Lieber hätte sich Bobby erschossen, als sich den Soldaten der Junta zu ergeben. «Ich hatte immer eine Patrone bei mir für den Fall, dass sie uns umzingeln würden und ich als Einziger übrig bliebe.»
Der 20-Jährige hat bis vor einem Jahr an der Seite des bewaffneten Widerstands im Dschungel Myanmars gekämpft. Bobby ist sein Spitzname. Als sich die Generäle im Februar 2021 an die Macht putschen, ist Bobby 16 Jahre alt und hat einen grossen Traum: Er will professioneller Videospieler werden. Am liebsten spielt er Krieg.
Abschiedsbrief an die Mutter
Bobby will nicht zurück in die Schule, als das Militär nach dem Putsch die Kontrolle im Land übernimmt. Eines Nachts läuft er von zu Hause weg, in den Dschungel, zu den Rebellen. Kämpfen – das kann er. Zumindest virtuell.
Seiner Mutter hinterlässt er einen Abschiedsbrief. Er ahnt, wie sie reagieren wird und schaltet sein Handy aus. Sie schickt ihm Sprachnachrichten. Sie weint und fleht ihn an, zurückzukommen. Doch er will nicht zurück.
Im Dschungel lernt Bobby für sich selbst zu sorgen und zu überleben. Die Kämpfe sind brutal, der Tod ist präsent. Hier gibt es kein Entkommen. Hier hat er nur ein Leben, anders als im Videospiel.
Kündigung nach zwei Jahren im Krieg
Ein Einsatz lässt ihn bis heute nicht los: «Wir versteckten uns in einem Haus. Der Feind befand sich vor uns auf der Strasse. Wir waren nur zu viert. Wir dachten ständig daran, was wir tun würden, wenn die Soldaten vorrücken», erzählt Bobby.
Sie haben gesagt: ‹Bobby ist desertiert, weil er Spass haben will.›
Die Kämpfe zehren an seinen Kräften. Nach zwei Jahren ist er erschöpft – und reicht beim Gruppenführer die Kündigung ein. Von seinen Kameraden verabschiedet er sich nicht. Dass er die Truppe verlässt, sorgt für Empörung. Bobby bekommt mit, wie sie hinter seinem Rücken reden, seine ehemaligen Kameraden und Leute aus seinem Umfeld. «Sie haben gesagt: ‹Bobby ist desertiert, weil er Spass haben will.›»
So etwas zu hören, das tue schon ein wenig weh, sagt er. Aber er sei eben jung und wolle im Leben noch Spass haben.
Leben im thailändischen Exil
Heute wohnt Bobby im benachbarten Thailand in einer Wohngemeinschaft, unter anderem mit einem ehemaligen Offizier der burmesischen Armee: Nyi Thuta. Er desertierte nach dem Putsch, als die Armee begann, auf Demonstranten zu schiessen.
Hier im thailändischen Exil schult Nyi Thuta junge Rebellen aus der Distanz und motiviert sie für den Kampf. Das sei nicht immer einfach. «Wenn sie Fortschritte machen, fühlen sie sich motiviert. Manchmal aber braucht es sehr lange, bis sie Ergebnisse sehen. Deshalb fangen manche von ihnen an, sich zu fragen, warum sie überhaupt noch weitermachen sollen und hören auf, zu kämpfen», sagt der 36-Jährige.
Dass die Armee militärisch überlegen ist und auch aus der Luft angreifen kann, belaste die Rebellen psychisch.
Rückkehr ist derzeit nicht möglich
Für Nyi Thuta führt kein Weg vorbei am bewaffneten Widerstand. Doch jeder solle für sich entscheiden, ob er zur Waffe greifen will: «Das Ziel dieser Revolution ist es, ein System zu schaffen, das die Fähigkeit jedes Bürgers schätzt, eigene Entscheidungen zu treffen und selbstbestimmt zu leben.»
Ich möchte ein einfaches Leben führen.
Bobby interessiert sich nicht für Politik. Er will das Erlebte hinter sich lassen und hat Pläne für die Zukunft. Er lernt thailändisch und will Koch werden. Wenn die Revolution vorbei ist, will er zurück nach Myanmar und dort ein kleines Restaurant eröffnen. «Ich möchte ein einfaches Leben führen», sagt er.
Doch im Moment ist die Rückkehr nach Hause nur ein Traum.