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Peter Achten: «Früher oder später wird sich China mit seiner Geschichte befassen müssen»
Aus SRF 4 News aktuell vom 06.06.2020.
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Tiananmen-Massaker «Gewalt – überall, wo man hinblickte»

Vor 31 Jahren, am 3. und 4. Juni 1989, setzte die chinesische Regierung die Armee gegen friedlich Protestierende verschiedenster Gruppen auf dem Tiananmenplatz in Peking ein – nach wochenlangen friedlichen Protesten. Es kam zu einem Massaker. Dieses wird in China bis heute totgeschwiegen, wie der damalige Korrespondent, Peter Achten, sagt.

Peter Achten

Peter Achten

Früherer China-Korrespondent von SRF

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Peter Achten war zehn Jahre lang Moderator und Produzent der SRF-Tagesschau. Als Auslandskorrespondent war er für Radio und Fernsehen vor allem in Asien (Peking, Hanoi, Hongkong) tätig. Heute lebt er in Asien und der Schweiz und arbeitet für in- und ausländische Medien.

SRF News: Wie haben Sie die Nacht vom 3. auf den 4. Juni 1989 verbracht?

Peter Achten: Ich habe sie an der Nordostecke des Platzes verbracht – in einem Gebüsch. Ich war privilegiert, weil ich schon damals ein Handy hatte und direkt berichten konnte. Es waren vielleicht zweihundert Meter bis zum Platz. Nur noch wenige Studenten waren da. Sie konnten mit der Armee einen friedlichen Abzug aushandeln. Auf dem Platz selbst ist in jener Nacht niemand gestorben.

Trotzdem haben viele Menschen damals ihr Leben verloren. Was haben Sie davon mitbekommen?

Der Armeeeinsatz damals war sehr hart. Die Soldaten hatten einen Schiessbefehl und machten überall in Peking davon Gebrauch. Ich habe am nächsten Tag einen Panzer gesehen, der einen Demonstranten überfahren und platt gedrückt hat. Andererseits habe ich auch gesehen, wie Demonstranten zwei Männer, die in einem Lastwagen waren und nicht weiterfahren konnten, rausgeholt und auf die nächste Fussgängerbrücke gebracht haben. Dort haben sie die Männer angezündet und nach ungefähr einer Minute aufgeknüpft. Es war schrecklich. Gewalt, überall wo man hinblickte. Aber die Gewalt der Armee ist nicht zu vergleichen mit der Gewalt der Demonstranten.

Es war schrecklich. Gewalt, überall wo man hinblickte.

Es war das Ende einer Protestbewegung, die ein Schulterschluss zwischen Studenten, Arbeitern und sogar Beamten war. Wie haben Sie das wahrgenommen?

Die sieben Wochen vor dem Armeeeinsatz waren eine herrliche Zeit. Es gab keine Polizei mehr. Es war die absolute Anarchie, aber sehr geordnet. Beispielsweise hat die Müllabfuhr gut funktioniert. Die Demonstranten waren darum besorgt, dass alles friedlich zu und herging. Es war eine aufgestellte, sehr schöne Stimmung.

Weshalb sind die Leute damals auf die Strasse gegangen?

Der Ausgangspunkt war die überhitzte Wirtschaft mit grosser Inflation. Das war auch der Grund, warum die Studenten sofort Zulauf von Arbeitern, Beamten und auch von der kommunistischen Partei bekamen.

Die Menschen kamen nicht wie bei uns individuell zu Demonstrationen, sondern immer in Gruppen mit grossen Fahnen. Da stand dann beispielsweise das Aussenministerium, dieses Büro der Stadtverwaltung, jene Fabrik und so weiter. Das war ein grosses Ereignis, nicht nur in Peking. Überall in China gab es Demonstrationen.

Bis heute gibt es nur Schätzungen über die Zahl der Opfer. Warum ist die chinesische Regierung bei diesem Thema bis heute nicht transparent?

Das ganze Geschehen rund um die Proteste auf dem Tiananmenplatz von 1989 ist ein absolutes Tabu in China. Die jüngeren Chinesen, die Dreissigjährigen, wissen nicht, was damals passiert ist. Wie viele umgekommen sind, weiss man nicht. Ein Delegierter des Roten Kreuzes kam bei seiner Schätzung auf ungefähr tausend Todesopfer.

Die jüngeren Chinesen, die Dreissigjährigen, die wissen nicht, was damals passiert ist.

Junge Chinesen wissen nichts von den damaligen Ereignissen. Ist das Kalkül der chinesischen Regierung damit aufgegangen?

Der massive Einsatz der Armee war bis zu einem gewissen Punkt berechtigt, denn eine erfolgreiche Wirtschaft kann man nicht im Chaos hochfahren. Andererseits war es wirklich ein Massaker. Aber jedes Land – auch China – wird sich irgendwann kritisch mit seiner Geschichte auseinandersetzen müssen. Ich denke, das wird eher früher als später der Fall sein.

Das Gespräch führte Janis Fahrländer.

Video
Aus dem Archiv: Proteste gegen das Vergessen in Hongkong
Aus Tagesschau vom 04.06.2019.
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SRF 4 News, 04.06.2020; 06:16 Uhr; ;

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6 Kommentare

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  • Kommentar von Daniel Meier  (Danimeier)
    Soweit ich mich entsinnen kann klebt an den Händen der westlichen Staaten das Blut von Millionen von Menschen. Wir waren Schauplatz zweier Weltkriege, haben A-Bomben gegen eine Bevölkerung eingesetz, Sanktionieren, führen Angriffskriege und das zum Wohl der Menschheit oder wie? Was denkt Ihr wie wohl die restlichen Staaten über uns denken?
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    1. Antwort von Udo Gerschler  (UG)
      Sie denken hoffentlich bekomme ich Asyl..
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  • Kommentar von Qing Xu  (Qing Xu)
    Die meisten Chinesen (auch die Junge) kennen den 1989 Tiananmen, aber nicht viel.
    China: ein Aufstand, um unser Land zu stürzen.
    Westliche Länder: ein Massaker an pro-democracy Menschen.
    Aber keine Dichotomie, selbst die Führer der CCP haben unterschiedliche Vorstellungen davon. Egal was die Wahrheit ist, die meisten Menschen glauben, dass es falsch ist, Bewohner zu erschießen. Alle verurteilen China, aber keiner zeigte Sympathie für die Toten.
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    1. Antwort von Delmar Lose  (DeLo)
      Sicher zeigen wir symphaty für die Toten die das skrupelose Regime auf dem Gewissen hat.
      Es war kein Aufstand um China zu stürzen sondern um es zu befreien! Das die meisten Chinesen in China anders denken ist klar den sie sind von Jahrelanger probaganda infiltriert.
      Ich glaube nicht das der Weg des "Westens" der richtige ist aber auch ganz bestimmt nicht derjenige Chinas. Sollte bei all der Unterdrückung eigentlich jedem auffallen!
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  • Kommentar von Reto Blatter  (against mainstream)
    Nun kann man gespannt auf die weltweiten Solidaritätskundgebungen für die tausend Opfer dieser Staatsgewalt warten.
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