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Trotz Rückgang der Ankünfte Flucht übers Mittelmeer ist dieses Jahr besonders tödlich

Beim Versuch, übers Mittelmeer nach Europa zu fliehen, sind in den ersten Monaten 2026 so viele Menschen gestorben wie lange nicht mehr.

Vor der griechischen Insel Kreta endete eine Überfahrt für mindestens 22 Migrantinnen und Migranten tödlich. Nach Angaben Überlebender war ihr Boot zwischen der libyschen Hafenstadt Tobruk und Kreta manövrierunfähig geworden und tagelang auf See getrieben. Unter schlechten Wetterbedingungen und ohne ausreichende Versorgung verdursteten Menschen an Bord.

Der Fall steht nicht für eine Ausnahme, sondern für ein Muster, das sich seit Monaten abzeichnet: Das Mittelmeer bleibt eine der gefährlichsten Fluchtrouten der Welt – trotz sinkender Ankunftszahlen in Europa.

Zahl der Ankünfte in Europa sinkt

Weniger Ankünfte, weniger registrierte Überfahrten – auf den ersten Blick scheinen die stärkeren Restriktionen in der europäischen Migrationspolitik Wirkung zu zeigen. Seit dem Jahr 2023 zeigt sich ein deutlicher Rückgang der Ankünfte in Europa.

Doch während insgesamt weniger Menschen das Mittelmeer überqueren, hat sich der Fluchtweg selbst verändert und ist für viele noch gefährlicher geworden.

Bootsunglücke werden häufiger

Seit 2023 erreichten immer weniger Menschen pro Jahr die Grenzen Europas. Auffällig ist jedoch die vergleichsweise hohe Zahl der Toten und Vermissten in den ersten drei Monaten dieses Jahres. Hauptursache der Todesfälle sind Bootsunglücke im Mittelmeer.

Migrationsforscherin Judith Kohlenberger erklärt die hohe Zahl der Todesopfer unter anderem mit den zunehmenden Restriktionen der europäischen Migrationspolitik. Diese würden nicht dazu führen, dass weniger Menschen fliehen, sondern dass Fluchtwege gefährlicher werden. Schlepper seien zunehmend gezwungen, Überfahrten auch unter schlechten Wetter- und Seebedingungen zu organisieren. Dies führt zu einem steigenden Risiko von Schiffsbrüchen und tödlichen Unglücken.

Zentrales Mittelmeer als Hauptachse

Die Route über das Mittelmeer von Libyen oder Tunesien nach Italien ist derzeit der mit Abstand am stärksten genutzte Fluchtweg nach Europa. Das habe mehrere Gründe, erklärt Kohlenberger: «Herkunftsländer südlich der Sahara spielen eine immer grössere Rolle, während andere Fluchtbewegungen, etwa aus Syrien, an Bedeutung verloren haben.»

Gleichzeitig sei die Balkanroute durch den verstärkten EU‑Grenzschutz zunehmend schwer passierbar und damit für viele Schutzsuchende keine realistische Option mehr. Immer mehr Menschen weichen deshalb trotz des hohen Risikos auf die Route über das zentrale Mittelmeer aus.

Europa vor Grundsatzfrage

Auch der Blick nach vorn gibt wenig Anlass zur Entwarnung. Migrationsforscherin Judith Kohlenberger rechnet angesichts weltweit zunehmender Krisen und autoritärer Entwicklungen mit weiter steigendem Migrationsdruck. Das Recht auf Asyl bleibe bestehen, während legale und sichere Wege nach Europa rarer würden.

Vogelperspektive von überfülltem Boot auf offenem Meer.
Legende: Weil sichere und legale Wege nach Europa fehlen, wagen viele Menschen die risikoreiche Überfahrt in oft kaum seetauglichen Booten. (Symboldbild) Keystone / JOAN MATEU PARRA

So seien Schlepper für viele Menschen die einzige Option. Die Zahl der Todesopfer auf den Fluchtrouten dürfte weiter steigen. Europa stehe damit vor einer grundsätzlichen Frage – wie es künftig mit einer Realität umgehen will, in der Abschottung zwar Ankünfte reduziert, nicht aber das Sterben beendet.

SRF 4 News, 29.3.2026, 14:30 Uhr ; 

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