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Jacinda Ardern: Politisches Vorbild für junge Frauen
Aus Rendez-vous vom 15.10.2020.
abspielen. Laufzeit 04:17 Minuten.
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Wahlen in Neuseeland Premier Jacinda Ardern – grosse Kommunikatorin vor Wiederwahl

Ein Magazin nennt sie die «möglicherweise effektivste Führungskraft des Planeten». Jetzt stellt sich Ardern den Wählern.

Jacinda Ardern sieht müde aus. Im grünen Sweatshirt, ungeschminkt und ziemlich kaputt, meldet sie sich über Facebook. Sie habe eben ihre Tochter Neve ins Bett gebracht, erzählt sie Millionen von Zuschauern, «und das ist halt nicht kompatibel mit einem formellen Geschäftsanzug».

Zwei Sätze später verdonnert sie die Nation zu einigen der weltweit härtesten Anti-Corona-Massnahmen. Mit Erfolg. Vergangene Woche hatte die Nation die Pandemie im Griff.

Vereinigen statt trennen

Eine Frau, die zwischen Baby stillen und Windeln wechseln mit Washington über bilaterale Wirtschaftsbeziehungen verhandelt. Doch Jacinda Arderns Kommunikationsstil ist konträr zu dem von Donald Trump: Hoffnung statt Angst, vereinigen statt trennen, Mitgefühl statt Ablehnung.

Nach dem Attentat in Christchurch im März 2019, bei dem 51 betende Muslime einem rechtsextremen Terroristen zum Opfer fielen, sprach sie in der Trauerrede nur von Versöhnung.

Jacinda Ardern.
Legende: Kampf gegen Terrorismus und Gewaltextremismus: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron empfängt Premier Jacinda Ardern am 15. Mai 2019 zum «Christchurch Call Meeting» in Paris. Keystone/Archiv

Ardern hatte zwar Politik studiert, stammt aber nicht aus einer Politikerdynastie. Ihr Vater ist Polizist, ihre Mutter Assistentin bei einem Verpflegungsdienstleister. Ihr erster Job war in einem Fish-and-Chips-Laden. 2017 kam sie fast per Zufall an die Macht, nachdem die Labourpartei kurz vor dem Urnengang ihren damaligen Chef in die Wüste geschickt hatte, und dann die Wahlen gewann. Als neue Parteichefin wurde sie Premierministerin, mit 37.

Analyst: Fade Politikerin - tolle Kommunikatorin

Es ist schwierig, ausserhalb Arderns politischer Opposition, der konservativen Nationalpartei, ernsthafte Kritiker zu finden. Einer ist Bryce Edwards. Der Politikanalyst und prominente Medienkommentator sieht im Gespräch mit SRF eine «essenziell zentristische, fade Politikerin, die sorgfältig gefertigte Botschaften weitergibt, die aber eigentlich leer sind». Doch selbst er spricht von einer «tollen Premierministerin» mit einem «unglaublichen Kommunikationstalent».

Jacinda Ardern
Legende: Premier Jacinda Ardern tritt am 12. August 2020 in Wellington vor die Presse: In einen Haushalt in Auckland waren zuvor vier Coronavirus-Fälle aus unbekannter Quelle entdeckt worden. Es waren die ersten nach 102 Tagen ohne Meldungen. Es war damals fraglich, ob die Wahlen plangemäss durchgeführt werden können. Keystone/Archiv

Arderns Gegner wissen, sie nicht zu unterschätzen. Die Unnachgiebigkeit, mit der sie die Anti-Corona-Massnahmen umsetzte, ist nur das jüngste Beispiel für ein bemerkenswertes Durchsetzungsvermögen.

Schon Tage nach den Wahlen hatte Ardern Pflöcke eingeschlagen: «Die neuseeländische Wirtschaft muss wieder Neuseeländern dienen», so ihre Antwort auf Jahre unter einer von neoliberaler Ideologie getriebenen konservativen Regierung.

Jacinda Ardern.
Legende: Jacinda Ardern im letzten Juni an der Wiedereröffnungszeremonie der Redcliffs School in Christchurch. Neun Jahre nach dem grossen Erdbeben konnte die wiederaufgebaute Einrichtung wieder starten. Keystone/Archiv

Sie kippte deren Pläne für eine Steuerreduktion. Priorität seien Gesundheitsversorgung und Ausbildung. Kaufstopps für Ausländer im überhitzten Immobilienmarkt sollten den drastischen Mangel an Wohnraum lindern.

Nicht alle Versprechen eingelöst

Kritiker wie Bryce Edwards weisen jedoch darauf hin, dass Ardern einige Ziele nicht erreicht hat, mit der Labour 2017 in den Wahlkampf getreten war. Pläne, die Verfügbarkeit von erschwinglichem Wohnraum im Verlauf mit dem Bau von 100‘000 Häusern durch den Staat zu verbessern, seien nicht ansatzweise verwirklicht worden. Auch der Graben zwischen Arm und Reich sei weiter gewachsen.

Jacinda Ardern.
Legende: Wahldebatte im Auckland am 30. September 2020. Premierministerin Jacinda Ardern von Labour und die Chefin der National Party, Judith Collins kreuzen die Klingen. Keystone/Archiv
Wir sind alle ersetzbar.
Autor: Jacinda ArdernPremierministerin, Neuseeland

Der Analyst rechnet für Samstag mit einem «überwältigenden Sieg für Labour». Und wenn nicht? Ardern sieht ihre Zukunft pragmatisch. «Wir sind alle ersetzbar», so die Politikerin. Im Fall einer Wahlschlappe hätte sie mehr Zeit für ihre kleine Tochter und ihren Partner Clarke Gayford. Im Moment wechselt meistens er die Windeln.

Abstimmungen zu Sterbehilfe und Cannabis

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Neuseeland stimmt auch über die Legalisierung der Sterbehilfe und den freien Zugang zu Cannabis ab. Die Sterbehilfe ist eine der wichtigsten Vorlagen der jüngeren neuseeländischen Geschichte: Ärzte sollen künftig eine tödliche Dosis eines Medikaments verschreiben oder verabreichen dürfen, die an einer unheilbaren Krankheit leiden und innert sechs Monaten sterben würden. Die Bitte muss direkt vom Patienten kommen und freiwillig sein. Religiöse Organisationen monieren, das Gesetz schütze jene nicht, die von der Familie zum Suizid gedrängt würden. Ein Ja wird erwartet, das Parlament hat schon zugestimmt.

Weniger gute Chancen hat laut Umfragen die Legalisierung der privaten Nutzung von Cannabis. Über 20-Jährige sollen pro Tag bis zu 14 Gramm von lizenzierten Händlern kaufen und bis zwei Cannabispflanzen halten dürfen, höchstens vier pro Haushalt. Diese Kontrolle soll Schäden des illegalen Konsums beschränken. Die Gegner aus konservativen Kreisen führen vor allem moralische Gründe an.

Rendez-vous, 15.10.2020, 12:30 Uhr

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8 Kommentare

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  • Kommentar von Karl Kirchhoff  (Charly)
    Bravo, Sie wird haushoch gewinnen!
  • Kommentar von Ueli Lang  (Wochenaufenthalter)
    Die Kommunikationsfähigkeit wirkt bis hier nach Europa. In den wesentlichen relevanten politischen Zielbereichen wurde nichts erreicht! Wie der Experte geschrieben hat, handelt es sich um eine schöne Geschenkbox ohne Inhalt! Wenn sie die Wahlen gewinnt, wird es wegen Christchurch sein und nicht weil sie Häuser baute, Jobs schuf oder soziale Ungleichheit wirksam bekämpfte!
  • Kommentar von Robert Huber  (Robert@Huber)
    Viel Glück, Jacinda!