Am Bahnhof der westukrainischen Metropole Lwiw wimmelt es nur so von Menschen. Soldaten, Familien mit Kindern, Alte und Junge. Zweimal pro Tag treffen Züge aus dem Osten ein, noch immer bringen sie frisch Vertriebene aus frontnahen Gebieten in die relativ ruhige Stadt. Auf sie wartet eine Gruppe von Freiwilligen.
Freiwillige warten am Bahnhof in Lwiw auf Geflüchtete
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Bild 1 von 3. Der Australier Ewan Campbell (links) und weitere Freiwillige am Bahnhof in Lwiw. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 3. Mehrmals am Tag kommen hier Evakuierte aus den frontnahen Gebieten an. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 3. Viele können nur wenig von ihrem Hab und Gut mitnehmen. Bildquelle: SRF.
Einer von ihnen ist der Australier Ewan Campbell. Er tue dies für seine Enkel, sagt er: «Wenn wir Russland erlauben, die Ukraine zu erobern, was hindert dann China daran, Australien zu überfallen? Nichts. Es muss aufhören, die Ukraine muss gewinnen. Deshalb bin ich hier.»
Der Zug trifft ein, die ersten Evakuierten steigen aus. Unter ihnen ist das Ehepaar Ihor und Olena. Sie tragen neben ihrem Gepäck einen Korb mit zwei jungen Kätzchen. Sie wirken erschöpft, ihre Kleider sind schmutzig.
Verlasst die Stadt, bald wird es sie nicht mehr geben, diese Dreckskerle werden niemanden am Leben lassen.
Sie stammen aus der Region Donezk: «Wir haben ausgeharrt, ausgeharrt und sind dann fast ohne etwas geflohen», sagt Ihor und beginnt zu schluchzen.
Olena ergänzt: Niemand habe sie holen können, die Russen hätten alle Autos angegriffen, auch diejenigen, die Menschen evakuierten. Deshalb mussten sie bis zum nächsten Ort zu Fuss gehen.
Die Geflüchteten werden in einen warmen Saal gebracht, einen sogenannten «Punkt der Unbeugsamkeit». An der Wand stehen Holzöfen, daneben ist Brennholz aufgeschichtet, an Steckdosen kann man sein Handy aufladen. Es riecht nach ungewaschenen Kleidern.
Olena erzählt, sie hätten in den letzten Wochen im Keller geschlafen und von Vorräten gelebt. Und sie sagt an die Adresse von allen, die noch vor Ort ausharren: «Verlasst die Stadt, bald wird es sie nicht mehr geben, diese Dreckskerle werden niemanden am Leben lassen.»
In einer Ecke kauert ein Junge und beugt sich über sein Handy. Der Zwölfjährige heisst Sascha. Er ist bleich, hat blutig gebissene Lippen und wirkt verstört.
Seine Mutter erklärt, warum sie so lange in Frontnähe ausgeharrt haben: wegen der Arbeit. Sie habe als Krankenschwester gearbeitet und habe Angst gehabt, ins Ungewisse zu fliehen.
Sascha scrollt durch den Telegram-Chat seiner Heimatstadt und zeigt Fotos der Verwüstung: ausgebrannte Autos, zerstörte Häuser, der zerbombte Bahnhof, seine zerbombte Schule.
Jeden Tag hätten Drohnen angegriffen, sagt er und kann nicht aufhören, mir die Zeugnisse seiner verwüsteten Heimat zu zeigen.
Ich möchte einfach nur, dass der Krieg aufhört.
Auch vom Fluss, wo er früher mit seinem – inzwischen verschollenen – Vater fischen war und mit Freunden gebadet hat. Er sagt leise: «Ich möchte einfach nur, dass der Krieg aufhört.»
Auf dem Friedhof liegt die Stille des Krieges
Auf dem Marsfeld, dem völlig überfüllten Soldatenfriedhof, ist es still. Unzählige ukrainische Flaggen flattern leise im Wind, es liegt noch Schnee.
Eine junge Frau sitzt auf einer Bank neben einem Grab, raucht, schaut ins Leere. Drei ältere Männer und eine Frau reden leise miteinander, sie haben verhärmte Gesichter.
Krieg, das ist Tod, Blut und grosses Leid.
Die Frau heisst Halyna. Sie sagt, sie fühle mit jedem mit, der jemanden verloren habe oder leide: «Aber jetzt weine ich schon nicht mehr so oft, zu Beginn des Krieges habe ich viel geweint. Krieg, das ist Tod, Blut und grosses Leid.»
Einer ihrer Söhne ist gefallen. Der zweite Sohn ist ebenfalls an der Front und dürfte – gemäss Gesetz – eigentlich nach Hause. Aber sie lassen ihn nicht, weil sie noch keinen Ersatz für ihn gefunden haben. Denn der Mangel an erfahrenen Soldaten ist enorm.
Die Mutter aber hält das fast nicht aus, sie möchte nur noch, dass ihr Sohn nach Hause kommt. Und sagt: Es bleibe ihr nur die Hoffnung auf Gott.
Vier Jahre Krieg haben die Ukraine grundlegend verändert. Der Krieg begegnet einem auch weitab der Front auf Schritt und Tritt. Soldaten und Soldatinnen sind im Stadtbild präsenter denn je, fast täglich werden gefallene Soldaten beigesetzt, die Armee wirbt auf Plakaten um Soldaten. Sogar die Kleidung hat sich angepasst: In der neuesten Mode steckt viel Militär.
Leben im Zustand der «schlechten Unendlichkeit»
Jurko Prochasko ist einer der führenden Intellektuellen des Landes – Psychoanalytiker, Übersetzer, Germanist. Der 55-Jährige sagt: «Was fast verschwunden ist, sind die Erinnerungen an die Zustände davor. Und was aufgetaucht ist, ist ein Gefühl von einer Möglichkeit, dass es den Frieden nie mehr geben wird, nie mehr zu unseren Lebzeiten.»
Er spricht von einem Gefühl einer schlechten Unendlichkeit, die Ermüdung und manchmal Verzweiflung beinhalte, die man sich aber gar nicht leisten könne. «Das eine Ufer, das man verlassen hat, ist jetzt ausser Sichtweite. Und man weiss, dahin zurückzugehen, geht nicht mehr. Aber ein gegenüberliegendes Ufer ist noch nicht in Sicht.»
Man befinde sich in einem Zwischenzustand; man lebe, ohne richtig zu leben.
Die Front verlaufe mittlerweile überall
Schon vor zweieinhalb Jahren haben wir uns zu einem Interview getroffen. Prochasko erinnert sich und sagt: Damals seien die Zerstörungen im zivilen Leben noch nicht so enorm gewesen.
Russland habe zwar auch schon Schulen, Spitäler, Geburtskliniken, Wohnhäuser, Museen und Bibliotheken zerstört. «Aber damals hatte man zumindest nicht im ganzen Land das Gefühl, dass der Feind dir an die Lebenssubstanz geht. Und dir die elementaren Kräfte des Lebens entziehen will, wie Wärme, Wasser, Licht.»
Wir sind alle im Kampf, im Überlebenskampf.
So hat Russland diesen Winter bei zweistelligen Minustemperaturen die Energieinfrastruktur der Ukraine systematisch zerbombt und eine humanitäre Katastrophe herbeigeführt. «Das bedeutet, dass die Front jetzt überall verläuft, und wir sind alle im Kampf, im Überlebenskampf.»
Der Psychoanalytiker erkennt eine sadistische Zerstörungswut des Angreifers. Russland verstehe, dass es nicht so mächtig sei, wie es selbst gedacht habe, und wolle sich rächen.
Dies aber führe dazu, dass sich die Ukraine nur noch verbissener, noch verzweifelter wehre. Prochasko betont: Russland sei schwächer, als es erscheine, und die Ukraine nicht zur Niederlage verurteilt. «Noch ist alles möglich, und noch ist keine Unterstützung zu spät.»
Es ist ja viel besser und viel klüger, die Ukraine jetzt zu stützen, so weit es geht, aus aller Kraft, als später selbst kämpfen zu müssen.
Die Unterstützer im Westen könnten sich nicht damit herausreden, es sei alles verloren und man müsse sich auf seine eigene Kriegstüchtigkeit konzentrieren. Das gelte nicht.
Prochasko meint, dass in der Ukraine immer mehr der Verdacht aufkomme, dass man das Land verheize, opfere, um selbst Zeit zu gewinnen. Das sei ein Fehlschluss, warnt er: «Es ist ja viel besser und viel klüger, die Ukraine jetzt zu stützen, so weit es geht, aus aller Kraft, als später selbst kämpfen zu müssen.»