«Mamá!», ruft die vierjährige Alicia und springt ihrer Mutter in die Arme. Der Tag in der Kita ist vorbei. Mutter Aida hat ihre Tochter noch nicht einmal richtig begrüsst, als die Kinderbetreuerin mit Nachrichten kommt: «Wir haben keinen Reis mehr.» Bis das nächste Boot nach Kuba komme, gebe es wieder mal keinen Reis. Zum Mittagessen gebe es ab jetzt nur noch Wurst und Hackfleisch und Eier, erklärt die Kita-Betreuerin.
Alicias Kita ist eine staatliche Kita, ein «círculo infantil», wie es in Kuba heisst. Eltern, die wie Aida in einem Staatsbetrieb arbeiten, können ihre Kinder hier betreuen lassen, für einen symbolischen Betrag von umgerechnet rund drei Franken im Jahr, Essen inklusive. Theoretisch.
In der Praxis ist es aber ganz anders. «Wenn es keinen Reis in der Kita hat, dann bringt ihn irgendein Elternteil. Aber das müssen wir im Geheimen tun», erklärt Aida. Die Gemeinde dürfe es nicht erfahren, sonst schliesse sie die Kita. So ist das oft in Kuba. Der Sozialismus ist nur noch Fassade. Aber eine, die gegen aussen hin aufrechterhalten werden muss.
Im Gang in der Kita in der kubanischen Hauptstadt Havanna thronen gross die Helden der kubanischen Revolution. Die vierjährige Alicia weiss bereits genau, wer die Herren an der Wand sind. «Das ist Fidel Castro Ruz!», ruft die Kleine.
Der Mann, der vor 67 Jahren in Kuba die Revolution anführte. Auch wenn Fidel Castro bereits seit zehn Jahren tot ist, ist er in Kuba nach wie vor omnipräsent. Besonders in diesem Jahr, dem Jahr seines 100. Geburtstags.
Kritik ist nur anonym möglich
Aida und Alicia sind nicht die richtigen Namen der beiden. Wer es in Kuba wagt, das Regime zu kritisieren, kann ins Gefängnis gesteckt werden. Darum sprechen die meisten Menschen nur anonym mit Journalistinnen und Journalisten.
«Der Sozialismus und der Kommunismus sollten verboten werden», findet Aida zu Hause in ihrer Wohnung. Kubas Infrastruktur liegt seit Jahren am Boden. Es gibt kaum Strom, es wird kaum etwas produziert im Land, es fehlt an Lebensmitteln, Benzin, Medikamenten, alles ist wahnsinnig teuer.
Seit die USA Kuba Anfang des Jahres praktisch von jeglicher Treibstoffversorgung abgeschnitten haben, hat sich die Situation nochmals deutlich verschlechtert. Daran wird auch der russische Öltanker, der diese Woche in Kuba angekommen ist, nichts ändern. Es ist die erste Öllieferung, die Kuba seit drei Monaten erhalten hat.
Wie die meisten Menschen in Kuba arbeitet auch die 44-jährige Aida beim Staat. Dafür bezahlt der sozialistische Staat einen Lohn, der bei Weitem nicht zum Leben reicht. In Aidas Fall sind es gut 24 Franken im Monat. Ein Sack Milchpulver für ihre Tochter allein kostet schon fünf Franken.
Als Staatsangestellte muss Aida an den Märschen des Regimes teilnehmen. Zum Beispiel am ersten Mai. Sie schaue dann jeweils im Fernsehen die Übertragung des Marsches und drehe die Lautstärke voll auf. «Dann rufe ich jeweils einen Arbeitskollegen an und brülle: ‹Wo bist du, ich sehe dich nicht!› und hänge dann auf. Und bleibe zu Hause.» Das ist ihre Art des Widerstands gegen das Regime.
Gesundheitswesen in kritischem Zustand
Ein Spital im Stadtteil Habana Vieja. An einigen Stellen an den Wänden leuchtet grüner Schimmel, es sind kaum Patientinnen und Patienten da. Eine Röntgenmaschine steht in der Ecke. «Sie ist nicht mehr in Betrieb. Wir haben keine Ersatzteile, um sie zu reparieren», sagt der Mann, den wir hier Fernando nennen.
Auch er möchte nicht mit richtigem Namen auftreten, zu hoch das Risiko, dass er seinen Job verliert. Und den braucht er unbedingt.
Fernando arbeitet seit 39 Jahren als Röntgentechniker in Kubas Spitälern. Solange die Sowjetunion Kuba subventionierte, verfügte das Land über ein Gesundheitswesen, das andere Länder des Südens übertraf. Es war besser zugänglich und von besserer Qualität. Kuba exportiert bis heute Ärztinnen und Ärzte, um andere Länder zu unterstützen.
Doch auf der Insel selbst ist das Gesundheitswesen seit Jahren in einem äusserst kritischen Zustand. Vieles ist in Kuba veraltet und schlecht instand gehalten. Die medizinischen Geräte, die Strominfrastruktur, die Häuser. Zum Teil wegen der jahrzehntelangen Wirtschaftsblockade der USA, zum Teil, weil der sozialistische Staat nicht darin investiert.
Kein Job, kein Zuhause
Röntgentechniker Fernando ist bereits 66 Jahre alt. Eigentlich schon pensioniert. «Aber ich kann mich nicht pensionieren lassen», sagt der Mann im weissen Kittel. «Mein Haus ist teilweise eingestürzt. Die Behörde, die vorgibt, für Sanierungen zuständig zu sein, wird aber nur aktiv, wenn du Geld hast. Das habe ich nicht.»
Darum wohne er im Spital. Sein Chef lasse es zu, dass er abends eine Matratze in den Pausenraum lege.
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Bild 1 von 4. Havanna sieht vielerorts aus wie nach einem Krieg. Bildquelle: SRF/Anna Lemmenmeier.
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Bild 2 von 4. Das Bild der Hauptstadt ist geprägt von ... Bildquelle: SRF/Anna Lemmenmeier.
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Bild 3 von 4. leer stehenden und ... Bildquelle: SRF/Anna Lemmenmeier.
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Bild 4 von 4. zerfallenden Häusern. Bildquelle: SRF/Anna Lemmenmeier.
Mit einem eingestürzten Zuhause ist Fernando nicht der einzige. Das Bild von Havanna ist geprägt durch zerfallende Häuser. Die Hauptstadt Kubas, einst die Perle der Karibik genannt, ist eine Pracht, eine architektonische Schönheit reiht sich an die nächste: Barock, Art déco oder Moderne.
Doch der Regierung fehlt das Geld für die Instandhaltung der Metropole. Oft wirkt Havanna wie eine Stadt nach einem Krieg. Nur, dass es keinen bewaffneten Krieg in Havanna gab. Nur einen psychologischen gegen die eigene Bevölkerung.
Das hat Boris González Arenas am eigenen Leib erfahren. Er ist der Einzige, der in dieser Reportage mit richtigem Namen erscheint. Der Aktivist ist der Regierung ohnehin bekannt. Ich treffe ihn an einem Tag, nachdem er eigentlich in die USA hätte reisen wollen, an eine Tagung.
«Doch am Flughafen liessen sie mich nicht ausreisen.» Nicht zum ersten Mal. Und Boris González Arenas ist nicht der Einzige, der von diesen Schikanen betroffen ist.
Exodus der Jugend
Überhaupt kehren immer mehr Kubanerinnen und Kubaner der Insel den Rücken. Schätzungen zufolge haben allein in den letzten fünf Jahren 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung Kuba verlassen. Ein massiver Exodus. Vor allem junge Menschen sind gegangen.
«Meine gesamte Familie hat das Land verlassen», sagt die 83-Jährige, die wir hier María nennen. Das sei schmerzhaft für sie, aber sie verstehe es. «Meine Kinder sind nicht einverstanden mit dem System hier», auch wenn sie versucht habe, ihre Kinder nach den revolutionären Prinzipien zu erziehen. María ist Mitglied der Kommunistischen Partei Kubas. Sie gehört zur Generation, die die Zeit vor der Revolution erlebt hat.
Vor der Revolution hat María in einer Zuckerfabrik gelebt, die den Amerikanern gehörte. 1943 ist María dort, im Osten Kubas, zur Welt gekommen. Damals war Kuba der grösste Zuckerexporteur der Welt. Ihr Vater sowie ihre Grosseltern arbeiteten in der Zuckerfabrik.
Dann kam 1959 die Revolution. Fidel Castro stürzte den Diktator Fulgencio Batista. «Das war eine schöne Zeit. Das revolutionäre Auflehnen…», sagt María schwärmerisch.
María und ihr Mann widmeten ihr Leben der Revolution, der Kommunistischen Partei Kubas. María ist überzeugt, dass sie von der Revolution profitiert hätten. «Wir hatten dank der Revolution besseren Zugang zu Bildung. Und meine Kinder konnten sogar studieren.»
Heute, 67 Jahre nach dem, wie es das Regime nennt, «Triumph der Revolution», sitzt María im Schaukelstuhl in ihrer Wohnung im dritten Stock mit Blick auf das Meer in Vedado, einem guten Quartier in Havanna.
María blickt auch mit Schmerz zurück. «Um die Aufgaben der Revolution zu erfüllen, hatte ich wenig Zeit für meine Kinder, wir haben immer gearbeitet», sagt sie mit Wehmut. Denn heute sind die Kinder weg. Und deren Kinder auch. Zurückgeblieben ist die Generation von María.
Viele enttäuscht, dass die Revolution nicht gebracht hat, was sie sich davon versprochen hatten. Viele allein, getrennt von ihrer Familie. Und finanziell abhängig von ihren Verwandten im Ausland, weil die Rente des sozialistischen Staates bei weitem nicht zum Leben reicht.