriegs wollten keine Kirche neben ihrem Ort des stillen Gedenkens, so Ljuba. «Einige sind kategorisch dagegen – ich meine, plötzlich wird es hier ständig Hochzeiten, Beerdigungen, Gottesdienste geben.»
Zum Bauplan wurden die Anwohnerinnen und Anwohner nicht befragt. Dieser ist Teil eines Projekts der Moskauer Stadtbehörden und der orthodoxen Kirche, um 200 neue Gebetsstätten zu bauen.
Kirche für Soldaten der «Spezialoperation»
Die russisch-orthodoxe Kirche steht dem Kreml nahe. Patriarch Kirill unterstützt dessen Politik lautstark im Namen des russischen Nationalismus, der ein wichtiger Teil der Kriegspropaganda ist. «Die Kräfte waren ungleich verteilt», sagt Ljuba. Trotzdem wehrten sich die Leute in Perowo. Sie gingen den Rechtsweg und versuchten es mit Demonstrationen im Park.
Dabei wurden sie von orthodoxen Aktivisten als Satanisten beschimpft. Dennoch konnten sie den Bau jahrelang aufhalten. Eine ältere Dame habe sich gar vor einen Bulldozer gestellt, um die Zerstörung des Parks zu verhindern, sagt Ljuba.
Wenn du gegen die neue Kirche bist, bist du gegen die ‹Spezialoperation›. Und dann bist du gegen Putin.
Dann kam die russische Invasion der Ukraine. Und so habe es plötzlich geheissen, man widme die Kirche jetzt den Soldaten der «Spezialoperation». «Das ist ihr Trumpf», sagt Ljuba. «Wenn du gegen die neue Kirche bist, bist du gegen die ‹Spezialoperation›. Und dann bist du gegen Putin.»
Den Namen des Kremlchefs spricht sie nicht ganz aus, nur den ersten Buchstaben. Ist sie denn gegen ihn und gegen den Krieg? «Eigentlich geht es im Christentum um das Gute, um Vergebung, nicht um Krieg», sagt Ljuba.
«Ein Christ darf nicht angreifen, nur verteidigen. Aber Verzeihung – bei der ‹Spezialoperation› geht es nicht darum, uns zu verteidigen.»
Der Protest ist verstummt
Beim Streit um den Park in Perowo gehe es aber nicht darum, sagt sie. Viele Anwohnerinnen und Anwohner, darunter viele Afghanistan-Veteranen, befürworteten den Ukraine-Krieg, seien aber trotzdem gegen die Kirche.
Unterdessen ist der Protest in Perowo verstummt. Die Leute seien müde, sagt Ljuba. Und ihre Optionen sind ausgeschöpft. Im heutigen Russland ist Widerstand beinahe unmöglich, nicht nur gegen den Krieg.
Dieser wird sogar genutzt, um banale Quartieranliegen zu unterdrücken. Der Trumpf des Patriarchs und der Stadtbehörden hat gewirkt.