Der französische Präsident Emmanuel Macron nimmt inzwischen kein Blatt mehr vor den Mund. Angesichts der enormen russischen Aufrüstung wäre es naiv zu glauben, Moskau lasse es bei seinen Eroberungsabsichten mit der Ukraine bewenden. Nein, Russland sei für Frankreich und für Europa zur Gefahr geworden.
Blaise Metreweli, die Chefin des britischen Auslandgeheimdienstes MI6, spricht bei einem ihrer raren öffentlichen Auftritte von einer Bedrohung der Ukraine und der Nato durch ein aggressives Russland.
Drohungen aus Moskau
Die beiden sind nicht allein. Ähnlich alarmiert klingen auch der Nato-Generalsekretär, der deutsche Bundeskanzler oder der britische Premier. Vertreter der russischen Führung nähren diese Befürchtungen ständig.
So sagte kürzlich der Vizepräsident des Parlaments, der Duma, Pjotr Tolstoi, in einem französischen Fernsehinterview martialisch: Man werde alle französischen Soldaten töten, falls sie sich auf ukrainischem Boden aufhalten.
Russland als Feind
Das Bedrohungsgefühl ist zumindest ein Stück weit in der europäischen Bevölkerung angekommen. Deutlich mehr Menschen als noch vor Kurzem nehmen Russland als Feind wahr. Die Kriegsgefahr erscheint als erheblich höher. Selbst in der Schweiz sehen immer mehr Leute die Nato positiv.
Damit in krassem Widerspruch stehen jedoch die Ergebnisse zahlreicher Meinungsumfragen zum Wehrwillen in Europa. Professor Franz Eder von der Universität Innsbruck analysiert die Ergebnisse einer österreichischen Befragung im Fernsehsender Servus TV so: «Der Grossteil der österreichischen Bevölkerung, das war eine repräsentative Befragung, ist gar nicht wehrbereit.»
Laut der Denkfabrik European Council on Foreign Relations (ECFR) begrüssen derzeit europaweit 50 Prozent der Bevölkerung die militärische Aufrüstung. Nur 24 Prozent sind dagegen. Eine Rückkehr zu der in den meisten Ländern abgeschafften Wehrpflicht ist aber hoch umstritten.
Unter den 18- bis 29-Jährigen, also jenen, die tatsächlich eingezogen würden, sind lediglich 27 Prozent dafür. Und laut einer Umfrage des US-Instituts Gallup wäre nur gerade die Hälfte bereit, für ihr Vaterland zu kämpfen. Ein Drittel sagt Nein.
In Italien lehnen das gar 78 Prozent ab, in Deutschland 57 Prozent. Noch geringer ist die Bereitschaft, für Nato-Allianzpartner wie etwa für die baltischen Staaten zu kämpfen, obschon das gemäss Nato-Satzung Pflicht wäre.
Europa als «postheroische Gesellschaft»
«Wir leben in Europa in einer postheroischen Gesellschaft», sagte dieser Tage der renommierte bulgarische Politologe Ivan Krastev. Im Grunde sei es ja durchaus positiv, dass die Menschen nicht mehr Krieg führen wollten. Der grösste Erfolg der europäischen Einigung sei, dass Krieg innerhalb der EU undenkbar wurde.
Entsprechend wüssten auch die Regierungen, dass sie heute nicht mehr das Recht haben, notfalls das Leben ihrer Bürgerinnen und Bürger zu opfern. Das gehöre schlicht nicht mehr zum heutigen Gesellschaftsvertrag.
Das gilt allerdings längst nicht für alle Regierungen und Gesellschaften, vor allem nicht für jene in Diktaturen wie Russland. Und das wiederum ist ein Problem für Europa. Denn Europa steht vor der paradoxen Situation, dass man bald über sehr viel mehr Waffen verfügen wird, aber bei weitem nicht über die nötige Anzahl Soldaten, die imstande und willens wären, tatsächlich Krieg zu führen.