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Die Räumung von Vucjak löst das Problem nicht
Aus SRF 4 News aktuell vom 16.12.2019.
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Räumung von Flüchtlingslager «In Bosnien bleiben will niemand»

Vor ein paar Tagen ist das Flüchtlingslager Vucjak in Bosnien geräumt worden. Es stand auf einer ehemaligen Mülldeponie direkt an der kroatischen Grenze und versank fast im Schlamm. Was nun mit den Migranten geschieht, weiss der Journalist Norbert Mappes-Niediek.

Norbert Mappes-Niediek

Norbert Mappes-Niediek

Deutscher Journalist

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Norbert Mappes-Niediek ist Fachautor und langjähriger freier Korrespondent für Südosteuropa.

SRF News: Wie ist die Lage in Vucjak nun?

Norbert Mappes-Niediek: Die Auflösung des Lagers ist reibungslos verlaufen. Das Gelände werde jetzt saniert, heisst es. Die meisten Migranten sind mit Bussen weggebracht worden. Es gibt allerdings immer noch ein paar Migranten in der nahegelegenen Stadt Bihac. Sie wollten nicht weggebracht werden.

Das verelendete Lager Vucjak lag nahe an der Grenze zu Kroatien.
Legende: Das verelendete Lager Vucjak lag nahe an der Grenze zu Kroatien. SRF

Wo befinden sich denn die rund 750 Leute jetzt?

Sie sind in zwei offizielle Aufnahmestelle in der Nähe von Sarajevo gekommen, mehr als fünf Autostunden von Vucjak entfernt. Die eine ist ein renommiertes, sehr gut geführtes Flüchtlingslager. Die zweite Aufnahmestelle ist in einer alten Kaserne, die ist allerdings noch nicht ganz fertig.

Hat sich die Lage der migrierten Menschen mit der Räumung zum Besseren gewendet?

Ja, ihre Situation hat sich entschieden verbessert. Die Menschen haben praktisch im Matsch gewohnt. In den letzten Tagen hat es noch geschneit, so dass der Boden vollständig durchweicht war. Inzwischen leben alle in trockenen Räumen.

Doch die Menschen wollen nicht in Bosnien bleiben. Bleibt ihr Ziel, die kroatische Grenze zu überqueren?

Sie werden es sicher wieder versuchen, alle haben einen langen Weg hinter sich. Vucjak lag direkt an der Grenze zu Kroatien. Als Bewohner des Lagers hat man einmal oder mehrmals pro Tag versucht, irgendwo zwischen den kroatischen Polizeilinien hindurch zu schlüpfen und in die EU zu gelangen.

Es war so eine Art Glücksspiel: Wer in Kroatien war, musste dem ersten offiziellen Polizisten, dem man begegnete, das Wort ‹Asyl› zurufen.

Es war so eine Art Glücksspiel. Wenn man die Grenze überquert hatte und in Kroatien war, musste man dem ersten Polizisten, dem man begegnete, das Wort «Asyl» zurufen. Meistens scheiterten diese Versuche daran, dass dieser Ruf nicht gehört wurde oder zumindest, dass so getan wurde, als hätte man ihn nicht gehört. Die Leute wurden gleich zurückgeschickt.

Die kroatische Polizei will diese Übertritte verhindern. Es gibt Berichte, dass sie mit Gewalt gegen die Migranten vorgeht. Stimmt das?

Ja, es gibt Hunderte von solchen Berichten. Die meisten stammen aus der Gegend, wo das Lager Vucjak lag, zwischen Bihac und der kroatischen Grenze. Sie besagen, dass Migranten verprügelt worden sind, dass man sie gewaltsam über die Grenze zurückgeschoben hat oder dass man ihnen die Handys abgenommen hat.

In Kroatien hat es bisher noch keine erfolgreichen Versuche gegeben, solche Aktionen – man nennt sie Pushbacks – per Gericht zu untersagen.

Inzwischen hat einer der Polizisten, die an der kroatischen Grenze stehen, ausgeplaudert, dass dies auf sehr konkrete Befehle aus dem Innenministerium Kroatiens hin geschieht. Die Massgabe für die Beamten ist, jeden Übertritt zu verhindern und die Leute so zu behandeln, dass sie von weiteren Versuchen abgeschreckt werden. Das ist rechtswidrig. In Kroatien hat es bisher noch keine erfolgreichen Versuche gegeben, solche Aktionen – man nennt sie Pushbacks – per Gericht zu untersagen.

Das Migrationsproblem ist damit kurzfristig abgeschwächt. Wird sich die Lage im Frühling wieder zuspitzen?

Ja, die Zahl der Migranten ist jahreszeitlich bedingt rückläufig. Die meisten Migrantinnen und Migranten sind für winterlichen Märsche nicht ausgerüstet, deshalb wird man warten, bis es wieder wärmer wird. In Bosnien bleiben will niemand. Wenn man mit Leuten spricht, nennen sie meistens Deutschland als Ziel, manchmal andere Länder wie die Schweiz. Einige sagen, egal in welches Land, sie wollen einfach in die EU.

Das Gespräch führte Anneliese Tenisch.

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Aus dem Archiv: Wie Kroatien Migranten abschiebt
Aus Rundschau vom 15.05.2019.
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8 Kommentare

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  • Kommentar von Eva Werle  (Eva Werle)
    wir sollten uns alle schämen, dass wir nichts tun gegen das elend, das diese menschen aus ihren heimatländern vertreibt. durch kriege und naturkatastrophen sind viele menschen zur flucht gezwungen. der klimawandel wird das problem massiv verstärken. wenn wir bedrohte lebensräume nicht erhalten, müssen wir alle zusammenrücken und das teilen lernen. unseren armseligen, egoistischen seelen würde das gut tun, aber wenn ihr das nicht wollt, müsst ihr die fluchtursachen bekämpfen, nicht die opfer.
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  • Kommentar von Josephk Ernstk  (Joseph ernst)
    Europa hat zu sehen, dass Flüchtlinge die kein Bleiberecht haben ordnungsgemäss zurückgewiesen werden. Die Mehrheit sind Wirtschaftsflüchtlinge und die haben nun mal kein Anrecht auf ein Asylgesuch. Es ist höchst unfair Leute die sich dafür einsetzen, dauernd zu kritisieren und als Populisten und Rassisten abzutun !
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  • Kommentar von Martin Meier  (M.Meier)
    Was sagt Frau Merkel dazu`?
    Ach so, sie ist in der Migrationsfrage völlig abgetaucht. Schlamassel mit "wir schaffen das" angerichtet und danach einfach nichts mehr machen und sagen.
    Wie schnell doch der politische Stern verglühen kann.
    Es ist Zeit, dass endlich ehrliche europäische Leader wie Orban und Salvini mehr sagen haben. Die sagen wenigstens, was sie wollen und spielen keine undurschschaubere Spielchen à la Macron und Merkel, nämlich Migration auf dem Buckel der anderen.
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    1. Antwort von Martin Meier  (M.Meier)
      und klar tun einem die Migranten leid, dass sie in solchen Bedingungen hausen müssen.
      Würde man jedoch von Anfang an klar machen, dass Europa Wirtschaftsflüchtlinge nur geregelt aufnimmt, dann müssten sich diese Leute gar nicht auf den Weg machen.
      Solange aber NGOs den Pull-Faktor verstärken und die Migranten dazu ermutigen alle Rechtswege auszuschöpfen (auch wenn aussichtslos), dann wir die Situation nicht besser. Es braucht eine ehrliche Migrationspolitik, alles andere ist unfair.
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    2. Antwort von Norbert Zehner  (ZeN)
      @Meier: NGOs sind hoch-politische Organisationen hinter Deckmänteln von vorgeschobener Selbstlosigkeit.
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