Seit vier Jahren berichtet der ukrainische Reporter und Fotograf Andriy Dubchak von der Front. Welche Bilder er nie vergessen wird und wie ihn seine Arbeit im Krieg verändert hat, erzählt er dem «Club».
SRF News: Mit Ihren Fotos dokumentieren Sie den Krieg. Welche Bilder lassen Sie nicht mehr los?
Andriy Dubchak: Am schlimmsten sind für mich die Schmerzen von Kindern. Ich werde nie die Kinder vergessen, die in einem eiskalten Zug aus Charkiw ins Ungewisse flohen.
Auch nicht die Leiche eines zweieinhalbjährigen Kindes in der Region Kiew. Es trug einen blauen Anzug, als es von den Russen getötet wurde.
Und schliesslich einen Angriff der Infanterie, bei dem 25 Mann vorrückten, um die russische Stellung anzugreifen. Darunter ein Junge namens Suhan, gerade einmal 22 Jahre alt. Er hatte mir noch aus dem gepanzerten Fahrzeug zugewunken. Er ist nicht vom Angriff zurückgekommen. Wahrscheinlich ist er gestorben.
So viele Erinnerungen, so viel Schmerz.
Von wo haben Sie zuletzt berichtet? Was haben Sie dort erlebt?
Vor einem Monat war ich in der Stadt Kramatorsk, wenige Kilometer von der Front im Donbass entfernt. Wir haben darüber berichtet, wie russische Drohnen Jagd auf Fahrzeuge aller Art machen, um die Versorgung der Region abzuschneiden.
Auch in der Stadt ist die Situation mit den Drohnen sehr gefährlich. An einem Abend flog eine über unseren Köpfen. Wir konnten uns gerade noch verstecken, sie explodierte im nächsten Gebäude.
Die Wahrheit ist auch eine Waffe und kann die Ukraine schützen.
An die eigentliche Frontlinie gelangen kaum mehr Fahrzeuge. Um zu ihren Positionen zu kommen, müssen Soldaten zu Fuss zehn, fünfzehn, manchmal zwanzig Kilometer unter russischen Drohnen zurücklegen. Wenn man in dieser Zone verwundet wird, muss man zu Fuss zurücklaufen oder jemand muss einen tragen. Oft ist das nicht möglich.
Was hören Sie von Soldaten an der Front?
Man kann sich vorstellen, wie es ist, jahrelang ohne seine Familie zu sein, jahrelang im Schützengraben zu leben. Tote Freunde, ständig russische Angriffe. Aber gleichzeitig ist diesen Menschen klar, dass sie bleiben müssen, weil nur sie ihr Land und ihre Familien vor Russland schützen können. Denn wenn Russland die Ukraine besetzt, werden sie und ihre Familien zu Kanonenfutter für zukünftige russische Kriege.
Sie berichten seit vier Jahren über diesen Krieg. Wie hat er Sie persönlich und als Journalist verändert?
Persönlich habe ich erkannt, dass das Leben kurz ist und man es voll leben muss. Mein Sohn Ivan ist ein Jahr und zwei Monate alt. Ich bin sehr glücklich über die Momente, die ich mit ihm verbringen darf. Ich versuche, so viel Zeit wie möglich mit ihm zu verbringen, denn die Zukunft ist unvorhersehbar. Niemand weiss, was morgen, in einem Monat oder in einem Jahr sein wird.
Beruflich ist mir bewusst, dass meine Arbeit extrem wichtig ist. Die Wahrheit ist auch eine Waffe und kann die Ukraine schützen. Es ist wichtig, dass wir diese Geschehnisse dokumentieren und an zukünftige Generationen weitergeben. Was hier geschieht, wird eines Tages Teil unserer Geschichte sein.
Das Gespräch führte Barbara Lüthi.