Die USA und Israel attackieren den Iran, der seinerseits Israel sowie US-Basen in der Golfregion angreift. Klar ist: Geopolitisch gibt es Kräfte, die vom Krieg eher profitieren, andere verlieren. Fredy Gsteiger, SRF-Experte für Geopolitik und Sicherheitsfragen, ordnet ein.
Wer verliert, wer profitiert vom Krieg im Iran?
Grösster Verlierer ist das iranische Regime. Noch ist es da, aber sein Überleben ist fraglich. Zu den Verlierern sind kurzfristig auch die Golfstaaten zu zählen – und ebenso die UNO. Israel hingegen dürfte zu den Gewinnern gehören. Es hat die Chance, ein feindliches Regime loszuwerden, das sich das Verschwinden Israels von der Landkarte zum Ziel gesetzt hat. Ob die USA und Präsident Trump zu den Gewinnern gehören, dürfte stark vom weiteren Verlauf und der Dauer des Kriegs abhängen. Ein Gewinner dürfte dagegen China sein – auch, weil sich die USA weiter machtpolitisch verzetteln.
Könnte Peking jetzt versuchen, sich Taiwan einzuverleiben?
Man kann davon ausgehen, dass sich die chinesische Führung jetzt solche Überlegungen macht. Denn tatsächlich wäre die Gelegenheit günstig: Die USA sind in Venezuela engagiert, jetzt auch im Iran. Zudem ist ihre enge Partnerschaft mit den Europäern ramponiert. Es wäre für Washington also ein schlechter Moment, sich ausgerechnet jetzt auch noch um die Verteidigung Taiwans kümmern zu müssen.
Was bedeutet der Iran-Krieg für Russland?
Russland und der Iran sind verbündet, sie liefern sich seit Jahren auch Waffen. Falls das iranische Regime stürzt, verliert Moskau nach dem syrischen und dem venezolanischen Regime einen weiteren Partner. Kurzfristig profitiert Russland aber von höheren Ölpreisen. Für Moskau ist das Schicksal des Irans allerdings nicht entscheidend – das ist vielmehr die Ukraine-Frage. Deshalb tut Moskau nichts, um das iranische Regime zu retten. Auch kritisiert Russland die Trump-Regierung nicht direkt. Die Russen sehen Trump immer noch als Verbündeten in den Verhandlungen mit der Ukraine – also als jemanden, der ihnen hilft, die Ukraine zu einem Diktatfrieden zu zwingen.
Was ist mit der UNO?
Wenn das Völkerrecht verletzt wird und die Weltordnung zerbricht, gehören die Vereinten Nationen notgedrungen zu den Opfern. Nach dem Krieg in Syrien, nach dem Grossangriff Russlands auf die Ukraine, nach der US-Kommandoaktion in Venezuela ist der UNO-Sicherheitsrat gelähmt. Bemerkenswert ist, dass im höchsten UNO-Gremium am Angriff Israels und der USA auf den Iran zwar Kritik laut wurde, aber weit und breit keine Mehrheit in Sicht war, die sich hinter einen die USA und Israel verurteilenden Beschluss gestellt hätte. Auch wenn klar ist, dass die USA ihr Veto gegen jede solche Resolution eingelegt hätten.
Und Europa?
Die EU findet offenkundig nicht einmal eine gemeinsame Stimme zum Krieg im Iran. Sie ist einmal mehr bloss Zuschauerin. Später wird sie humanitäre Hilfe leisten, womöglich auch Zehntausende Kriegsflüchtlinge aufnehmen müssen. Die Europäer haben seit Jahren versucht, die Iraner zu einem Verzicht auf ein Atomprogramm zu bewegen. Und wenn ihnen das gelungen wäre, hätte es diesen Krieg womöglich nicht gegeben. Aber die EU hat kaum Druckmittel, und das wussten die Iraner. Auch deshalb erreichte die europäische Diplomatie nichts. Es zeigt sich einmal mehr: Europa ist aussenpolitisch und militärisch keine Macht. Es fehlen Einigkeit und Durchsetzungswille. Und so kann die EU erneut keine Schlüsselrolle spielen.