Die russische Zivilbevölkerung bekommt die Folgen der ukrainischen Offensive auf russische Ölraffinerien zu spüren. An Tankstellen bilden sich lange Schlangen. Der SRF-Russland-Korrespondent Calum MacKenzie ordnet ein.
Wie knapp ist Benzin derzeit in Russland?
Wegen der Knappheit sind die Preise des wichtigsten Benzintyps um über 50 Prozent gestiegen. In einigen Regionen Sibiriens und des Fernen Ostens sind Tankstellen geschlossen, bei anderen gibt es lange Schlangen vor den Zapfhähnen. Es gibt bereits Berichte von Spekulanten, die Benzin auf dem Schwarzmarkt verkaufen. In Moskau ist die Lage entspannter, aber auch hier ist der Preisanstieg deutlich zu spüren.
Was hat die Ukraine damit zu tun?
Die Ukraine hat ihre Drohnenangriffe auf russische Raffinerien in den letzten Wochen verstärkt. Laut Fachleuten ist es ihr damit gelungen, etwa 17 Prozent der russischen Benzinproduktion zu stören oder zu stoppen. Solche Angriffe auf Raffinerien gibt es schon länger, aber die ukrainische Armee verfügt jetzt offenbar über genügend Drohnen, um wiederholte Angriffe zu fliegen und so erst gerade reparierte Anlagen wieder ausser Gefecht zu setzen. Die ukrainischen Drohnen gelangen jetzt auch verlässlicher bis in entfernte Gebiete, wie etwa zu den wichtigen russischen Ölraffinerien an der Wolga.
Hat Russland nicht genügend Erdöl und Benzin?
Russland fördert viel Erdöl, aber verarbeitet wird es vor allem für den Exportmarkt. Bei der Produktion der Benzintypen, die in Russland gebraucht werden, ist der Überschuss nur klein. Dazu kommen andere Faktoren, die die Lage neben den ukrainischen Angriffen erschweren: August ist Ferien- und Erntezeit, Benzin wird für Generatoren, Motorsägen und Familienwagen gebraucht. In diesem Jahr sind mehr Leute mit dem Auto in den Urlaub gefahren, weil russische Flughäfen wegen ukrainischer Drohnen mehrmals vorübergehend geschlossen wurden. Zudem haben weniger Händler Benzinreserven angelegt, weil der hohe Leitzins der russischen Zentralbank die nötigen Kredite verteuert. Auch das hat mit dem Krieg zu tun.
Wie reagiert der Kreml?
Bereits vor den jüngsten Drohnenangriffen hatte der Kreml ein Exportverbot für Benzin verhängt. Diese Woche wurde das Verbot bis in den Herbst verlängert. Betroffene Regionen und solche, die auf das Benzin aus diesen Regionen angewiesen waren, müssen nun mit Treibstoff aus entfernteren Teilen des Landes versorgt werden. Das wird dadurch erschwert, dass die Ukraine auch die russische Gütereisenbahn mit Drohnen beschiesst.
Wie beeinflusst das den Krieg?
Vorerst nur indirekt. Die Konsumentinnen und Konsumenten trifft der Preisanstieg hart, aber der Ärger schlägt aktuell nicht in Kritik gegen den Kreml um. Die russische Kriegsführung ist von der Benzinknappheit kaum betroffen, weil Panzer, Truppentransporter und Industriefahrzeuge meist mit Diesel betrieben werden, den Russland im grossen Überschuss produziert. Doch wird Benzin teurer, werden Logistik und Pendeln teurer, was letztlich überall in der Wirtschaft zu höheren Kosten führt. Die Strategie der Ukraine dürfte es sein, die durch Krieg und Sanktionen ohnehin stark belastete russische Wirtschaft mit noch einem Problem unter Druck zu setzen.