Frankreich wählt nächstes Jahr einen neuen Präsidenten oder eine neue Präsidentin. Emmanuel Macron darf nach zwei Amtszeiten nicht mehr antreten. Die Wahl ist deshalb relativ offen, wie der Historiker Joseph de Weck sagt. Der Linksaussen-Politiker Jean-Luc Mélenchon, der bereits dreimal kandidiert hat, ist wieder dabei, wie er gegenüber einem TV-Sender bestätigte.
SRF: Wieso gibt Jean-Luc Mélenchon seine Kandidatur so früh bekannt?
Joseph de Weck: Auch in seinen drei vorangehenden Präsidentschaftswahlkämpfen hat Mélenchon immer darauf gesetzt, klarzumachen, dass er der einzige Kandidat der Linksaussen-Partei La France insoumise (dt. Unbeugsames Frankreich, Anmerk. der Red.) ist. Dadurch, dass er sich früh positioniert, besetzt er das Feld linksaussen und zeigt gleichzeitig, dass seine politische Kraft handlungsfähig ist.
Typischerweise sind in der Geschichte Frankreichs diejenigen Präsidentschaftswahlen mit keinem Amtsinhaber im Kandidatenfeld die chaotischsten. Es gibt dabei am meisten Überraschungen.
Im Jahr 2022 hat Mélenchon gesagt, er würde gerne – sozusagen als Galionsfigur in seiner Partei – ersetzt werden. Warum kandidiert er nun noch einmal?
Schon damals dachten die meisten, dass diese Aussage mehr eine Koketterie als etwas anderes sei. Diese Präsidentschaftswahl ist interessant, weil sie eine offene Präsidentschaftswahl ist. Macron kann nach zwei Amtszeiten nicht mehr kandidieren. Typischerweise sind in der Geschichte Frankreichs diejenigen Präsidentschaftswahlen mit keinem Amtsinhaber im Kandidatenfeld die chaotischsten. Es gibt dabei am meisten Überraschungen. Mélenchon rechnet sich aus, vielleicht doch noch eine Chance zu haben, in den zweiten Wahlgang zu kommen.
Bei der Frage um die nächste Präsidentschaftskandidatur sieht es nicht danach aus, als ob sich die linken Parteien auf einen Kandidaten einigen könnten?
Bei einer Präsidentschaft geht es um die Wahl einer Person. Es ist entweder Mélenchon oder jemand anderes. Jean Luc Mélenchon ist in der französischen Gesellschaft eine extrem toxische Figur geworden, selbst innerhalb des linken Lagers. Vor ein paar Monaten zum Beispiel hat er in einer Wahlkampfrede zwei Mal Kommentare verlauten lassen, die einen antisemitischen Nachgeschmack haben. Er hat sich auch sonst in den letzten Jahren eher radikalisiert. Für viele Mitte-Links-Wähler ist Mélenchon mittlerweile zu einem roten Tuch geworden.
Die Figur Mélenchon polarisiert so stark?
Mélenchon war früher einmal Mitglied der Sozialdemokraten. Nachdem er ausgetreten ist, führt er zwei Hauptkämpfe in seinem Leben: Der eine ist, die Sozialdemokratie zu zerstören. Er sieht sie als linke Verräter an der Arbeiterklasse. Der andere ist der Kampf gegen den Front National, heute Rassemblement National (RN). Und bei Mélenchon ist manchmal nicht ganz klar, welcher Kampf der wichtigere ist. Auf jeden Fall ist die Geschichte des Mitte-Links-Lagers mit Mélenchon eine Geschichte, die weit über 20 Jahre zurückreicht und in der sich die zwei Lager immer weiter auseinanderentwickelt haben.
Erst gegen Ende Februar würde ich davon ausgehen, dass es ein Kandidatenfeld von drei, vier Leuten gibt, die eine reale Chance haben, in den zweiten Wahlgang zu kommen.
Wann dürften alle Kandidatinnen und Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen feststehen?
Bis zum ersten Wahlgang dauert es noch ein Jahr. Am 7. Juli wissen wir, ob Marine Le Pen oder Jordan Bartella für das RN antritt. Am 11. Oktober entscheidet normalerweise das Mitte-Links-Lager, wer sein Kandidat wird. Erst gegen Ende Februar würde ich davon ausgehen, dass es ein Kandidatenfeld von drei, vier Leuten gibt, die eine reale Chance haben, in den zweiten Wahlkampf zu kommen.
Das Gespräch führte Julius Schmid.