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Community-Fragen Ukraine: Die wichtigsten Antworten zu vier Jahren Krieg

Die SRF-Korrespondentinnen und -Korrespondenten Judith Huber, Sebastian Ramspeck, Calum MacKenzie und David Nauer beantworten die fünf wichtigsten Community-Fragen zu vier Jahren Krieg in der Ukraine.

Könnte die Ukraine bald überrannt werden?

Judith Huber: Zurzeit sieht es nicht danach aus. Die Ukrainer schaffen es, die Front zu halten, obwohl unter Trump die Waffen- und Finanzhilfe 2025 praktisch auf null gefallen ist. Ein Dammbruch ist wohl erst realistisch, wenn auch aus Europa kaum mehr Geld und Waffen eintreffen.

Russland hat aber sozusagen mit der Eskalation der Luftangriffe gegen die Zivilbevölkerung und Infrastruktur eine zweite Front eröffnet. Die Ukraine verfügt kaum mehr über Flugabwehrsysteme, die ballistische Raketen abfangen können. Aus Kiewer Sicht braucht man nicht nur mehr westliche Hilfe, sondern auch die Erlaubnis, mit weitreichenden Waffen westlicher Produktion die Produktionsstätten der Russen angreifen zu dürfen.

Ist Europa an einer Weiterführung des Kriegs interessiert, da russische Truppen verschleisst werden?

Sebastian Ramspeck: Nein. Natürlich kann man zum Schluss kommen, dass es für Europas Sicherheit gut ist, wenn Russland militärisch weiter geschwächt wird. Aber aus europäischer Sicht gibt es viel mehr Gründe, die gegen den Krieg sprechen. Dieser hat zum Beispiel die Energie- und andere Preise erhöht.

Wie Russland neue Soldaten gewinnt

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Calum MacKenzie: «Momentan rekrutiert Russland etwa 35'000 neue Soldaten pro Monat. Vor allem dank hoher Löhne und Boni. Diese Gelder müssen die Regionalbehörden vor allem aus dem eigenen Budget beitragen. In den letzten Monaten sind viele Regionen deswegen stark an ihre finanziellen Grenzen gekommen.

Trotzdem: In Russland gibt es eine begrenzte Anzahl Männer, die bereit sind, für Geld ihr Leben zu riskieren. Auch darum rekrutiert Russland viele Soldaten aus dem Ausland. Das ist kein langfristig erfolgreiches Modell.»

Eine weitere Folge sind die Millionen Flüchtlinge. Und die Debatte über den Krieg verschärft die innenpolitischen Spannungen in vielen europäischen Ländern

Was haben diplomatische Bemühungen bis dato gebracht?

Judith Huber: Auf der technisch-militärischen Seite gibt es inzwischen konkrete Absprachen, etwa wie die Überwachung eines allfälligen Waffenstillstands aussehen soll.

Auf politischer Ebene gibt es keine Fortschritte. Russland beharrt auf seinen Maximalforderungen. Die Ukraine demonstriert Bereitschaft, Kompromisse zu machen, kann aber bei Kernpunkten wie etwa der Abtretung des Donbass nicht einwilligen.

Kommt dieses Jahr der Frieden oder stehen wir vor dem Dritten Weltkrieg?

Sebastian Ramspeck: Mein Bauchgefühl sagt, dass es 2026 mit 40-prozentiger Wahrscheinlichkeit zu einem Ende der Kampfhandlungen kommt. Mit 60-prozentiger Wahrscheinlichkeit geht der Krieg weiter, weil Russland an der vollständigen Eroberung der Ukraine festhält.

Einen Dritten Weltkrieg halte ich in nächster Zeit für unwahrscheinlich, weil die USA und China eigentlich kein Interesse daran haben.

Möglich ist aber, dass der Ukraine- oder ein anderer Krieg eskaliert und die Grossmächte in einen weltumspannenden Krieg hineinschlittern.

Ist Russland wirklich eine Gefahr für Europa?

Calum MacKenzie: Russland muss als Gefahr wahrgenommen werden, nicht weil es viel stärker ist, sondern weil es Regeln bricht oder drastische, wenig durchdachte Massnahmen ergreift, auch wenn sie nicht in seinem Interesse sind.

Aktuelle Wirtschafts- und Stimmungslage in Russland

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Calum MacKenzie: «Russland gibt fast 9 Prozent des BIP für den Krieg aus, etwa 40 Prozent des Staatshaushalts. Der Rüstungsindustrie geht es gut, weil sie absolute Priorität hat. Das hat aber für ein markantes Ungleichgewicht in der Wirtschaft gesorgt. Die Rüstung boomt, die Volkswirtschaft schlittert in eine Rezession. 

Viele Leute in Russland reden über die Teuerung. Gleichzeitig reden sie nicht über den Krieg. Das hat damit zu tun, dass sie glauben, keinen Einfluss auf die Politik des Landes zu haben, was weitgehend auch stimmt. Der Wirtschaft geht es immer schlechter, aber deswegen würde ich noch keine Proteste gegen den Kreml erwarten.»

David Nauer: «Bei den Sanktionen hat Russland Wege gefunden, diese zu umgehen. So verkauft es zwar kaum mehr Öl und Gas nach Europa, stattdessen liefert es nach China oder Indien.

Russland darf auch viele hochtechnologischen Güter nicht mehr im Westen kaufen und besorgt sich diese nun in Asien.»

Deswegen warnen viele vor einem russischen Angriff auf Europa. Trotzdem wagt Putin in der Regel nur solche drastischen Schritte, wenn er sich davon einen Sieg verspricht. Auch ihm dürfte bewusst sein, dass in einem Atomkrieg keiner gewinnt.

10v10, 23.2.26, 21:50 Uhr ; 

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