Das Video-Interview mit Salim Oweis hat eben erst begonnen, da bricht die Internetverbindung ab. Mehrere Minuten lang. Dann erscheint der junge Jordanier wieder am Bildschirm. Instabile Internetverbindungen gehören im Gazastreifen zum Alltag.
Oweis macht beim Kinderhilfswerk vor allem Notfall-Kommunikation. Er befindet sich gerade in Gaza Stadt, im sechsten Stock eines der wenigen Hochhäuser, das dort noch steht. Durchs Fenster hinter ihm sieht man Ruinen, so weit das Auge reicht: zerstörte Wohngebäude, Geschäfte, Strassen und Schulen. «98 Prozent der Schulen sind beschädigt, 93 Prozent so schwer, dass man sie neu aufbauen müsste», sagt Oweis.
Die weitgehende Zerstörung aller Schulen und Universitäten bedeute für die Bevölkerung den Verlust ihrer Zukunft. «Hier in Gaza sagen mir die Eltern, dass ihre grösste Sorge – neben der Sicherheit – die Schulbildung ihrer Kinder sei. Wenn ihre Kinder lernen können, schöpfen sie Hoffnung.»
Der Schriftsteller Akram Surani lebt in Gaza Stadt und hat eine schulpflichtige Tochter und einen 18-jährigen Sohn. Für SRF hat er Orte in Gaza Stadt besucht, die jetzt – nicht nur seinen Kindern – als Schulen dienen. Weil es noch immer zu gefährlich sei, im Gazastreifen unterwegs zu sein, habe er auch Freunde gebeten, ihm Bilder der Schulen seiner Kinder zu schicken. Einige «Schulen» haben selbst Bilder gepostet. «Viele Kinder lernen in Zelten, oder in Häusern, die von den Bomben nicht komplett zerstört wurden. Sie müssen am Boden sitzen, weil es keine Stühle oder Pulte gibt. Sie beugen sich über Steine oder andere Gegenstände, die als Schreibflächen dienen,» sagt der Schriftsteller.
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Bild 1 von 4. Überreste aus den Trümmern dienen Schülerinnen und Schülern als Pult. Bildquelle: ZVG/Akram Surani.
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Bild 2 von 4. Für einige findet der Unterricht im Zelt statt – nicht alle Zelte können Tische bereitstellen. Bildquelle: ZVG/Akram Surani.
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Bild 3 von 4. Trotz de Umstände gehen die Kinder und Jugendlichen gern zur Schule. Bildquelle: ZVG/Akram Surani.
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Bild 4 von 4. Einige werden in einem Klassenzimmer unterrichtet. Die Räume zeugen vom Krieg – Wände und Fenster sind beschädigt. Bildquelle: ZVG/Akram Surani.
Er schickt Bilder von Kindern, die auf einer Decke im Sand sitzen, in einem Zelt, und einer Lehrerin zuhören. Andere haben aus Kisten Pulte gemacht, die sich jeweils mehrere Kinder teilen müssen.
Drohnen: die lauernde Gefahr
Auf seinem Rundgang, den Akram Surani mit Sprachnachrichten, Bildern und Videos dokumentiert, begleitet ihn ein lautes Geräusch, wie ein Brummen. «Das ist die nervige Symphonie, die Melodie, mit der die Kinder morgens aufwachen und abends schlafen gehen, und die ihnen die Konzentration raubt: die israelischen Drohnen, die Gaza ständig überfliegen. Sie versetzen die Schulkinder in Dauerangst.»
Die Kinder wüssten nie, ob sie nach dem Unterricht wieder sicher nach Hause gelangen würden oder ob die Drohnen das, was von ihrem Daheim übrig geblieben sei, beschiessen würden, während sie in der Schule seien, sagt Surani. Oft erlebten die Kinder Angriffe auf ihrem Schulweg oder in der Nähe ihres behelfsmässigen Klassenzimmers. Auch Salim Oweis vom Kinderhilfswerk UNICEF bestätigt die prekäre Sicherheitslage. Umso wichtiger sei es, dass Kinder eine Art Schulalltag hätten. «Nur schon die Gelegenheit, miteinander zu spielen, zu lernen und zu reden, hilft den Kindern: Nach zweieinhalb Jahren Krieg und Gewalt sind sie psychisch stark angeschlagen.»
Lange Schulwege für Kinder und Lehrpersonal
UNICEF hat für 135'000 Kinder und Jugendliche im Gazastreifen Schulplätze geschaffen. Mehr als eine weitere halbe Million Kinder ist auf private Initiativen angewiesen: wo immer möglich sorgten Eltern und Lehrpersonal dafür, dass Kinder irgendwie unterrichtet werden, sagt der Schriftsteller Akram Surani.
Es gebe fünf Kategorien von Schulkindern: solche, die in Zelten lernten, andere in beschädigten aber noch nutzbaren Gebäuden. Dann gebe es verschiedene Kategorien von Privatschulen, die für die meisten jedoch unerschwinglich seien. Es gebe Kinder und Jugendliche, die online lernten. Doch das Internet im Gazastreifen ist langsam und fällt häufig aus, zudem sind Computer Mangelware, wie alles andere auch. Und schliesslich gebe es Kinder, die seit bald drei Jahren gar nicht mehr zur Schule gegangen seien: Kinder, die ihren Eltern helfen müssten, ein Einkommen zu generieren und in den Strassen arbeiteten.
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Bild 1 von 4. Vor dem Krieg gab es über 800 Schulen, im Gazastreifen war das Bildungsniveau hoch. Bildquelle: ZVG/Akram Surani.
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Bild 2 von 4. Die Schulbildung in den palästinensischen Gebieten stützt sich auf internationale Hilfe. Bildquelle: ZVG/Akram Surani.
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Bild 3 von 4. Unicef hat für einen Fünftel der Schulkinder in Gaza Unterrichtsmöglichkeiten geschaffen. Bildquelle: ZVG/Akram Surani.
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Bild 4 von 4. Der Schulweg ist für viele lang und gefährlich: Strassen sind zerstört, Schulbusse gibt es keine und noch immer überfliegen Drohnen das Gebiet. Bildquelle: ZVG/Akram Surani.
Selbst dort, wo Kinder zur Schule gehen könnten: Ein Schulalltag sei das nicht. Nach einem so langen Krieg könnten die meisten Kinder nicht mehr stillsitzen oder sich an Termine halten. «Im Gazastreifen gibt es keine normale Vorstellung von Zeit, keine Schulstruktur wie anderswo. Es gibt Kinder, die morgens pünktlich in der Schule sind, andere kommen nachmittags oder abends. Weil es keine Strassen und Schulbusse gibt, weil noch immer Kämpfe stattfinden, weil es Kinder gibt, die nichts zu essen finden und deshalb auch nicht lernen können.»
Salim Oweis, der Sprecher von UNICEF, der zurzeit in Gaza Stadt weilt, ergänzt: Kinder und Lehrpersonal müssten teilweise eine Stunde zu Fuss zurücklegen bis zur nächsten Schule. Es fehle auch an Bleistiften, Kugelschreibern und Schulheften: Erst seit Januar erlaube die israelische Regierung Hilfsorganisationen wieder, solches Material überhaupt in den Gazastreifen zu bringen.
Schulbildung – der einzige Hoffnungsschimmer
Trotz der desolaten Situation im kriegsversehrten Gazastreifen stellt UNICEF-Sprecher Salim Oweis bei den Kindern eine hohe Lernmotivation fest. «Wenn ich «Schulen» besuche, zeigen mir Kinder stolz, was sie gelernt haben: Sie lesen mir einen englischen oder arabischen Text vor, die Kleineren zeigen mir, dass sie die Uhrzeit kennen.»
Lehrerinnen erzählten ihm, dass Kinder den Unterricht manchmal verlassen müssten, um Wasser zu holen. Aber während Kinder anderswo eine solche Gelegenheit nutzen würden, um dem Unterricht möglichst lange fernzubleiben, kämen die Kinder in Gaza zurück. «Ihre Freude am Schulunterricht ist sehr beeindruckend,» sagt Oweis.
Der Schriftsteller Akram Surani beschreibt es so: «Nichts ist stabil hier. Zwei Millionen Menschen leben hier mit einem ganzen Mosaik von Krisen: Gewalt, Armut, Hunger, Zerstörung. Der Gazastreifen ist wie eine grosse psychiatrische Klinik. Wir leben von einem Tag zum anderen. Jeden Tag versuchen wir bis zum Abend zu überleben. Und wenn die Sonne am nächsten Tag wieder aufgeht, beginnt ein neuer Tag des Leidens, und der Suche nach einem neuen Leben, einer Zukunft.» Für die Bevölkerung von Gaza beginnt die Zukunft mit den Schulen.