Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

Vier Jahre Bürgerkrieg Myanmar – ein Rebellenkämpfer steigt aus

Der Bürgerkrieg zehrt an den Kräften der Menschen in Myanmar.

Lieber hätte sich Bobby erschossen, als sich den Soldaten der Junta zu ergeben. «Ich hatte immer eine Patrone bei mir für den Fall, dass sie uns umzingeln würden und ich als Einziger übrig bliebe.»

Der 20-Jährige hat bis vor einem Jahr an der Seite des bewaffneten Widerstands im Dschungel Myanmars gekämpft. Bobby ist sein Spitzname. Als sich die Generäle im Februar 2021 an die Macht putschen, ist Bobby 16 Jahre alt und hat einen grossen Traum: Er will professioneller Videospieler werden. Am liebsten spielt er Krieg.

Abschiedsbrief an die Mutter

Bobby will nicht zurück in die Schule, als das Militär nach dem Putsch die Kontrolle im Land übernimmt. Eines Nachts läuft er von zu Hause weg, in den Dschungel, zu den Rebellen. Kämpfen – das kann er. Zumindest virtuell.

Seiner Mutter hinterlässt er einen Abschiedsbrief. Er ahnt, wie sie reagieren wird und schaltet sein Handy aus. Sie schickt ihm Sprachnachrichten. Sie weint und fleht ihn an, zurückzukommen. Doch er will nicht zurück.

Im Dschungel lernt Bobby für sich selbst zu sorgen und zu überleben. Die Kämpfe sind brutal, der Tod ist präsent. Hier gibt es kein Entkommen. Hier hat er nur ein Leben, anders als im Videospiel.

Kündigung nach zwei Jahren im Krieg

Ein Einsatz lässt ihn bis heute nicht los: «Wir versteckten uns in einem Haus. Der Feind befand sich vor uns auf der Strasse. Wir waren nur zu viert. Wir dachten ständig daran, was wir tun würden, wenn die Soldaten vorrücken», erzählt Bobby.

Sie haben gesagt: ‹Bobby ist desertiert, weil er Spass haben will.›
Autor: Bobby Ex-Rebellenkämpfer in Myanmar, jetzt in Thailand

Die Kämpfe zehren an seinen Kräften. Nach zwei Jahren ist er erschöpft – und reicht beim Gruppenführer die Kündigung ein. Von seinen Kameraden verabschiedet er sich nicht. Dass er die Truppe verlässt, sorgt für Empörung. Bobby bekommt mit, wie sie hinter seinem Rücken reden, seine ehemaligen Kameraden und Leute aus seinem Umfeld. «Sie haben gesagt: ‹Bobby ist desertiert, weil er Spass haben will.›»

So etwas zu hören, das tue schon ein wenig weh, sagt er. Aber er sei eben jung und wolle im Leben noch Spass haben.

Leben im thailändischen Exil

Heute wohnt Bobby im benachbarten Thailand in einer Wohngemeinschaft, unter anderem mit einem ehemaligen Offizier der burmesischen Armee: Nyi Thuta. Er desertierte nach dem Putsch, als die Armee begann, auf Demonstranten zu schiessen.

Myanmar: Ein Land im Bürgerkrieg

Box aufklappen Box zuklappen

Im Februar 2021 putschte in Myanmar das Militär gegen die demokratisch gewählte Regierung unter Aung San Suu Kyi. Die Jahre der Demokratisierung und Öffnung waren auf einen Schlag zu Ende.

Nach dem Putsch kam es zu grossen Protesten in der Bevölkerung. Die Militärjunta unterdrückte diese jedoch brutal. Vor allem junge Myanmarer und Myanmarerinnen gingen daraufhin in den Untergrund und schlossen sich dem bewaffneten Widerstand an – der People’s Defence Force (PDF), die die Militärjunta entmachten will. Diese Volksverteidigungskräfte sind der bewaffnete Arm der Nationalen Einheitsregierung (NUG) – eine Schattenregierung, die von gewählten Politikerinnen und Politikern, die nach dem Putsch entmachtet worden waren, gegründet wurde.

Daneben kämpft eine ganze Reihe bewaffneter ethnischer Gruppen gegen die Vorherrschaft der Junta. Sie sind vor allem in den Grenzregionen zu den Nachbarländern stark. Ihre Forderungen reichen von mehr Autonomie bis zur Unabhängigkeit ihrer Regionen von Myanmar und reichen teilweise Jahrzehnte zurück. Einige der bewaffneten ethnischen Gruppen bilden auch Soldatinnen und Soldaten der PDF aus. Mit der Militärjunta haben sie einen gemeinsamen Feind.

Die Junta wiederum geht mit äusserster Brutalität gegen ihre Feinde vor und schreckt auch vor Angriffen auf die Zivilbevölkerung nicht zurück. Weite Teile Myanmars sind im Bürgerkrieg versunken. Laut der UNO sind rund 3 Millionen Menschen auf der Flucht.

Hier im thailändischen Exil schult Nyi Thuta junge Rebellen aus der Distanz und motiviert sie für den Kampf. Das sei nicht immer einfach. «Wenn sie Fortschritte machen, fühlen sie sich motiviert. Manchmal aber braucht es sehr lange, bis sie Ergebnisse sehen. Deshalb fangen manche von ihnen an, sich zu fragen, warum sie überhaupt noch weitermachen sollen und hören auf, zu kämpfen», sagt der 36-Jährige.

Soldaten in Uniform am Flussufer im Wald.
Legende: Mitglieder der Bamar People's Liberation Army (BPLA) machen im myanmarischen Gliedstaat Karen eine Pause. (9.3.2024) Reuters/Stringer

Dass die Armee militärisch überlegen ist und auch aus der Luft angreifen kann, belaste die Rebellen psychisch.

Rückkehr ist derzeit nicht möglich

Für Nyi Thuta führt kein Weg vorbei am bewaffneten Widerstand. Doch jeder solle für sich entscheiden, ob er zur Waffe greifen will: «Das Ziel dieser Revolution ist es, ein System zu schaffen, das die Fähigkeit jedes Bürgers schätzt, eigene Entscheidungen zu treffen und selbstbestimmt zu leben.»

Ich möchte ein einfaches Leben führen.
Autor: Bobby Ex-Rebellenkämpfer in Myanmar, jetzt in Thailand

Bobby interessiert sich nicht für Politik. Er will das Erlebte hinter sich lassen und hat Pläne für die Zukunft. Er lernt thailändisch und will Koch werden. Wenn die Revolution vorbei ist, will er zurück nach Myanmar und dort ein kleines Restaurant eröffnen. «Ich möchte ein einfaches Leben führen», sagt er.

Doch im Moment ist die Rückkehr nach Hause nur ein Traum.

10vor10, 23.12.2025, 21:50 Uhr;liea

Meistgelesene Artikel