Zum Inhalt springen

Header

Audio
Ab heute ist Schluss mit Ruhe an der Tessiner Grenze
Aus SRF 4 News aktuell vom 15.06.2020.
abspielen. Laufzeit 05:23 Minuten.
Inhalt

Grenze zu Italien geöffnet «Spannungen zwischen Tessinern und Italienern nehmen wieder zu»

Heute öffnet die Schweiz die Grenzen und hebt alle Einreisebeschränkungen für EU- und Efta-Staaten auf – also auch für Italien. Im Tessin blickt man der Grenzöffnung mit gemischten Gefühlen entgegen, wie der SRF-Mitarbeiter im Tessin, Gerhard Lob, festgestellt hat.

Gerhard Lob

Gerhard Lob

Journalist aus dem Tessin

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Lob ist freier Journalist und Korrespondent aus dem Südkanton. Er arbeitet für verschiedene Medien.

SRF News: Was überwiegt im Tessin? Freude oder Sorge ob der Grenzöffnung?

Gerhard Lob: Es sind gemischte Gefühle. So war etwa in der Sonntagszeitung der Lega zu lesen, dass die Grenzen zu spät geschlossen worden seien und dass sie jetzt zu früh geöffnet würden. Schliesslich gebe es in der angrenzenden Lombardei immer noch viele Infektionsfälle mit dem Coronavirus. Viele Tessiner schauen der Grenzöffnung aber mit Vertrauen entgegen und sehen sie als notwendigen Schritt in Richtung Normalisierung.

Viele Tessiner schauen der Grenzöffnung mit Vertrauen entgegen.

Vor zwei Wochen hatte Italien die Grenze bereits einseitig geöffnet, was in der Schweiz zu Unmut führte. So durften Tessiner zwar nach Italien fahren, dort einkaufen durften sie aber nicht. Wie gingen sie damit um?

Generell war eine gewisse Zurückhaltung zu spüren, nach Italien zu fahren. Die Pandemie steckt den Menschen offenbar noch in den Knochen. Das Einkaufsverbot wiederum war vor allem den Italienern ein Dorn im Auge, denn viele Läden und Detailhändler nahe der Schweizer Grenze leben von den Einkaufstouristen aus der Schweiz. In der Lokalzeitung von Como war denn auch zu lesen, die Schweiz habe sich mit dem Einkaufsverbot einmal mehr etwas Spezielles ausgedacht.

Schweizer Grenzwächter kontrolliert Autos am Grenzposten.
Legende: Manche Tessiner wünschen sich weiterhin systematische Grenzkontrollen. Keystone

Arbeitskräfte aus Italien durften während des Shutdowns immer ins Tessin, jetzt aber kommen auch die Selbstständigen wieder, etwa Handwerker oder Gärtner. Hat sich die Stimmung gegenüber dieser wirtschaftlichen Konkurrenz während dieser Zeit verändert?

Zu Beginn des Shutdowns gab es viel Goodwill, vor allem gegenüber dem Pflegepersonal und den Ärzten aus Italien. Mit der Normalität, die jetzt wieder einkehrt, nehmen aber die gegenseitigen Spannungen und Sticheleien zwischen Tessinern und Italienern wieder zu.

Justizdirektor Norman Gobbi befürchtet, dass bald wieder Schwarzarbeiter aus Italien unterwegs sind.

Auch dürfte jetzt die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt wieder erstarken: Viele Tessiner sind in Kurzarbeit, während die Situation für manche Italiener noch dramatischer ist. Sie könnten versucht sein, im Tessin eine Arbeit zu suchen. So befürchtet etwa der Tessiner Justizdirektor Norman Gobbi, dass bald wieder Schwarzarbeiter aus dem Nachbarland unterwegs sein könnten.

Zivilschützer mit Gesichtsmasken messen Gobbi mit einem Thermometer die Temperatur, Szene im Vorfeld der Parlamentssitzung vom 25. Mai.
Legende: Justizdirektor Norman Gobbi (Lega) befürchtet, dass wieder vermehrt schwarzarbeitende Italiener ins Tessin kommen. Keystone

Manche Tessiner möchten die Grenze gerne geschlossen lassen. Sie argumentieren, dass die Kriminalität zurückgegangen und die wirtschaftliche Konkurrenz kleiner sei. Was ist da dran?

Der Shutdown hat die Kriminalität insgesamt reduziert – nicht nur im Tessin, sondern auch in Italien. So ist der Drogenschmuggel infolge der geschlossenen Grenzen praktisch zum Erliegen gekommen und es gab weniger Einbrüche. Angesichts dessen ist die alte Diskussion im Tessin wieder aufgeflammt, an der Grenze systematische Kontrollen vorzunehmen, was wegen des Schengenvertrags allerdings ausgeschlossen ist.

Die alte Diskussion um systematische Grenzkontrollen ist wiederaufgeflammt.

Auch hat der Tessiner Detailhandel während des Shutdowns sicher davon profitiert, dass niemand mehr zum Einkaufen nach Italien fahren konnte. Doch diese Zunahme macht die negativen Konsequenzen des Shutdowns für die Gesamtwirtschaft im Tessin sicher nicht wett.

Das Gespräch führte Claudia Weber.

SRF 4 News aktuell, 15.06.2020, 06:25 Uhr;

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.
Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Push-Mitteilungen aktivieren

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

19 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Ashley Ayaydın  (Ashley Ayaydın)
    Es ist dumm von Normalität zu reden, während auf der Welt noch Corona Virus herumtanzt!!!Wir konnten die Zahlen in der Schweiz durch die Maasnahmen so weit nach unten bringen.Wenn jetzt unter der Namen Normalität alles so wird wie früher( Grenzen auf,Geschäfte, Restaurants, Kinos, Badis, Bars ectr..auf) dann kommt die zweite Welle viel früher als erwartend.Noch dazu tut der Virus mutieren uns es heisst es ist mehr ansteckender und gefährlicher.Da fragt man wie lange diese Normalität dauern wird
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Margrit Holzhammer  (Margrit Holzhammer)
    Ich verstehe die Tessiner......
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Ulrich Schlegel  (genau)
    Irgendwie stellt sich ein Teil der Tessiner und der Norditaliener dumm an, dauernd angestachelt durch Lega dei Ticinesi und Lega (Italien). Andere Regionen wie etwa Kreuzlingen / Konstanz, das St. Galler Rheintal mit Liechtenstein und Vorarlberg und die Dreiländerregion Basel / Lörrach / Mulhouse etc. haben schon längst begriffen, dass es zur konstruktiven Zusammenarbeit keine vernünftige Alternative gibt.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Lothar Drack  (spprSso)
      Zu den genannten Beispielen darf man m.E. ruhig die Region Genf hinzufügen, Herr Schlegel. Die ist in jeder Beziehung exponierter, trotzdem wird da nach meiner Wahrnehmung nicht annähernd so heftig lamentiert wie im Tessin. Tja, die Lega dei Ticinesi und ihre wöchentliche Streitschrift, gratis in allen Gemeinden aufliegend, versteht es, sich just in dem Kanton breit zu machen, wo vor 50 Jahren bei der Schwarzenbachi-Iitiative die Zahl der Nein-Stimmenden – schweizweit! – am höchsten war!
      Ablehnen den Kommentar ablehnen