Tempo 30 erhält im Kanton Zürich einen massiven Dämpfer. Die Städte Zürich und Winterthur dürfen in Zukunft nicht mehr selbst bestimmen, auf welchen Hauptstrassen sie Langsamverkehr einführen wollen. Die Hoheit darüber liegt jetzt neu beim Kanton Zürich.
Die Stimmbevölkerung sagt mit 56,8 Prozent Ja zur sogenannten Mobilitätsinitiative. Diese will, dass auf Kantonsstrassen im Normalfall Tempo 50 gilt. Eine Herabsetzung der Geschwindigkeit auf Tempo 30 wird erschwert.
Blick hinter der Windschutzscheibe
Das bedauert Winterthurs SP-Bauvorsteherin Christa Meier. «Die Städte sind angewiesen auf eine städteverträgliche Mobilität und Tempo 30 würde hier helfen», sagt sie. «Der Entscheid heisst zwar nicht, dass Tempo 30 jetzt nicht mehr möglich ist, aber die Einführung wird sicher schwieriger.»
Enttäuscht vom Abstimmungsresultat zeigt sich auch die Grüne Kantonsrätin Gabi Petri. «Die Menschen haben mit Blick hinter der Windschutzscheibe abgestimmt», sagt die Co-Geschäftsführerin der Zürcher Sektion des Verkehrsclubs Schweiz.
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Flächendeckend Tempo 30 ist in den Zürcher Städten mit dem Ja zur Mobilitätsinitiative Geschichte.
Keystone / Alexandra Wey
«Viele Menschen haben gerne Tempo 30 vor dem eigenen Haus, wenn es um die Sicherheit ihrer Kinder oder um Ruhe geht», sagt Petri. «Aber wenn sie dann hinter dem Steuer sind, wollen sie zügig vorwärtsfahren. Und sie hatten das Gefühl, dass das mit Tempo 50 der Fall ist.»
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Einschätzung von Zürich-Korrespondentin Mirjam Fuchs.
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Mit Tempo 30 durch Zürich und Winterthur: Diese Zukunftsvision der linksgrün regierten Städte wird heute ausgebremst. Die mehrheitlich bürgerliche Kantonsbevölkerung will auf den Hauptstrassen innerorts bis zu 50 km/h fahren. Mit Erfolg haben FDP und SVP damit argumentiert, dass Tempo 30 am falschen Ort für Ausweichverkehr oder Probleme bei Blaulicht-Einsätzen führen könnte. Nicht verfangen haben die Gegenargumente, der Lärmschutz oder die Sicherheit der Fussgängerinnen und Velofahrer. Das deutliche Ja gibt dem Kanton einen starken Hebel – und sendet ein klares Signal nach Bern: Wollen Städte Tempo 30 auf Hauptverkehrsachsen einführen, müssen sie das gut begründen. Im Kern also das, was Verkehrsminister Albert Rösti für die ganze Schweiz per Verordnung erreichen will.
Einschätzung von Zürich-Korrespondentin Mirjam Fuchs.
Bereits im Abstimmungskampf hatten SP, Grüne, AL und GLP vor den negativen Auswirkungen der Initiative gewarnt. Tempo-30-Zonen seien nicht nur die wirksamste und günstigste Massnahme gegen Strassenlärm, sie führten auch zu mehr Sicherheit.
Nun müssten die Städte Zürich und Winterthur mit anderen Mitteln erreichen, dass der «rücksichtslose» Autoverkehr nicht zu fest dominiere, sagt Petri weiter. Dies könne zum Beispiel auch mit dem Abbau weiterer Parkplätze passieren.
Tempo 30 dort, wo es Sinn macht
Fest steht, dass mit diesem Volksentscheid Tempo 30 auf Hauptstrassen nun fast unmöglich wird. Möglich ist es noch in Ausnahmefällen, etwa auf kurzen Abschnitten vor Schulhäusern oder Altersheimen.
Die weiteren Vorlagen im Kanton Zürich
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Höhere Prämienverbilligungen: Der Kanton soll nicht mehr Geld für die Verbilligung der Krankenkassenprämien ausgeben. 51 Prozent der Stimmbevölkerung haben es abgelehnt, dass der Kanton in Zukunft gleich viel Geld einschiesst wie der Bund. Dies hätte zu Mehrkosten von 50 Millionen bis 60 Millionen Franken im Jahr geführt.
Volksinitiative«Für ein Grundrecht auf digitale Integrität»: In der Verfassung wird kein neues Recht auf digitale Integrität geschaffen, um Menschen im digitalen Raum besser zu schützen. Fast 75 Prozent der Stimmberechtigten haben eine Initiative mit dieser Forderung abgelehnt. Auch ein milderer Gegenvorschlag wurde mit rund 56 Prozent Nein-Stimmen verworfen.
Volksinitiative «Mehr bezahlbare Wohnungen im Kanton Zürich»: Die Zürcherinnen und Zürcher wollen den gemeinnützigen Wohnraum und Alterswohnungen weiter fördern. Gut 59 Prozent der Stimmbevölkerung haben zwar eine Initiative abgelehnt, die ein kommunales Vorkaufsrecht für Grundstücke verlangt. Der Gegenvorschlag, der eine Verdoppelung des Kredits für die kantonale Wohnbauförderung von 180 Millionen auf 360 Millionen Franken vorsieht, wurde allerdings knapp mit 51 Prozent Ja-Stimmen angenommen.
Und das sei auch richtig, sagt FDP-Kantonsrat Marc Bourgeois. Die Bevölkerung habe genug davon, dass Tempo 30 dort angewendet werde, wo es keinen Sinn mache. «Tempo 30 ist gut in Wohnquartieren, aber nicht flächendeckend auf Hauptstrassen.»
Ein leistungsfähiges Strassennetz sei wichtig, betonten auch die anderen Befürworterinnen und Befürworter der Initiative. Dies waren neben der FDP auch SVP, Mitte und EDU. Tempo 30 auf Hauptstrassen bremse nur den öffentlichen Verkehr aus und gefährde Blaulicht-Einsätze.
Abstimmungsdossier
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News und Hintergründe zu den eidgenössischen, kantonalen und kommunalen Abstimmungen vom 30. November 2025.