Der Hafen in Dongying in der Provinz Shandong ist ein Dreh- und Angelpunkt für eine besondere Art von Ölhandel. Hier kommt ein Grossteil des Rohöls an, das trotz internationaler Sanktionen aus dem Iran und Russland seinen Weg nach China findet.
Matrosen, die gerade das Hafengelände verlassen, berichten von langen Einsätzen. Sie fahren auf chinesischen Tankschiffen, die heimisches Öl transportieren. Schiffe aus dem Nahen Osten, so erzählen sie, sieht man seit Beginn des Krieges kaum noch.
Die Teekännchen-Raffinerien
Diese Schiffe lieferten sonst den Grossteil des Rohöls für die hier ansässigen Raffinerien. Das sind Dutzende kleinere, unabhängige Anlagen. Sie haben geringere Kapazitäten als die staatlichen Petro-Konzerne. Man nennt sie deshalb auch «Teapot-Raffinerien», frei übersetzt «Teekännchen-Raffinerien».
Diese unabhängigen Raffinerien verarbeiten zusammen aber bis zu 20 Prozent des Rohöls in China. In der Provinz Shandong beschäftigen sie schätzungsweise 350'000 Leute. Sie spielen also eine wichtige Rolle in China.
Unsichtbar, aber nicht unauffindbar
Tanker, die sanktioniertes Öl bringen, schalten ihre Ortungssysteme aus, pumpen ihre Fracht auf offener See von Schiff zu Schiff und ändern Deklarationen. So soll die Herkunft des Öls verschleiert werden, erklärt Muyu Xu, Senior Analystin beim Rohstoffdatenunternehmen Kpler.
-
Bild 1 von 3. Die kleineren unabhängigen Raffinerien, auch Teapot-Raffinerien genannt basieren ihr Geschäftsmodel auf sanktioniertem Öl aus dem Iran und Russland. Bildquelle: SRF.
-
Bild 2 von 3. Die Stadt Dongying ist aus dem Rohölgeschäft entstanden. In der Region liegt eines der grössten Ölfelder Chinas. Ein Grossteil des Erdöls wird aber importiert. Bildquelle: SRF.
-
Bild 3 von 3. Im Hafen von Dongying lieferten Tanker der Schattenflotte regelmässig sanktioniertes Erdöl ab, bis der Krieg im Iran begann. Bildquelle: SRF.
Trotzdem liessen sich die Lieferungen verfolgen: mit Marktinformationen und Satelliten. Xu sagt: «Ein Tanker kann zwar sein Ortungssystem abschalten, aber er kann nicht einfach von der Erdoberfläche verschwinden. Er bleibt sichtbar.»
Ein Geschäftsmodell unter Druck
Direkt beim Hafen liegt ein Cluster von Teapot-Raffinerien. Der Zugang zum Industrieareal ist streng überwacht. Am Rand einer Zufahrtsstrasse warten Dutzende Tanklastwagen, bereit, Benzin, Diesel oder Bitumen zu laden – typische Produkte dieser Raffinerien.
Ein Fahrer klagt über die aktuelle Lage. Der Krieg im Iran habe den Markt durcheinandergebracht. Wegen der hohen Preise und der Unsicherheit hätten viele Raffinerien ihre Produktion reduziert.
Der Preisvorteil schmilzt
Für die Teapot-Raffinerien sind die steigenden Preise besonders problematisch, meint Analystin Xu. Das Geschäftsmodell basierte auf sanktioniertem Öl. Dieses kostete pro Fass rund 20 Dollar weniger als reguläres Erdöl, bei vergleichbarer Qualität.
Die unabhängigen Raffinerien konnten so ihr Diesel und Benzin günstiger anbieten als staatliche Unternehmen in China. Weil nun die Sanktionen auf russisches und iranisches Erdöl temporär gelockert wurden, sind die Preise dafür gestiegen.
Gleichzeitig begrenzt die chinesische Regierung die Verkaufspreise für Diesel und Benzin. Xu sagt: «Gemäss unseren Berechnungen machen die Teapot-Raffinerien seit etwa zwei Wochen Verluste.»
Unsichere Zukunft
Der Fahrer, der auf seinen nächsten Auftrag wartet, rechnet mit bis zu zwei Tagen Wartezeit. Für die Tausenden Arbeiter in der Region sieht es düster aus. Der Krieg hat das Geschäftsmodell der Teapot-Raffinerien ins Wanken gebracht.