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Jugendliche sollten auch bei der Pandemie mitreden können
Aus SRF 4 News aktuell vom 07.04.2021.
abspielen. Laufzeit 08:34 Minuten.
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Diskussion um Covid-Taskforce «Jugendliche in der Taskforce – das geht nicht»

Nach den Jugendkrawallen in St. Gallen am Osterwochenende fordern fünf Jungparteien, dass die Stimmen junger Menschen in der Corona-Pandemie vermehrt berücksichtigt werden. Sie schlagen eine Art Beirat zur Corona-Taskforce vor.

Es wurde sogar die Forderung laut, Jugendliche sollten gleich in der Taskforce selber mitreden. Das jedoch findet der Wissenschaftshistoriker Caspar Hirschi keine gute Idee.

Caspar Hirschi

Caspar Hirschi

Historiker

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Hirschi ist Professor für Allgemeine Geschichte an der Universität St. Gallen. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören unter anderem Experten und Intellektuelle in Geschichte und Gegenwart.

SRF News: Wäre es sinnvoll, wenn Jugendliche direkt in der Taskforce Einsitz nehmen würden?

Caspar Hirschi: Nein, das geht nicht. Denn die Covid-Taskforce ist keine Interessenvertretung verschiedener gesellschaftlicher Gruppierungen. Sie ist eine wissenschaftliche Expertengruppe, welche die Politik berät.

Ist der Vorschlag eines Beirats zur Taskforce, in dem die Jugendlichen mitreden könnten, besser?

Das Anliegen, dass die jungen Menschen vor Pandemie-Entscheiden auch angehört werden, ist sicher berechtigt. Aber ob es gleich ein Beirat zur Taskforce sein muss, bezweifle ich.

So ist die Covid-Taskforce zusammengesetzt:

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Ackermann mit Maske.
Legende: Martin Ackermann – Präsident und öffentliches Gesicht der Covid-Taskforce. Keystone

Die «Swiss National Covid-19 Science Taskforce», Link öffnet in einem neuen Fenster besteht aus zehn Expertengruppen, in denen insgesamt rund 70 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mitarbeiten. Nur zwei der Arbeitsgruppen beschäftigen sich mit sozialwissenschaftlichen Themen: Eine beschäftigt sich mit Ethik, Legalem und Sozialem, die andere mit öffentlicher Gesundheit. «Erstaunlich ist, dass sie relativ dünn besetzt sind, obschon sie riesige Gebiete abdecken», sagt dazu Caspar Hirschi. Auch nehme man sie in der Öffentlichkeit viel weniger stark wahr als die Epidemiologinnen und Virologen. «Das trägt sicher zum Eindruck bei, dass bloss einige wenige naturwissenschaftliche Disziplinen das Ganze dominieren würden», so der Wissenschaftshistoriker.

In der Taskforce selber sitzen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus allen Disziplinen. Doch die Sozialwissenschaften wie Psychologie und Soziologie sind untervertreten. Wird die Zusammensetzung der Komplexität der Coronakrise gerecht?

Es dominieren in der Taskforce die Natur- und Medizinwissenschaften, aber auch die Wirtschaftswissenschaft ist stark vertreten. Und in der Tat haben einzelne, in der Krise eigentlich wichtige Disziplinen wie Soziologie oder Psychologie – dazu gehört auch die Jugendpsychologie – eine eher marginale Bedeutung.

Eigentlich wichtige Disziplinen wie Soziologie oder Psychologie haben in der Taskforce eine eher marginale Bedeutung.

Immerhin: Im Verlauf der Pandemie ist der Fächer der Experten etwas geöffnet worden. So erhielt mit Stefan Wolter etwa ein renommierter Bildungsforscher Einsitz in der Taskforce – das mag mit dazu beigetragen haben, dass in der Schweiz die Schulen wenn immer möglich offengehalten wurden. Auch lässt das darauf hoffen, dass bei zukünftigen Pandemien noch mehr Disziplinen mit am Tisch sitzen werden.

Jugendliche in einem Saal.
Legende: Mitreden in der Politik: Jugendliche während der Fragestunde mit der damaligen Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga im Oktober 2020. Keystone/Archiv

Wie müsste die Taskforce zusammengesetzt sein, wenn man noch mehr Disziplinen berücksichtigen möchte?

Einfach ist das nicht. Schon jetzt prallen in der Taskforce innerhalb einer einzigen Disziplin wie der Epidemiologie unterschiedliche Meinungen aufeinander. Wenn man eine Expertengruppe extrem multidisziplinär aufbaut, kann es sein, dass der kleinste gemeinsame Nenner der Experten so schmal ist, dass die Politik kaum mehr etwas damit anfangen kann.

Man könnte herausstreichen, dass es verschiedene Disziplinen gibt, die einen Anspruch auf Relevanz haben.

Wichtig wäre es, dass man die unterschiedlichen Disziplinen einzeln anhört. So erhält man eine soziologische Sicht auf die Pandemie, eine juristische, eine psychologische. So könnte man stärker herausstreichen, dass es nicht einfach «die Wissenschaft» gibt, sondern dass es innerhalb der Wissenschaft verschiedenste Perspektiven gibt, die alle einen Anspruch auf Relevanz haben können.

Ist die Taskforce in der Schweiz aktuell optimal zusammengesetzt – oder sehen Sie Verbesserungspotenzial?

In einer möglichen nächsten Krise sollte man darauf schauen, das Gremium breiter aufzustellen. Die Legitimationsprobleme der aktuellen Taskforce entstanden aber weniger wegen ihrer disziplinären Zusammensetzung als vielmehr wegen der öffentlichen Kommunikation: Normalerweise sollten sich Mitglieder einer beratenden Kommission zurückhalten, ihre persönliche Meinung öffentlich zu äussern. Doch diese Regel wurde bei der Covid-Taskforce über Bord geworfen.

Das Gespräch führte Isabelle Maissen.

Newsplus vom 6.4.2021;

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142 Kommentare

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  • Kommentar von René Baron  (René Baron)
    Eigentlich sollten man zuerst die Ziele der Taskforce und die damit verbundenen Anforderungen kristallklar kommunizieren.
    Erst dann kann man die Diskussion bez. der Jungen überhaupt erst führen.
    Solange weder die Ziele noch die konkreten Aufgaben und die damit verbundenen Zu- und Verantwortlichkeiten der Taskforce verbindlich definiert sind, ist jedes diesbezügliche Argument so richtig wie falsch - aber damit natürlich immer gut für Klickraten und Medien.
  • Kommentar von SRF News (SRF)
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  • Kommentar von Alex Volkart  (Lex18)
    Einen Beirat zusätzlich zur Task Force finde ich gar keine so schlechte Idee. Doch sollte die ganze Gesellschaft abgedeckt sein.
    1. Antwort von Werner Gerber  (1Berliner)
      Ich fände spannend so eine Art Bürgerparlament, in dem zufällig per Losentscheid, wie bei den alten Griechen (!) normale Menschen die Themen diskutieren und dann ein Statement abgeben. Die offizielle Politik kann dann daraus Entscheidungen ableiten, wie sie das auch aus den Überlegungen derTask force tut.
    2. Antwort von Thomas Leu  (tleu)
      @ Werner Gerber: Mitten im "Gefecht" wäre so eine Prozedur viel zu langsam. Dann hätten wir heute noch keine Masken. Viele der zufällig ausgewählten Bürger, würden das Angebot zur Teilnahme ablehnen, so dass Sie trotzdem wieder eine nicht repräsentative Selektion dieses "Bürgerparlamentes" hätten.
    3. Antwort von Werner Gerber  (1Berliner)
      Hr Leu. Natürlich wäre ein Bürgerparlament jetzt nicht schnell genug. Aber zur Verbesserung der Kommunikation? Ich kritisiere ja gar nicht die Entscheidungen und Statements des BR und der TF. Dazu fühle ich mich nicht kompetent. Aber ich glaube, wenn es ein Forum gäbe in dem breiter aufgestellt kommuniziert würde, wäre die Akzeptanz vielleicht auch größer. Selbstverständlich müsste diese Diskussion offen und transparent sein. Vielleicht käme sogar manche Anregung für BR/TF aus so einer Runde?
    4. Antwort von Thomas Leu  (tleu)
      @ Werner Gerber: O.K. Es sollte auch die Aufgabe der Medien sein, "kritische" Stimmen zu Wort kommen zu lassen, damit man zumindest drüber debattieren kann.